Interview Dr. Giorgio Broggi: 20 Jahre ID

Giorgio, herzlichen Glückwunsch zum 20-jährigen ID-Jubiläum!

 

 

Du hast in Physik promoviert. Warum der Wechsel zur Informatik?

Ich habe promoviert, danach einen Post-Doc absolviert und war dementsprechend einige Jahre in der Forschung aktiv. Zur Wahl stand danach Stabilität mit Familienleben oder, je nach Angebot, von einer Uni zur anderen zu pilgern. Somit habe ich Ersteres gewählt und entsprechend in die Informatik gewechselt. Ich bin aber nicht unbedingt ein Informatiker, sondern eher ein «University Administrator» – ein in der angelsächsischen Welt durchaus bekanntes berufliches Profil – und betrachte mich selber dementsprechend als Manager mit Informatikkompetenzen. In den Informatikdiensten und bei SWS haben wir Kolleginnen und Kollegen, die sicherlich viel bessere Informatiker sind als ich.

Nach vier Jahren in der Abteilung ID Kommunikation (KOM) bist du zum Abteilungsleiter der ID Betriebsinformatik (BI) aufgestiegen. Was hat dich motiviert, diese Verantwortung anzunehmen?

In der Kommunikation unter dem Abteilungsleiter Fritz Hille hatte ich bereits grosse Projektverantwortung. Wir haben das neue Campus-Backbone-Network aufgebaut und die universelle Verkabelung eingeführt. Auch habe ich mitgeholfen, innerhalb der Kommunikation die ETH-interne Norm zu definieren. Es war wirklich eine Zeit des Umbruchs mit viel Arbeit in der Systematisierung und Projektleitung. Die Stelle als Abteilungsleiter der Betriebsinformatik hat mir Andreas Dudler angeboten. Die BI war zwei Jahre vorher gegründet worden. Abteilungsleiter und Vorgänger war Andreas Dudler selber.

Was waren deine Meilensteine in der BI?

Die administrative Informatik der ETH hatte schon vor der BI eine lange Geschichte, die in einem spannenden Web-Artikel dokumentiert ist (http://www.ethistory.ethz.ch/besichtigungen/touren/vitrinen/dienstwege/vitrine62/). Als ich bei der BI begann, waren noch kommandozeilenorientierte Applikationen, die auf einer Data General Anlage, vergleichbar mit Digital VAX, liefen, in Betrieb. Für die BI und mich gab es mehrere grosse Projekte. Meine erste Aufgabe war die Einführung einer ersten Generation der ETH Karte, auf der Basis der neuen, integrierten Personendatenbank. Danach haben wir die neue Generation der Lehrbetriebsapplikationen eingeleitet. Kurz danach kam die Einführung von SAP. Diese Projekte haben uns mehrere Jahre beschäftigt. Zum Schluss kam die Einführung der Systeme für das Immobilien-Management. Damit war das neue, integrierte Operative Informationssystem der ETH (OIS) entstanden.

Wie hast du bei der BI das Millennium erlebt?

Wir haben ein Millenniumprojekt durchgeführt und Korrekturen vorgenommen. Am Ende war zum Glück nur ein Xenix-PC ausgestiegen, der lediglich eine Nebenrolle als Terminalserver-Konfigurationskonsole hatte. Alles andere hatte ohne Probleme weiter funktioniert.

Was willst du mit der neuen Abteilung Software Services erreichen?

Als ich von der Grundlagenforschung in die Informatik gewechselt habe, habe ich bewusst einen Arbeitgeber gewählt, bei dem ich Aufgaben zur Unterstützung von Lehre und Forschung bewältigen darf. Gerade da wird mir jetzt eine noch grössere Chance angeboten. Wir haben lange für die Unterstützung der Lehre gearbeitet und grosse Applikationen für den Lehrbetrieb entwickelt, die seit Jahren sehr erfolgreich in Betrieb sind. Ich erhoffe mir mit der neu gegründeten Abteilung und mit unserer Kompetenz zusätzliche Projekte der Forschung informationstechnisch zu unterstützen. Auch möchte ich gute Softwareentwicklungen für Gruppen, Professuren und Departemente der ETH machen. Wir sehen uns als interner IT-Dienstleister und könnten z.B. Software für die Datenakquisition und -auswertung innerhalb der ETH entwickeln.

