Unser Beitrag zum Klimaschutz – Was können wir selbst und was kann die Schweiz tun?

Von Christian Schaffner, Anthony Patt und Marco Mazzotti

Heute ist nationaler Klimatag in der Schweiz. Wir haben nicht mehr viel Zeit, um unsere Klimaziele zu erreichen und den von uns versprochenen Anteil im Kampf gegen die Klimaerwärmung umzusetzen. Aber wir haben bereits heute ganz konkrete Möglichkeiten, einen Beitrag zu leisten. Sei das in der Wahl unseres nächsten Autos, bei der Sanierung unseres Eigenheims, oder bei der Wahl der Feriendestination. Und dabei kann die Schweiz zu einem Vorzeigeland von technisch, wirtschaftlich und auch gesellschaftlich machbaren Lösungen für eine nachhaltige Energieversorgung werden. Packen wir es an!

Wir haben einen langen Weg vor uns: Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, bis 2050 keine klimaschädlichen Gase mehr in die Atmosphäre auszustossen, müssen wir unser Energiesystem umbauen. Insbesondere müssen wir uns von fossilen Energiequellen wie Erdöl und Erdgas trennen. 2050 scheint noch weit weg zu sein, doch weniger als 30 Jahre sind im Energiebereich leider kurz, wenn wir etwa an die Lebensdauer von Heizungen in Gebäuden denken (typischerweise 20 bis 25 Jahre). Daher müssen wir jetzt handeln!

Um die Ausgangslage besser zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf die klimarelevanten Emissionen in der Schweiz und den möglichen Absenkpfad bis 2050 zu werfen:

Legende: Klimarelevante Treibhausgas-Emissionen in der Schweiz (in Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten): Netto-Null-Szenario bis 2050 [Quelle: Energieperspektiven 2050+ (BFE), Prognos AG / TEP Energy GmbH / INFRAS AG 2020]

Die Grafik zeigt klar, dass wir zwar seit 1990 schon einiges erreicht haben, insbesondere bei den Haushalten. Sie zeigt aber gleichwohl, dass die klimarelevanten Treibhausgas-Emissionen noch stärker sinken müssen. Die hohen CO2-Emissionen aus den Bereichen “Verkehr” und “Haushalte & Dienstleistungen” sind dabei fast ausschliesslich auf den Einsatz von fossilen Energien zurückzuführen: Benzin bei Privatautos, Diesel bei den Lastwagen, sowie Erdöl und Erdgas bei Heizungen. Auf diesen Bereichen sollte so auch ein Hauptfokus liegen, denn hier müssen die Emissionen bis 2050 fast auf Null gesenkt werden. Der grösste Teil der restlichen Emissionen aus der Landwirtschaft und aus der Industrie wird immer noch anfallen, da diese Emissionen an der Quelle schwierig zu vermeiden sind. Um das Netto-Null-Emissionsziel bis 2050 zu erreichen, muss dieser Teil mit Technologien für negative Emissionen (sog. “Negative Emission Technologies”, NET) kompensiert werden, welche mehr CO2 einfangen können, als was sie ausstossen. Beispiele dafür umfassen Technologien zur Abscheidung von CO2 aus der Luft, wie etwa vom ETH-Spin-Off Climeworks demonstriert oder innovative Prozesse bei der Zementherstellung, welche ein weiteres ETH-Spin-Off, Neustark, entwickelt. Wenn das CO2 dann auch noch im Untergrund gespeichert wird, sprechen wir von “Carbon Capture and Storage” (CCS).  

Was können wir selbst tun?

Aber konzentrieren wir uns nun auf den Energieteil: Was kann jede und jeder von uns tatsächlich bewirken? Einige Beispiele:

  • Wir entscheiden uns für den Kauf eines Elektroautos statt eines Benziners (oder verzichten besser komplett auf den Kauf und nutzen Carsharing, den öffentlichen Verkehr, oder ein Fahrrad).
  • Wir investieren bei der nächsten Gebäude- und Heizungssanierung in eine Wärmepumpe, statt die Ölheizung wieder durch eine fossile Lösung zu ersetzen.
  • Wir setzen uns beim Arbeitsplatz dafür ein, dass weniger geflogen wird. Seit Covid19 wissen wir, dass Videokonferenzen gut funktionieren (siehe auch das Interview mit dem ETH-Präsidenten, Joël Mesot).
  • Wir wählen für unsere Ferien vorwiegend Ziele, die mit dem Zug oder anderen nachhaltigen Transportmitteln erreichbar sind.
  • Wir entscheiden uns für Geldanlagen, die in erneuerbare Energien investieren.

