Wie die ETH ins Internet kam

Vor rund 30 Jahren kam das Internet erstmals in die Schweiz. Es nannte sich SWITCHlan, verband die Schweizer Hochschulen miteinander und war ausschliesslich für die Forschungswelt bestimmt. Somit wurde SWITCH zum ersten Internet Service Provider der Schweiz. Wie kam es zu dieser Entwicklung und inwiefern hat sich das Internet verändert?

Erste Ideen

Die Geschichte des Internets beginnt früher, als man denkt: Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hatten einige Wissenschaftler/innen und Forschende Ideen und Konzepte, die dem heutigen Internet sehr nahekommen. 1934 skizzierte Paul Otlet, Begründer der modernen Dokumentationswissenschaft, Netzwerke und Abläufe, die sehr modern aussahen. Er hatte Visionen für Videokonferenzen und Geräte, die Tablets aus dem 21. Jahrhundert ähneln (siehe Bild). 

Otlet skizzierte Möglichkeiten, Informationen papierlos zu übertragen – per Audioübertragung, Telefon oder «Radiotelefotografie», einer Art Bildübertragung per Funk.

Eine von Paul Otlets Skizzen über Telekommunikation
Eine von Paul Otlets Skizzen über Telekommunikation

Ein weiterer Pionier war Doug Engelbart, ein amerikanischer Computertechniker und Erfinder. 1945 hatte er die Idee für «Memex», einen fiktiven Kompakt-Analog-Rechner. Dieser konnte in einen Schreibtisch eingebaut und auf der Oberfläche mit verschiedenen User Interfaces und einer Tastatur bedient werden. 

Memex, die Idee von Doug Engelbart
Memex, die Idee von Doug Engelbart

Vor 1973

Computer miteinander vernetzen

Verschiedene dezentrale Computernetzwerke wurden entwickelt. Sie bildeten die Grundlage für das heutige Internet und enthielten fundamentale Aspekte, die man noch in der heutigen Technologie wiederfindet. 

1969: Das «ARPAnet» wurde erstmals in Betrieb genommen. Es war ein Netzwerk von Computern an vier Standorten: University of California, Los Angeles (UCLA), University of California, Santa Barbara (UCSB), Stanford Research Institute (SRI) und University of Utah. Am 29. Oktober 1969 erfolgte der erste Datenaustausch zwischen den Computern der UCLA und dem SRI. Das Rechnernetzwerk mit vier Knoten wird als Vorläufer des heutigen Internets angesehen. 

1971: «CYCLADES» wurde in Frankreich unter der Leitung von Louis Pouzin ins Leben gerufen. Inspiriert vom ARPAnet enthielt auch dieses dezentrale Netzwerk Schlüsseltechnologien, die grundlegend für die Entwicklung des heutigen Internets waren. 1974 war es funktionsfähig. Etwa zur selben Zeit wurde das Ethernet am Xerox Palo Alto Research Center erfunden. Das Ethernet wird auch heute noch für die lokale, kabelgebundene Datenkommunikation verwendet. 

1973

Geburt des Internets: Ein Netz von Netzen

Vinton G. Cerf und Robert E. Kahn entwickelten 1973 und 1974 eine frühe Version von TCP, um Netze miteinander zu verbinden. TCP (Transmission Control Protocol) ist ein Netzwerkprotokoll, welches definiert, auf welche Art und Weise Daten zwischen Netzwerkkomponenten ausgetauscht werden sollen.

Zu diesem Zeitpunkt aber war das Internet fast ausschliesslich für die Forschungswelt bestimmt. Niemand dachte daran, das Internet global zu verbreiten und zu kommerzialisieren. Dies geschah dann erst in den 90-er Jahren.  

Vinton G. Cerf und Robert E. Kahn - Die Erfinder des Internets
Vinton G. Cerf und Robert E. Kahn – Die Erfinder des Internets

1987

Die «.ch»-Top-Level-Domain der Schweiz wird geboren

Ihr «Vater» ist ETH- Professor Dr. Bernhard Plattner. Er beauftragte am 20. Mai 1987die zuständige «Internet Assigned Numbers Authority» (IANA) mit dem Eintrag der «.ch»-Domain ins «Domain Name System» (DNS). 

Die ersten drei «.ch»-Domain-Namen

  1. cern.ch
  2. switch.ch
  3. ethz.ch

Einige Computer der ETH Zürich, EPFL und des Cern wurden Teil des internationalen Netzes. Die Standorte wurden mit einer 2 Mbit/s-Leitung verbunden. Somit ist der 20. Mai 1987 Geburtsstunde des Schweizer Internets. 

Kurz darauf wurde Bernhard Plattner vorübergehender Geschäftsführer von SWITCH und übertrug die Domain «.ch» an die Stiftung. Seither hat SWITCH nicht nur den Auftrag, ein Schweizer Hochschul- und Forschungsnetz aufzubauen, sondern ist auch für die Verwaltung der «.ch»-Domain verantwortlich.

