Ausblick auf Bibliotheken im Jahr 2027

Rückblick auf das Hands-On Lab I vom 106. Bibliothekartag

Der im März dieses Jahres erschienene NMC Horizon Report 2017 > Library Edition bildete den Ausgangspunkt für das Hands-On Lab „Ausblick auf Bibliotheken im Jahr 2027“, welches im Rahmen des 106. Deutschen Bibliothekartags in Frankfurt a.M. stattfand.

Im Hands-On Lab sollte erprobt werden, zu welchen Ideen eine Gruppe von im Bibliotheksbereich tätigen Personen kommt, die sich während zwei Stunden mit den Themen „Trendanalyse“ und „Zukunftsszenarien“ beschäftigt.

Das ambitionierte Ziel war es, ausgewählte Schlüsseltrends und Technologien des Reports zu vertiefen und weiter zu entwickeln, sodass deren langfristigen Auswirkungen auf (wissenschaftliche) Bibliotheken deutlicher hervortreten. Zum NMC Horizon Report 2017 > Library Edition war im Vorfeld des Bibliothekartags ausführlich im Rahmen eines BibCasts berichtet worden.

Ablauf des Hands-On Labs

Die Teilnehmenden arbeiteten in vier zufällig zusammengesetzten Gruppen, wobei sich jede Gruppe einem Trendthema inklusive der dazugehörenden Technologien widmete. Im Zentrum stand hierbei die folgende Fragestellung: „Wie funktioniert und sieht die Bibliothek 2027 aus, wenn der Trend und die Technologien Alltag sind?“

Vorbereitend hatten die Organisatoren (Claudia Lienhard, Gabriella Padovan, beide ETH-Bibliothek und Rudolf Mumenthaler, HTW Chur) die folgenden vier Trends und Technologien aus dem NMC Horizon Report ausgewählt und gruppiert:

  1. Rethinking Library Spaces
    • Internet of Things
    • Robotics
    • Near Field Communication (NFC)
    • Makerspaces
  1. Cross-Institution Collaboration
    • Crowdsourcing
    • Social networks
    • Digital scholarship technologies
    • Library Services Platforms (LSP)
  1. Valuing User Experience
    • Information Visualization
    • Wearable Technology
    • Artificial Intelligence (AI)
    • Virtual Reality
  1. Shift away from Books
    • Mobile learning
    • Flexible displays
    • Big data
    • Virtual worlds

Die methodische Grundlage für die Bearbeitung der Fragestellung bildete der Design Thinking-Prozess, dessen einzelne Phasen (Inspiration – Ideation – Iteration) Schritt für Schritt bearbeitet wurden. Im Fokus stand die Ideation-Phase, die beiden anderen Phasen wurden aufgrund der begrenzten zeitlichen Ressourcen verkürzt behandelt:

  1. Inspiration: Die Ausgangslage wurde erkundet und definiert (z.B. Was bedeuten der Trend und die Technologien? Was sind Chancen und Risiken?).
  2. Ideation: Ideen wurden generiert, priorisiert und in Form von Prototypen umgesetzt.
  3. Iteration: Jede Gruppe präsentierte ihren Prototyp. Zwei Personen aus jeweils anderen Gruppen fungierten als Feedbackgeber.