Diese Liste ist selbstverständlich nicht abschliessend und als Inspiration zu sehen. Es sind aber durchaus Massnahmen, die einen grossen Einfluss auf die Entwicklung der klimarelevanten Emissionen haben.

Sie denken jetzt vielleicht, dass all diese Entscheidungen einen grossen persönlichen Verzicht bedingen. Aber das Gegenteil ist häufig der Fall, denn der empfundene Komfort ist oft sogar höher: Wer schon jemals mit einem modernen Elektroauto gefahren ist, wer sich nicht um die Reparatur seines Autos kümmern muss, wer sein Haus kürzlich saniert hat, kann das bestätigen. Und ganz nebenbei reduzieren wir den Lärm und verbessern die Luft in unseren Städten und Quartieren mit wichtigen Vorteilen für unsere Gesundheit. Auch kostenmässig sind diese neuen Technologien heute über die Lebensdauer nicht oder nur noch geringfügig teurer. Und Zugtickets sind oft günstiger als Langstreckenflüge. Und dies, ohne dass die externen Kosten wie etwa die Umwelteinwirkungen voll eingerechnet sind.

Was kann die Schweiz tun?

Natürlich führt die starke Elektrifizierung des Verkehrs- und Gebäudesektors auch zu einem steigenden Strombedarf. Zudem wird die Erwärmung des Klimas wohl auch für zusätzlichen Strombedarf für die aktive Kühlung der Gebäude sorgen. Daher werden wir sicher insbesondere die Photovoltaikanlagen stark ausbauen müssen. Platz dazu haben wir genug, fast ausschliesslich auf bestehenden Dachflächen. Die Kosten für Photovoltaik sind dabei in den letzten Jahren so stark gesunken, dass dieser Ausbau auch wirtschaftlich sehr gut tragbar ist und sich über längere Zeit sogar finanziell lohnt, übrigens durchaus auch für Mieterinnen und Mieter oder Gemeinschaften. Zudem müssen die Stromversorgung intelligenter gemacht, Daten effektiv genutzt und Speicher ausgebaut werden. Schliesslich müssen sinnvolle Rahmenbedingungen gesetzt werden, um die signifikanten Investitionen zu ermöglichen.

Der massive Ausbau der erneuerbaren Energien sowie die Elektrifizierung der Verkehrs- und Gebäudesektoren werden auch den Bedarf an Materialien erhöhen, insbesondere der Metalle (u.a. Kupfer, Lithium, Kobalt). Dies kann nur nachhaltig implementiert werden, wenn diese Metalle konsequent rezykliert werden. Somit ist es wichtig, die entsprechenden Prozesse zu optimieren und die notwendige Recycling-Industrie aufzubauen. 

Wir verfügen in der Schweiz über alle Voraussetzungen, um einen derartigen Wandel umsetzen zu können. Ja, um unseren Nachbarn und der Welt zu zeigen, wie dies sowohl technisch, wirtschaftlich als aus gesellschaftlich umsetzbar ist: Wir haben die finanziellen Mittel, wir haben die Infrastruktur, wir haben die notwendigen handwerklichen Fähigkeiten, und nicht zuletzt haben wir Hochschulen von Weltrang, die den Prozess wissenschaftlich begleiten und vorantreiben können. Lasst uns doch gemeinsam die Schweiz zu einem Vorzeigeland im Umbau des Energiesystems hin zu einer nachhaltigen Versorgung machen!

Folgen Sie dem Energy Blog @ ETH Zurich auf Twitter @eth_energy_blog.