Prof. Dr. Bernhard Plattner
Prof. Dr. Bernhard Plattner

1989

Geburt des Hochschulnetzwerkes SWITCHlan mit einer maximalen Bandbreite von 128 Kbit/s. 

SWITCH verband die Hochschulen miteinander und öffnete es dann für Firmen, die in der Forschung mit Hochschulen zusammenarbeiten. Damit wird sie zum ersten Internet Service Provider (ISP) der Schweiz.

Der erste Aufbau des SWITCHlan Backbones
Der erste Aufbau des SWITCHlan Backbones

Auch 1989: Tim Berners-Lee entwickelte am CERN das World Wide Web. 

1990

Zürich, 23. Februar 1990– Seit gestern sind die Schweizer Hochschulen und Universitäten mit dem sogenannten Internet verbunden. Dabei handelt es sich um das US-amerikanische Forschungsnetz der National Science Foundation NSF. Der Anschluss wurde möglich dank einer Zusammenarbeit mit dem Institut National de Recherche en Informatique et en Automatique INRIA im südfranzösischen Valbonne bei Nizza. Diese Verbindung ist gleichbedeutend mit der Teilnahme der Schweiz am weltweiten Forschungsnetz. Eine Mietleitung führt von Zürich nach Nizza und dann weiter nach Princeton in den USA. (fiktiver Zeitungsartikel, SWITCH-Journal Oktober 2012)

SWITCH-Journal Oktober 2012
SWITCH-Journal Oktober 2012

Dieser fiktive Zeitungsartikel stimmt nur eingeschränkt. Die erwähnte Verbindung bezieht sich nur auf den E-Mail-Dienst: In den 80-er und 90-er Jahren gab es viele verschiedene E-Mail-Systeme. Die wenigen standardisierten Systeme verwendeten zusätzlich verschiedene unterschiedliche Formen der Adressierung und Darstellung. Somit musste man zwischen unterschiedlichen Systemen Gateways einrichten, deren Aufgabe es war, die E-Mails für das vorgesehene System zu konvertieren.

Schweizer Universitäten verwendeten E-Mail-Systeme nach den X.400-Standards. Universitäten der USA arbeiteten hingegen mit Systemen nach dem RFC 822 et. al.-Standard, der heute weltweit verwendet wird. 

Am 22. Februar 1990, also vor 30 Jahren, wurden die E-Mail-Systeme der Schweizer Universitäten und die Internet-basierten E-Mail-Systeme der USA (und wenigen weiteren Ländern) durch einen Gateway miteinander verbunden. Ab dann war es möglich, E-Mails zwischen Schweizer Unis und amerikanischen Unis auszutauschen. Man musste nicht mehr Briefe oder Fax-Nachrichten schicken.

Dies wurde ermöglicht mit einer 64kbit/s-Leitung von Zürich (bei SWITCH) zur französischen Forschungseinrichtung INRIA in Sophia Antipolis in der Nähe von Nizza. Darüber wurden E-Mails im X.400-Format versandt und empfangen. INRIA betrieb den Gateway, der die Konversion von X.400 zu RFC 822 und umgekehrt vornahm. Von INRIA zur Universität Princeton in den USA wurde eine Leitung mit 128kbit/s betrieben, über welche die E-Mail-Daten aus/in die Schweiz, aber auch die Daten von/nach Frankreich übertragen wurden.

Die Verbindung zum US-Amerikanischen Internet wurde jedoch mit dieser Leitung nicht aufgebaut. Zu dieser Zeit gab es noch ganz wenige Webseiten. Die wenigen Webseiten in den USA konnte man über diese Verbindung nicht erreichen. Da das Internet hierzulande noch in den Kinderschuhen steckte, konnte man die Anfragen nach einem Domain-Namen an einer Hand abzählen. Internetzugang hatten bislang nur Schweizer Unis und einige Grossunternehmen. Pro Firma gab es genau einen Domain-Namen, Privatpersonen waren laut globaler Vergaberegeln gar nicht vorgesehen als Halter.

1993

NCSA Mosaic: Der erste Browser für Normalbenutzende, der neben Text auch eingebettete Elemente wie Grafiken oder interaktive Elemente enthält, wurde entwickelt. Ende 1993 waren 2 Millionen Kopien von NCSA Mosaic im Umlauf.

2003

Das World Wide Web wurde demokratisiert: Bisher konnten Nutzende auf Daten zugreifen, nun ist jede/r berechtigt, auch Daten ins Internet zu stellen.

Heute

Der Kern des Netzwerks Internet ist noch heute fast identisch wie vor 40 Jahren. Grosse Innovationen gab es «nur» in den Anwendungsfeldern und Diensten des Internets. Probleme wie Spam, Phishing, Cybermobbing oder DarkNet waren in den Anfängen des Internets noch gar kein Thema. Heute verändert sich das Internet im Sekundentakt. Wer weiss, was noch auf uns zukommt.

