Das Veränderungspotential von SLSP

(Dr. Rudolf Mumenthaler)

Im Frühjahr wurde der erste Zwischenbericht zum Projekt Swiss Library Service Platform veröffentlicht, und am 10. Mai fand eine öffentliche Informationsveranstaltung statt. Es wurden der aktuelle Stand des Projekts sowie die Ergebnisse der einzelnen Teilprojekte vorgestellt. Zudem wurden wegweisende Entscheidungen für den Sommer 2016 angekündigt – ein guter Moment, um mit einer Aussenperspektive den Stand der Dinge zu betrachten.

Wobei ich zunächst etwas genauer deklarieren möchte, in welcher Verbindung ich zu SLSP stehe: Ich bin Mitglied des sog. Sounding Board (groupe de reflexion).

Ich möchte in diesem Beitrag einige Aspekte ansprechen, von denen ich grössere Auswirkungen auf die Schweizer Bibliothekslandschaft erwarte. Erstaunlicherweise gab es in der Diskussionsrunde an der Informationsveranstaltung kaum kritische Fragen. Erstaunlich deshalb, weil sich die Projektbeteiligten eigentlich bewusst sind, dass mit SLSP einige grosse Veränderungen auf Schweizer Bibliotheken zukommen werden und dass diese nicht überall nur auf Zustimmung stossen werden.

Wer macht mit?

Eine entscheidende Frage lautet, wer sich aktiv am künftigen Betrieb von SLSP beteiligen wird. Im Projekt wurde ein Modell ausgearbeitet, das von (eher wenigen) Partnern ausgeht, welche „in die Plattform investieren und über die strategische Ausrichtung entscheiden“ (Zwischenbericht, S.8). Ein zweiter Kreis besteht aus Mitgliedern der Plattform, welche die Plattform mit Grundbeiträgen unterstützen und an der Ausrichtung schon während der Projektphase beteiligt sind. Schliesslich kommen Servicenehmer hinzu, die Dienstleistungen der Plattform nach Abschluss des Projekts gegen Bezahlung in Anspruch nehmen können.

Es ist naheliegend, dass in einem Projekt, das von swissuniversities finanziert wird, der Fokus bei den Mitgliedern dieser Organisation, also den Universitäten, Fachhochschulen und Pädagogischen Hochschulen liegt. Dies hat zur Konsequenz, dass sich das Projekt SLSP ganz auf die entsprechenden Bibliotheken konzentriert. Bibliotheken, die nicht zu einer Hochschule gehören, können künftig allenfalls als Kunden Dienstleistungen von SLSP in Anspruch nehmen.

Die Kundengruppen werden in primäre und sekundäre differenziert, wobei die Hochschulbibliotheken zur primärem Kundengruppe gehören. Hier kommen affiliierte Bibliotheken hinzu, die heute als wissenschaftliche (aber nicht universitäre) Bibliotheken an einem Bibliotheksverbund (IDS, RERO) beteiligt sind.

Die sekundäre Kundengruppe besteht aus den wissenschaftlichen Bibliotheken, die nicht an einem solchen Verbund beteiligt sind, sowie anderen GLAM-Institutionen. Sie haben kein Mitspracherecht im Projekt und werden auch nicht Partner der künftigen Plattform sein.

KundengruppenIn der Konsequenz müssen sich Kantonsbibliotheken – und auch die Nationalbibliothek – mit einer Zuschauerrolle begnügen. Besonders heikel wird es für Verbünde, an denen auch nicht-wissenschaftliche Bibliotheken beteiligt sind, denn diese sollen gar keine Kunden von SLSP sein.

„An dieser Stelle ist der Hinweis notwendig, dass nicht-wissenschaftliche Bibliotheken wie Schul- und Gemeindebibliotheken bis zur endgültigen Konsolidierung von SLSP keine Kundengruppe von SLSP sind. Dies schliesst nicht aus, dass diese Bibliotheksgruppe zu einem späteren Zeitpunkt definierte Services gegen Kostenübernahme beziehen kann.“ (Zwischenbericht, S.11)