Empfohlene Zitierung: Schaffner, Christian, Patt, Anthony, Mazzotti, Marco “Unser Beitrag zum Klimaschutz – Was können wir selbst und was kann die Schweiz tun?”, Energy Blog @ ETH Zurich, ETH Zürich, 27. Mai 2021, https://blogs.ethz.ch/energy/klimatag/

Wenn Sie Mitglied der ETH Zürich sind und gerne über Ihre Forschung und Meinung berichten würden, ist der Energy Blog @ ETH Zurich das richtige Gefäss! Erfahren Sie hier mehr darüber (auf Englisch), wie Sie etwas beitragen können. Kontaktieren Sie das Editoren-Team, um mit uns über Ihre Idee zu diskutieren!

Christian Schaffner ist seit 2013 der Executive Director des Energy Science Center (ESC) der ETH Zürich. Das ESC ist ein interdisziplinäres Kompetenzzentrum, das die Energieforschung und -lehre an der ETH Zürich fördert. Das Ziel des ESC ist es, den Einsatz eines umweltfreundlichen, zuverlässigen, risikoarmen, wirtschaftlich tragfähigen und sozial verträglichen nachhaltigen Energiesystems zu erleichtern.

Anthony Patt ist seit 2013 ordentlicher Professor für Klimapolitik am Institut für Umweltentscheidungen der ETH Zürich. Nach Studien- und Forschungsaufenthalten an international renommierten Universitäten und mehrjähriger Tätigkeit als Anwalt und Berater für Umweltplanung, forscht Anthony heute an erfolgversprechenden staatlichen Ansätzen zur Eindämmung von Treibhausgasemissionen innerhalb kurzer Zeit.

Marco Mazzotti ist seit 1997 Professor an der ETH Zürich, nachdem er Chemieingenieurwissenschaften studiert und in der Industrie gearbeitet hatte. Marcos Forschung am Institut für Energie- und Verfahrenstechnik der ETH Zürich befasst sich mit Trennprozessen für eine Reihe von Anwendungen, von Pharma bis Energie. Ein Schwerpunkt seiner aktuellen Arbeit liegt auf den systemischen Aspekten des Kohlendioxidmanagements, um klimapositive Lösungen und eine klimaneutrale Gesellschaft zu ermöglichen. 

2 comments

  • Martin Holzherr

    Ja, sehr realistisch ist die Annahme, dass das Netto-Null-Emissionsziel nur dann bis 2050 erreicht werden kann, wenn ab 2035 negative Emissionen zum Einsatz kommen, denn selbst mit dem völligen Verzicht auf Kohle, Öl und Erdgas bleiben Rest-Emissionen aus Bau und Landwirtschaft.
    Nicht ganz so optimistisch bin ich was die zukünftige Rolle der Solarenergie angeht, also mit einer Reduktion der Energiequellen der Schweiz auf nur noch Wasserenergie und Sonnenenergie, die je 50% des Stroms (und auch der Energie) im Jahr 2050 bereitstellen müssten. Vor allem weil das nur mit massiven und teuren Stromspeichern gelingen kann und eine fast 100%-ige Abdeckung aller Gebäudedächer mit Solarpaneln nötig machen würde. Viel weniger Probleme hätte die Schweiz, wenn sie in einen europäischen Stromverbund eingebunden wäre, der in Zukunft für einen europaweiten Ausgleich von Produktion und Konsumation von Strom sorgen würde.

    • Christian Schaffner

      Danke für diesen Kommentar. Niemand kann natürlich die Zukunft voraussagen. In unseren Szenarien können wir zeigen, dass es technisch und ökonomisch durchaus denkbar ist, dass wir die Strombereitstellung bis 2050 zum grössten Teil aus Wasser- und Solarenergie bereitstellen können. Der Bedarf an Speicher ist dabei nicht so hoch, wie wir evtl. denken könnten. Es setzt allerdings voraus, dass wir in Europa weiterhin auf einen aktiven Austausch über die Landesgrenzen hinaus zählen können, wie dies auch heute für die Versorgungssicherheit zentral ist. Es braucht also beides: Photovoltaik auf den Dächern und die Einbettung in das Europäische Stromsystem.

Leave a Reply

Your email address will not be published.