Wer wird die Kunden akquirieren? Gibt es einen SWS-Aussendienst?

Als Dienstleister bin ich selbst immer bereit für Kundenkontakte. Bekanntlich sind die Kanäle an der ETH nicht immer offiziell. Wir profitieren davon, dass wir bereits mit den Departementen im Bereich der Unterstützung der Studiensekretariate zusammengearbeitet haben. Mit dem WebRelaunch hat es weitere Beziehungen mit den Departementen gegeben. Sicherlich können aber auch über die Schulleitung und ID Direktion weitere Verbindungen geschaffen werden. Ich hoffe auch, dass Breite und Tiefe der Kontakte zwischen ID und Departementen insgesamt grösser werden. Daraus könnten sich 2012/2013 weitere Möglichkeiten zur Zusammenarbeit ergeben. Die ETH hat grosses Potenzial im Bereich der Softwareentwicklung.

Du bist Träger des goldenen Dreirads 2010. Wie hast du reagiert, als du erfahren hast, dass deine Mitarbeitenden dich für das Goldene Dreirad vorgeschlagen haben?

Es war wirklich eine Überraschung. Ich habe am Telefon davon erfahren und war sehr sprachlos. Diejenigen, die mich vorgeschlagen haben, haben mir dann erzählt wie sie es gemacht haben. Über den Preis habe ich mich natürlich sehr gefreut und das «Ding» steht immer in meinem Büro.

Gibt es ein Geheimrezept, damit Mitarbeitende ihren Chef mögen?

Überhaupt nicht. Die Leistungsbereitschaft der Mitarbeitenden ist ja ein «Major Asset» für einen Dienstleistungsbetrieb. Man muss einfach achten, dass die Stunden, die man hier bei der Arbeit verbringt, angenehm und sinnvoll sind. Das erreicht man ohne Rezept. Man muss einfach auf die Personen Rücksicht nehmen ohne jegliche künstliche Zielsetzungen. Wichtig ist, dass man klare Zielvereinbarungen hat. Wenn am Ende die Leistung stimmt, ist es nicht nur unnötig sondern auch sehr kontraproduktiv, künstliche Zwänge einzuführen. In diesem Sinne müssen die ID schauen, dass sie keine Rückschritte machen.

Du hast als Familienmensch Vaterschaftsurlaub genommen. Was ist dir davon im Gedächtnis geblieben?

Jede Geschichte ist ein Unikat und sehr individuell. Meine Erfahrung kann nur teilweise mit anderen verglichen werden. Während meines Sabbaticals hatte ich schon die Möglichkeit, lange Vor- und Nachmittage alleine mit meinen Kindern zu verbringen. Die Tatsache, dass ich ein Kind mehr hatte, hat mich dazu überwogen, einen Vaterschaftsurlaub zu nehmen. Ich kann es wirklich nur jedem empfehlen.

Du hast eine grosse Familie. Wie bringst du Familie und Arbeit unter einem Hut?

Auch da gibt es kaum Rezepte. Man muss es einfach wagen. Da meine Frau auch einen Fulltime-Job hat, möchte ich niemanden für dumm verkaufen: Neben Job und Familie habe ich für nichts anderes mehr Zeit. Aber die Rechnung geht trotzdem auf.

Wie sieht ein Tagesablauf bei dir aus?

Ich übernehme sicher 2/3 der Haushaltsarbeit und 1/3 der direkten Kinderbetreuung zusätzlich zu meinem ID-Job. Man kann selbst ausrechnen, wie viele Stunden es insgesamt macht. Meine Frau macht das Komplementäre: 2/3 der Kinderbetreuung und 1/3 der Hausarbeit. Für Hobbys bleibt da keine Zeit.

In welcher Sprache wird bei dir zu Hause gesprochen?

Wir sprechen Italienisch und gelegentlich Englisch zu Hause. Meinen Kindern, die miteinander Schweizerdeutsch reden, lese ich in Italienisch vor. Selbst komme ich nicht gross zum Lesen, die Zeit reicht gerade mal für Fachliteratur.