An der Informationsveranstaltung wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass sich die heutigen Verbünde um diese Bibliotheken (v.a. Gemeinde- und Schulbibliotheken) kümmern müssen, da sie nicht an SLSP teilnehmen können. Dazu gab es keinen Widerspruch in der Diskussion, aber gerade für den RERO-Verbund dürfte dies nicht unproblematisch sein. Ich gehe davon aus, dass rein technisch die Migration der aktuellen Verbünde 1:1 erfolgen wird. Alles andere scheint mir nicht realistisch. Was geschieht dann mit den nicht-wissenschaftlichen Bibliotheken, die quasi bei der Migration mitgeschwommen sind? Können Sie das System und die Dienstleistungen von SLSP trotzdem nutzen? Oder muss eine Auffanggesellschaft geschaffen werden, um eine Lösung für diese Bibliotheken zu bieten, da sie die Services von SLSP (noch) nicht nutzen können? Ich denke, dass es sinnvoll wäre, die Öffentlichen Bibliotheken als potentielle Kundengruppe (vielleicht als tertiäre Kundengruppe) mitzudenken. Aber auch die Öffentlichen Bibliotheken müssten sich zunächst einmal mit der Perspektive einer vertieften Zusammenarbeit beschäftigen. Das scheint mir heute in der Schweiz noch nicht wirklich der Fall zu sein. Die im Konzept berücksichtigten GLAM-Institutionen scheinen mir da weniger relevant – ausser vielleicht die Bibliotheken von wissenschaftlichen Archiven und Museen.

Etwas anders sieht die Rolle der National- und der Kantonsbibliotheken aus. Ich gehe davon aus, dass man sie auch in SLSP zu den wissenschaftlichen Bibliotheken zählt. Kantonsbibliotheken, die nicht auch Universitätsbibliothek sind (die sog. Studien- und Bildungsbibliotheken), gehören zur sekundären Kundengruppe. Zum Teil betreiben diese Bibliotheken kantonale Verbünde (z.B. St. Gallen, Graubünden, Aargau). Diese Bibliotheken können (und sollten) die Aufbauphase von SLSP nutzen, um 2020 bereit zu sein, um als Kunden von SLSP Dienstleistungen in Anspruch nehmen zu können. Allerdings: es ist schon bemerkenswert, dass die Schweizerische Nationalbibliothek im Projekt und in der künftigen Organisation keine aktive Rolle einnimmt. Das scheint mir aus Sicht einer schweizweiten Bibliotheksplattform ein Fehler.

Wie ist SLSP organisiert?

Im Teilprojekt 2 Organisation und Governance wurden verschiedene Modelle geprüft. Schliesslich hat sich der Lenkungsausschuss für die Variante Aktiengesellschaft entschieden. Im Unterschied zu einer Vereinslösung sind in einer AG die Stimmen nach Höhe des finanziellen Engagements gewichtet. Dies entspricht dem oben genannten Konzept der primären Partner, die die Hauptlast und -verantwortung der Plattform tragen sollen. Dabei haben Erfahrungen in bestehenden Verbünden bestimmt Einfluss auf die Entscheidung gehabt. Die mangelnde Einflussmöglichkeit auf die strategische Entwicklung von RERO hat massgeblich zum Austritt des wichtigen Partners Kanton Waadt aus dem Verbund beigetragen. Dies soll in SLSP nicht geschehen. Überhaupt wird der Weiterentwicklung der Plattform schon heute grosses Gewicht beigemessen. So wurde auch schon ein Innovationskonzept für SLSP entwickelt.

Allerdings ist die Gründung einer Aktiengesellschaft noch mit einigen Unsicherheiten verbunden. Es gibt zwar Erfahrungen im Kontext der kooperativen Speicherbibliothek, doch muss die Machbarkeit einer AG zuerst geklärt werden. Um aber bereits 2017 die Ausschreibung eines gemeinsamen Bibliothekssystems in Angriff nehmen zu können, wird als Übergangslösung ein Verein gegründet.

Was bietet SLSP?

Im entsprechenden Teilprojekt 1 Dienstleistungen und Geschäftsmodell wurde ein umfangreicher Servicekatalog erarbeitet, der grundsätzlich zwischen beim Start notwendigen und optionalen Diensten unterscheidet. Die Basisdienste umfassen weitgehend solche Services, wie man sie von heutigen Verbünden kennt. Diese zu vereinheitlichen und ab 2020 aus einer Hand anbieten zu können, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Auch das Konsortium der Schweizer Hochschulbibliotheken soll in SLSP integriert werden. Neu hinzu kommt ein zentrales Identity-Management, vermutlich auf der Basis der neuen Swiss edu-ID. Entsprechend scheint es sinnvoll, dass weiterführende Angebote erst nach der Konsolidierung in Angriff genommen werden. Hier verbergen sich aber einige Fragen mit Sprengkraft: Welche bibliothekarischen Dienstleistungen sollen mittelfristig zentral erarbeitet und angeboten werden? Im Zwischenbericht findet sich folgende Formulierung:
„Ebenso wichtig könnte die Frage werden, ob eine zentrale Serviceplattform bzw. -einrichtung nicht auch normierende Wirkung für eine Vielzahl klassischer Bibliotheksdienstleistungen (Fussnote: Ein Beispiel hierfür wäre etwa eine kooperative Formalkatalogisierung) haben könnte oder haben müsste. Obwohl auch diese Aspekte zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht im Fokus der Projektarbeit stehen, sollte man solche Fragen auch im Kontext SLSP nicht aus den Augen verlieren.“ (Zwischenbericht, S.5)

DL_Katalog_detailliertInhaltlich hat man im Projekt bereits auf die Anforderungen eines zentralen Metadatenmanagements reagiert und eine Arbeitsgruppe Standards und Regelwerke ins Leben gerufen. SLSP wird also eine Vereinheitlichung der Katalogisierungsregeln und -standards mit sich bringen. Weiter werden die heutigen Verbundstrukturen aufgelöst und deren Funktionen an SLSP übertragen. Hier stellt sich die Frage, wie viele Dienstleistungen weiterhin und zusätzlich vor Ort erbracht werden müssen? Und das Personal wird vor der Entscheidung stehen, wer zum neuen Arbeitgeber SLSP wechseln will. Da kommen einige grundlegende Veränderungen schon in der nächsten Projetkphase auf die Bibliotheken und ihre Mitarbeitenden zu. Für die Phase nach 2020 könnte dies noch intensiviert werden:
Ich gehe davon aus, dass die Hochschulen von ihren Bibliotheken erwarten werden, dass die Synergiepotenziale genutzt werden. Die hohen Investitionskosten sollen sich durch Kostenreduktion lohnen, dürften die Hochschulleitungen erwarten. Bibliotheken sollten sich also besser schon heute überlegen, welche Routinetätigkeiten mittelfristig besser durch eine zentrale Einrichtung übernommen werden sollen. Es liegt auf der Hand, dass hier Erwerbung, Formal- und Sacherschliessung im Fokus stehen werden. Und es wird Aufgabe der Bibliotheken sein, verstärkt nutzerorientierte Dienstleistungen vor Ort zu entwickeln.

Ich wurde auch schon gefragt, wie denn die Zukunft des Metakatalogs Swissbib aussieht, wenn SLSP realisiert wird. Falls SLSP so realisiert wird, wie die Vision formuliert wurde, wird es nur noch einen gemeinsamen Katalog für alle wissenschaftlichen Bibliotheken der Schweiz geben. Dieser Katalog benötigt ein nutzerfreundliches Discovery-System, das auch noch andere Quellen (Repositorien, Online-Plattformen) indexiert, durchsucht und für den Zugriff aufbereitet. Dieses Discovery-Tool soll auch spezielle Ansichten und angepasste Oberflächen bieten (in der Grafik oben als optionaler Service aufgeführt).

Swissbib bietet heute eine Normalisierung der Metadaten und deren Aufbereitung und Bereitstellung als Linked Open Data. Das scheint mir eine wichtige Aufgabe, die das neue System höchst wahrscheinlich noch nicht übernehmen wird. Ich gehe davon aus, dass sich Swissbib sowohl für die Funktion eines Discovery-Tools wie auch für den LOD-Dienst „bewerben“ kann. Denkbar wäre auch, dass sich Swissbib auf Bibliothekskataloge und andere Quellen konzentriert, die nicht ins zentrale System integriert sind.

SLSP ist ein ambitioniertes und visionäres Projekt, das zu einer tiefgreifenden Umwälzung im Schweizer Bibliothekswesen führen dürfte. Wir haben es quasi mit einem nationalen Change-Projekt zu tun. Ich finde es wichtig, dass diese potentiellen Veränderungen heute schon von den Beteiligten diskutiert werden.

2 Gedanken zu „Das Veränderungspotential von SLSP

  1. M. Baddeley

    Von meiner Sicht aus, eine sehr gute Zusammenfassung des Stands des Projektes und wichtiger Fragen, die sich momentan stellen.

    Vielen Dank
    Margareta Baddeley
    Vorsitzende des Steuerunggremiums

    Antworten
  2. Pingback: SLSP ohne Schulbibliotheken | digithek blog

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