Resultate der vier Gruppen

Prototyp der Gruppe 1 „Rethinking Library Spaces“

  • Es gibt eine Umschichtung von Arbeitsaufgaben: Roboter sind erste Anlaufstelle für Fragen. Bibliothekare sind weiterhin präsent, unterstützen jedoch im Hintergrund. Das Hauptaugenmerk liegt auf zielgerichteten, personalisierten Informationen und Abläufen mit minimalem Aufwand für die Kunden.
    Im Prototyp wird dies durch Roboter Roby (im Modell aus Alufolie) dargestellt, der am Eingang die Besucherinnen und Besucher empfängt und sie über aktuelle (Tages-) Angebote wie z.B. neue Literatur, die Speisekarte der Mensa, Lesungen, Vorträge, usw. informiert.
  • Die Bibliothek soll verschiedenen Nutzergruppen zugänglich sein (Demokratisierung). Die Unterscheidung zwischen wissenschaftlichen und öffentlichen Bibliotheken wird aufgehoben. Es erfolgt eine Aufwertung und Flexibilisierung des Raums.
  • Neben Bereichen für Kommunikation & Kollaboration (in der Mitte des Modells) existiert auch ein Kinder-„Space“ mit Kuscheleinhorn und Kuschelrobbe (im Modell auf der obersten Ebene). Die Kuscheltiere sind mit digitaler Technologie (z.B. Touchscreens & Sprachsteuerung) versehen und führen die Kinder dadurch an Literatur etc. heran. In der Bibliothek können ausserdem verschiedene Apps genutzt werden, darunter eine „Flirt-App“. Diese reagiert, wenn sich Nutzer mit ähnlichen Interessen in der Nähe voneinander befinden. Ausserdem stehen 3D-Drucker zur Verfügung.
  • Moderne Displays sind überall verteilt, sodass ein virtuelles „Begehen“ der Regale möglich wird. Das Magazin mit den physischen Beständen ist auf möglichst kleinem Raum (im Untergrund) untergebracht und über eine App zugänglich. Werden Bücher ausgewählt, öffnet sich das Magazin automatisch an der richtigen Stelle und das Buch wird ausgegeben.
  • „Makerspaces“ werden als Kreativräume zu gleichwertigen Bibliotheksangeboten.
18-07-2017-rethinking-library-spaces

Prototyp „Rethinking Library Spaces“

Prototyp der Gruppe 2 „Cross-Institutional Collaboration“

  • Angedacht wird „The Brain“, ein weltweites Netzwerk, das Informationen, Daten, Dienstleistungen und Menschen verbindet. Informationen und Wissen werden kollaborativ bzw. durch die Crowd zusammengetragen. Beteiligt sind Informationseinrichtungen, Kundinnen und Kunden sowie führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
  • Aufgabe der Bibliothek ist weiterhin schwerpunktmässig das Daten- und Informationsmanagement (sammeln, vernetzen, speichern, zugänglich machen). Doch Bibliotheken fungieren auch als Teilnehmer und Mediatoren in dieser Sharing Economy, um dadurch auch die eigene Sichtbarkeit zu erhöhen.
  • Die institutionsübergreifende Zusammenarbeit der Zukunft ist durch effizientere und effektivere Abläufe sowie besser vernetzte und miteinander kompatible Tools geprägt. Durch einen einfachen Zugang soll eine hohe Beteiligungsrate erreicht werden. Eine weitere Rahmenbedingung bildet Vertrauen.
  • Die Finanzierung funktioniert u.a. durch Crowdfunding.
18-07-2017-cross-institutional-collaboration

Prototyp „Cross-Institutional Collaboration“

Prototyp der Gruppe 3 „Valuing the User Experience“

  • Die Vision ist die Bibliothek als fluider Ort, d.h. die Form des Ortes (ob mit oder ohne Wände, ob im digitalen Raum etc.) tritt in den Hintergrund. Wichtig ist, dass die Kunden im Zentrum stehen.
  • Die Bibliothek ist weiterhin Türöffnerin, was den Zugang zu den Inhalten betrifft. Vorteile entstehen durch neue technische Möglichkeiten. So sind z.B. Leitsysteme in die Kleidung integriert („das Hemd spricht“), Übersetzungen perfekt und Sprachbarrieren inexistent.
  • Daten und Informationen stehen offen zur Verfügung (Open Data / Open Access). Der Kunde kann den Content von irgendwoher nutzen, vor Ort oder remote. Cloud und Datennetz werden im Modell dargestellt (Alufolie & Pfeifenputzer) und unterstreichen die Fluidität.
  • Kollaboratives Arbeiten wird zentral, so wird z.B. gemeinsam statt individuell an einem Wissensraum gearbeitet.
  • Das Modell soll auch eine gewisse Unsicherheit bezüglich der Situation 2027 vermitteln: In 10 Jahren denken wir vielleicht nicht mehr in den Kategorien physisch/digital, sondern es existiert ein ganz neues, drittes Konzept, das wir aktuell noch nicht kennen. Der physische Ort wird aber weiterhin als Ort der sinnlichen Erfahrung und des Gesprächs bestehen.
  • Risiken bestehen weiterhin in Bezug auf Datensicherheit, Datenschutz, Spionage und Fake News.
18-07-2017-valuing-the-user-experience