Hast du ein Traumferienziel? Wohin wolltest du immer schon einmal?

Ich möchte mal nach Französisch-Polynesien, nach Tahiti. Es ist eine interessante Mischung zwischen Nah und Fern. Es ist politisch Frankreich, aber doch am Ende der Welt. Das fasziniert mich.

Du kannst dein Wunschgericht zusammenstellen. Wie sieht es aus?

(lacht) Ich musste während der letzten Ferien dreimal am Tag für fünf bis sechs Personen kochen. Wenn jemand für mich kocht, ist das schon ein Traum. Ich habe sehr viele Gerichte sehr gern. Meine Präferenz geht in die Richtung traditionelle internationale Küche.

Stell dir vor, dass jeder der 20 Jahre an der ETH ist, der Schulleitung Veränderungswünsche vorschlagen darf, die sicher angenommen werden. Was wünschst du dir?

Ich würde mir eine mit allen beteiligten Abteilungen verbindlich vereinbarte Strategie der Supportprozesse an der ETH Zürich wünschen. Auch, dass es eine gut vereinbarte Prozesslandschaft in diesem Bereich gibt. Einfach eine klare Governance. Ohne Polemik: Hier besteht an der ETH klar Verbesserungspotenzial.

In deiner Abteilung gibt es einen schönen Brauch. Die Mitarbeitenden bringen viele süsse Sachen zum Geburtstag mit. In anderen Abteilungen ist mir das in dieser Grösse nie aufgefallen. Welche Bräuche pflegst du noch?

Es ist tatsächlich ein sehr schöner Brauch. Wichtig ist mir, dass jeder es ohne jeglichen Zwang machen oder aber nicht machen kann. Wir haben alle, auch ich, eine Antipathie gegen Zwänge. Es gibt auch andere Bräuche: z.B. wir organisieren immer einen geselligen Anlass, wenn es Veränderungen in der Abteilung gibt. Das ist spontan entstanden und lebt spontan weiter so lange es Sinn macht.

Interview: Sabine Hoffmann, ID Direktion, Marketing & Kommunikation

Zur Person

Dr. Giorgio Broggi

Funktion

Abteilungsleiter Software Services an der ETH Zürich, Informatikdienste

Familie

vier Söhne (von 3 bis 10 Jahren) Alberto, Peter, Thomas, Nicolas
verheiratet mit Dr. Francesca Broggi-Wüthrich, Dozentin und Assistentin an der Gastprofessur «de-Sanctis» für Italienische Kultur und Literaturwissenschaft

Ausbildung

  • Studium der Physik an der Universität Zürich
  • 1989 Promotion in Physik
  • Post-Doc an der Universität Zürich, Forschung der numerischen Charakterisierung nichtlinearer dissipativer Systeme

ID-Laufbahn

1992-1996 Leitung Verkabelungsprojekt, Abteilung ID Kommunikation (KOM)

  • Erarbeitung einer ETH-Norm für die LWL-Verkabelung (Campus-Backbone), sowie für die Gebäude-Verkabelung + Durchführung der entsprechenden Projekte

1996-2012 Abteilungsleiter ID Betriebsinformatik (BI)

  • Aufbau der 3. Generation des OIS als integriertes System (basiert auf einem Moderate Best-of-Breed Konzept, systemweite Datenhaltung ohne inhaltliche Redundanz, Prozessunterstützung mit Backoffice- und Web-Clients)

Seit 2012 Abteilungsleiter Software Services (SWS)

  • SWS entstand aus der aufgelösten BI. Die neue Abteilung stärkt mit anderen Gruppen der ID den Bereich Applikationsentwicklung an der ETH Zürich

Goldenes Dreirad

Die Akademische Vereinigung des Mittelbaus an der ETH (AVETH) und die Stelle für Chancengleichheit (Equal) ehrt mit dem Goldenen Dreirad seit 2007 jährlich besonders familienfreundliche Vorgesetzte. Jeder Mitarbeitende der ETH Zürich kann seine Vorgesetzte oder seinen Vorgesetzten für den Preis nominieren. Mit Giorgio Broggi erhielt erstmals eine Führungsperson aus der Administration die Auszeichnung. http://www.family.ethz.ch/ethfamilie/dreirad

 

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