Text und Recherche: Francine Tobler
Informationen basierend auf einem Interview mit Professor Bernhard Plattner

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  • Pionier des Schweizer Internets tritt ab (ETH News)

Kontakt: Sabine Hoffmann, Head of PR & Communications, IT Services

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4 comments on «Wie die ETH ins Internet kam»

  1. Viele Services wie Online-Shopping, Telebanking und Chats waren in der Schweiz mit Videotex (ohne t am Schluss ca. in den 1980-2000) bereits möglich, in Deutschland hiess es BTX und in Frankreich Minitel. Die Schweizer Firma Furrer+Partner AG hat dafür Software (VTXSoftX/VTXWinX) und auch eigens entwickelte Modems angeboten, die Übertragungsrate waren 1200/75, 2400 und am Schluss 9600 bauds. Adressiert wurden die Seiten mit Nummern zwischen Stern und Gartenhag, zB *1814# – die PTT in der Schweiz hat die Rechenzentren betrieben, die Swissonline hat es trotz aufkommendem Internet noch bis ins Jahr 2000 betrieben, danach wurde es eingestellt. Ob die ETH in dem Videotex-Netzwerk auch präsent war wäre noch interessant.

  2. Danke für deinen Kommentar, Claudia. Haben andere darauf eine Antwort? Generell freuen wir uns auf alle Inputs, Fakten oder eigene Erlebnisse, sodass sie für die ETH-Geschichte festgehalten werden können.

  3. Kommentar per E-Mail. Danke für die vielen Informationen. Wir werden weiter recherchieren und mit Herrn Plattner wieder Kontakt aufnehmen:

    Vielen Dank für den Artikel „Wie die ETH ins Internet kam“. Gestatten Sie mir drei Anmerkungen:
    1) Memex wurde nicht von Doug Engelbart erdacht, sondern von Vannevar Bush, siehe u.a. https://de.wikipedia.org/wiki/Memex

    2) Die Initiative, die ETH an das Internet anzuschliessen, geht vermutlich auf Prof. Walter Gander zurück, evtl. parallel zur Initiative von Bernhard Plattner. Jedenfalls schrieb er am 1. Juli 1989 einen Brief an den ETH-Vizepräsidenten für Forschung mit der Anregung, einen „INTER-NET-Anschluss“
    der ETH einzurichten – siehe beigefügtes Bild des Briefes.
    (Walter Gander dürfte noch eine qualitativ bessere Kopie des Briefes haben.)

    3) Es heisst im Artikel: „Am 22. Februar 1990… war es möglich, E-Mails zwischen Schweizer Unis und amerikanischen Unis auszutauschen. Man musste nicht mehr Briefe oder Fax-Nachrichten schicken.“

    Es würde mich wundern, wenn man nicht schon einige Jahre früher solche E-Mails verschicken konnte. Meine erste interkontinentale E-Mail (allerdings von Deutschland aus) in die USA stammt jedenfalls von
    1985 – unten ist sie angehängt.

    Viele Grüsse
    — Friedemann Mattern.
    ———————————
    Dr. Friedemann Mattern, Professor
    ETH Zurich
    Department of Computer Science
    8092 Zurich, Switzerland

  4. Antwort an Claudia, was wir inzwischen erfahren haben:
    Feedback Armin Brunner, Leiter ID MMS: «Soweit ich weiss, war die ETH im Videotex System nicht präsent.»
    Feedback Giorgio Broggi, Leiter ID SWS: «Doch! Mindestens die Angebote des Zentrums für Weiterbildung waren dort publiziert.»
    Feedback Jürgen Winkelmann, Leiter ID SD: «Über Videotex und seine Varianten weiss ich leider nichts. Allerdings war ja die übergeordnete Thematik «Wie die ETH ins Internet» kam. Wenn es um eine Verallgemeinerung dahingehend geht, wie die ETH überhaupt in irgendwelche Netze kam, gibt es natürlich aus dem Jahrzehnt vor dem Internet (also den ‘80er Jahren) ein ganz prominentes Beispiel, nämlich EARN/Bitnet. Praktisch jede grössere Maschine war in jener Zeit in diesem Netzwerk, insbesondere unsere DEC VAX/VMS Systeme, die IBM Mainframes und meiner Erinnerung nach wenigstens zeitweise auch die CDC Systeme. Treibende Kraft war auch schon zu jener Zeit die Physik und das CERN. Der einzelne Endbenutzer hatte in diesem Setup über Terminal Logins auf diese zentralen Maschinen Zugriff ins Netz, E-Mail und Filetransfer waren die Hauptanwendungen… aber das ist wohl eher eine Story für sich. Ich erinnere mich noch an etliche Systemnamen aus dieser Zeit, die man heute in «historischen» Büchern, wie dem alten «The User’s Directory of Computer Networks» noch nachschlagen kann.»

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