Prototyp „Valuing the User Experience“

Prototyp der Gruppe 4 „Shift away from books”

  • Es findet eine „Verheiratung“ von digitalem und physischem Raum zur virtuellen Realität („Virtual Reality“) statt.
  • Dabei wandelt sich die Bibliothek zum Lernraum. Da sie hauptsächlich ein virtueller Ort ist, gibt es auch keine Schulungsräume mehr.
  • Ziel ist das Generieren von personalisierten Angeboten, um ein optimales Nutzererlebnis zu garantieren. Wo sich der Kunde befindet, spielt dabei keine Rolle.
  • Auch in der virtuellen Bibliothek ist die Zonierung relevant (z.B. ruhige vs. laute Zonen).
  • Der Fokus liegt auf dem Content – egal in welcher Form. Wichtig ist, dass die Nutzer zum Content kommen. Der Zugriff funktioniert dabei von überall her.
  • Der Bibliothekar agiert als Navigator im Informationsraum. Es entstehen neue Herausforderungen, neue Kompetenzen werden wichtig.
  • In der virtuellen Bibliothek kann direkt Kontakt mit Bibliothekarinnen und Bibliothekaren, Professorinnen und Professoren sowie Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern etc. aufgenommen werden.
18-07-2017-shift-away-from-books

Prototyp „Shift away from books”

Fazit & Feedbacks

Das Hands-On Lab zum NMC Horizon Report 2017 > Library Edition wurde in dieser Form zum ersten Mal durchgeführt und war somit auch für die drei Moderierenden ein Experiment.

Und das Experiment ist gelungen: In kürzester Zeit ist eine intensive Zusammenarbeit entstanden und es sind interessante Erkenntnisse und Ergebnisse erzielt worden.

Ein Vergleich der vier prototypisch realisierten, visionären Bibliothekskonzepte zeigt, dass der nutzerzentrierte, d.h. personalisierte und einfache Zugang zum Content an erster Stelle steht. Ausserdem wird die Bibliothek als Begegnungsort weiter bestehen, dabei allerdings vielfältige Schnittstellen zu virtuellen Anwendungen unterstützen und eigene virtuelle Anwendungen anbieten sowie als Ganzes im virtuellen Raum erfahrbar sein.

18-07-2017-visionaere-bibliothekskonzepte

Vergleich der 4 Prototypen

Das Feedback der Teilnehmenden zum Hands-On Lab fiel mehrheitlich sehr positiv aus. Eine Auswahl der schriftlichen Rückmeldungen wird nachfolgend zitiert:

„…Dank Ihrer professionellen Einführung und dem konsequenten Abbrechen der einzelnen Schritte (sobald die Zeit abgelaufen war), empfand ich die Methode als überraschend effektiv, um tatsächlich eine Arbeitsthese (in unserem Fall) in Ergebnisse zu überführen, welches bei den beinahe „unbibliothekarischen“ ausgewählten Trends („Weg von den Büchern!“) ebenso hätte in Diskussionen (über „Wert von gedruckten Büchern“, „kultureller Zerfall“, „die riechen so gut“) ausarten können….“

„… Spannend und toll fände ich es, wenn nächstes oder übernächstes Jahr wieder ein Workshop zu Trends gemacht würde. Evtl. vielleicht dann mit nur einem oder maximal zwei Themenschwerpunkten? Dann hätte man nicht das Gefühl: ‚oh, das hätte ich auch gerne bearbeitet‘ 😀…“

„… Ich fand es besonders spannend, Teil eines angeleiteten Innovationsprozesses zu sein, der für die Kürze der Zeit und die Heterogenität des Teams äußerst produktiv verlief. Ich fand es generell sehr aufregend zu erfahren, wie ein systematisierter Prozess zur Ideenfindung und Innovationsgenerierung laufen kann und wie schnell kreative Energie im Zusammenwirken eines demokratisch organisierten, heterogenen Pools von MitarbeiterInnen entstehen kann….“

 „.. ich nehme mit, dass es sich lohnt, die Horizon-Themen in dieser Form zu vertiefen und weiterzudenken! …“


Dieses Werk unterliegt einer Creative Commons Attribution-ShareAlike 4.0 International Public License.

CC-BY-SA

DOI Link: 10.16911/ethz-ib-2856-de

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *