Auf der Jagd nach Lehrinnovationen

Video zählt heute zu den beliebtesten Medienformaten im Internet, Firmen und Organisationen aller Art nutzen diesen Kanal um zu informieren und zu unterhalten. Auf YouTube wird heute pro Tag 4 Milliarden mal ein Video angeklickt und jede Minute 300 Stunden neues Videomaterial hochgeladen (Stand Mai 2015). Im Bildungssektor wird Video zwar auch schon länger eingesetzt. Doch die Gründung der Khan Academy (Gratis Online-Lernvideos, khanacademy.org), das riesige Angebot an Lernvideos auf YouTube für alle erdenklichen Themen und die Tatsache, dass immer mehr Menschen mit mobilen Geräten auf Videos zugreifen, hat einiges ins Rollen gebracht. Auch wegen der Popularität von videobasierten MOOCs (Massive Open Online Courses) nimmt Video nun einen wichtigen und festen Platz im Aus- und Weiterbildungsbereich auf allen Stufen ein. Nun ist aber so, dass die spezifischen Vorteile von Video gegenüber anderen Medienformaten meist zu wenig ausgenutzt werden. Oft werden einfach traditionelle Formate wie Präsentationen oder Buchkapitel in Videoformat umgegossen die dann verständlicherweise auf nur mässige Begeisterung stossen. A Metastudy in 2014 made an analysis of instructional design quality of 76 randomly selected Massive Open Online Courses (MOOCs). The results indicate that although most MOOCs are well-packaged, their instructional design quality is low [1].

In der Diskussion um Video in der Lehre tauchen v.a. die folgenden zwei kritischen Argumente immer wieder auf:

  • Die Produktion von Videos ist aufwändig und teuer. Es müssen Spezialisten beigezogen werden (Didaktikexperten, Drehbuchautoren, Cameracrew etc.), es braucht lange Vorlaufzeiten und einen komplizierten technischen Aufbau.
  • Bei manchen Video-Projekten bleibt es am Ende fraglich, ob sich die Investitionen gelohnt haben. Es wird kein Mehrwert sichtbar, der aufgrund von videospezifischen Möglichkeiten erreicht wurde.

Beide Argumente greifen zu kurz. Hinsichtlich dem Produktionsaufwand lässt sich einwenden, dass es heute genügend Beispiele von gelungenen Lernvideos gibt, die mit einer sehr günstigen technischen Ausrüstung und in kurzer Zeit umgesetzt wurden – oft sogar von einer einzigen Lehrperson ganz im Do-it-yourself-Verfahren. Gerade ein legerer Ansatz kann Sympathie wecken und freundlich wirken.

Bei der Frage um die Investitionen trifft es zu, dass viele Videos sich im Grundsatz nicht wirklich von klassischen Dokumentationsformen unterscheiden. Eine PDF-Präsentation oder ein Skript wären dann tatsächlich gleichwertig und weniger aufwändig gewesen. Es wurde versäumt das spezifische Potential von Video zu nutzen, um etwas noch einprägsamer und klarer darzustellen als dies mit Text, Bild oder Audio, möglich ist.

Dieses zweite Argument führt zur entscheidenden Frage , welche Schlüssel-Faktoren denn wirkungsvolles Lernen wirklich ausmachen und wie Video bei diesen Faktoren einzigartige Vorteile gegenüber anderen Medienformaten wie Text oder Audio ausspielen kann. Unzählige Studien und Feedbacks aus der Praxis belegen immer wieder, dass bei erfolgreichem Lernen folgende Einflussfaktoren im Spiel sind: Emotionen, Relevanz, Wiederholungen, Reflektion, Eigenaktivität, Selbstverantwortung, Kontrolle, Motivation und die Berücksichtigung der Funktionsweise des kognitiven Systems (Stichwort begrenztes Kurzzeitgedächtnis und ‚Cognitive Load‘).

Die untenstehende Tabelle illustriert, wie Video sich mit seinen spezifischen Stärken dazu eignet, diese Schlüssel-Faktoren für erfolgreiches Lernen zu unterstützen.

 

Schlüssel-Faktoren für erfolgreiches Lernen Wie kann Videos diese Schlüssel-Faktoren unterstützen?

 

Emotionen Personen können durch Körpersprache, Stimme und die Auswahl der Inhalte gut Emotionen auslösen. Sie wecken so Interesse und Motivation, z.B. mit kurzen Schilderungen über erfolgreiche Projekte oder folgenschwere Fehler. Auch das realitätsnahe Zeigen von Ereignissen oder (entfernten) Orten kann viel auslösen.

Lernerlebnisse mit emotionalen Komponenten sind wirkungsvoller und werden besser erinnert (Langzeitgedächtnis).

Relevanz Durch das Zeigen von geeigneten und wirklichkeitsnahen Bespielen aus der Praxis (bewegtes Bild, Ton und Text) kann Relevanz glaubwürdig dargestellt werden.
Wiederholungen Wiederholungen können bewusst im Video selber eingebaut sein oder durch Aufforderung (Repeat-Button).
Eigenaktivität Videos können so konfiguriert werden, dass sie an bestimmten Punkten stoppen und die Betrachter aktiv werden indem sie eine Frage beantworten oder ein Thema wählen müssen. Die Reflektion über das Thema wird angeregt.
Selbstverantwortung (Reflektion) Das Video stoppt jeweils nach Sub-Kapiteln. Die Betrachter müssen entscheiden, ob sie etwas verstanden haben und weiterfahren oder ob sie etwas wiederholen oder nachlesen.
Kontrolle Die Videos können so gestaltet werden, dass die Betrachter grosse Kontrolle über das Geschehen auf dem Bildschirm haben, z.B. mit . interaktiven Menus, Verzweigungen, Slow-Motion-Modus oder Wiederholungen. Diese Kontrolle fördert situatives, persönliches Lernen.
Motivation In Videos kann eine Lehrperson durch Bild und Ton gut Enthusiasmus für ein Thema demonstrieren – dies wirkt ansteckend und motivierend.
Berücksichtigung der Funktionsweise des kognitiven Systems Je nach Komplexität eines Themas kann der Lernstoff proportioniert werden. Durch kurze Sequenzen und Stopps (Reflektions-Pausen) wird die begrenzte Aufnahmefähigkeit des Kurzzeitgedächtnisses respektiert. Realitätsnähe, Wiederholungen und Emotionen fördern die Erinnerung und das Abspeichern im Langzeitgedächtnis.

 

Um nun ganz konkret ein Lehrvideo-Projekt zu planen, werden die 10 Szenarien empfohlen. Link:

http://blogs.ethz.ch/refreshteaching/files/2015/05/10-ideal-cases-for-VIDEO_Examples.pdf

 

Diese Szenarien nutzen die eben genannten Schlüsselfaktoren für das Lernen und können beliebig kombiniert werden. Generell wird empfohlen, eine Dauer von 6 Minuten pro Video nicht zu überschreiten. Verschiedene Statistiken von MOOC-Plattformen und Youtube haben gezeigt, dass dies die maximale Videolänge ist, welche sich Betrachter bis zu Ende ansehen.

Abschliessend lässt sich für Lehrvideos festhalten: Es ist weniger entscheidend, ob die Produktion aufwändig in einem Studio erfolgt oder einfach in einem Do-it-yourself-Setting. Der Erfolg hängt vielmehr davon ab, ob die einzigartigen Stärken des Videomediums mit den Schlüsselfaktoren für wirkungsvolles Lernen kombiniert werden oder nicht.

 

Projekte an der ETH

An der ETH wird Video schon in verschiedensten Orten erfolgreich eingesetzt. Am D-PHYS werden bei Aufgaben zu grundlegenden Konzepten und Phänomenen die Musterlösungen Schritt für Schritt per Video vermittelt (Themen sind z.B. der Otto-Motor oder Luftblasen) . Die Methode, dass die Lehrperson gleichzeitig handschriftlich die Lösung entwickelt und mündlich erläutert, ist attraktiv und kommt bei den Studierenden sehr gut an. Die Möglichkeit, die Gedankengänge, die den Lösungsweg begleiten jederzeit erneut anzuschauen, fördert die Verinnerlichung der Konzepte. Mit ein und –ausgeblendeten Annotationen wird die Aufmerksamkeit an die relevanten Stellen im Text, einer Formel oder einer Skizze gelenkt. Die bereits genannten klassischen Demonstrationsvideos, wo physikalische Phänomene und Experimente filmisch festgehalten sind, werden ebenfalls bereits breit eingesetzt.

Das D-ARCH bietet seit 2014 auf der Plattform www.edx.org einen ETH-MOOC zum Thema ‚Future Cities an‘. A global audience can learn online at the time and pace of their choice from a renowned faculty group. The goal of this 10-week-course is to understand a city’s people, components, functions, scales and dynamics, as precondition for its sustainable design and management. Die Lehrpersonen sprechen die Studierenden in aller Welt (168 Länder) an, gehen mit ansprechenden Videos auf aktuelle städtebauliche Themen in der Welt ein und reagieren mit ad-hoc Feedback-Videos auch auf das Geschehen im MOOC selber. So gehen sie direkt auf Verständnisfragen ein, welche eingegangen sind oder erklären ein Thema erneut, wenn die entsprechenden Quizfragen eher ungenügend beantwortet wurden. The mix of modern communication tools such as videos, quizzes, forums and game-like labs make the learning experience attractive and effective.

Am D-MATH wurde ein Online-Selbstlernkurs für die Statistiksoftware R erstellt, um der hohen Nachfrage zu diesem Software-Kurs gerecht werden zu können. Anhand von kurzen und wirklichkeitsnahen Videos lernen die Teilnehmenden, das Wissen aus der Einführungsvorlesung Statistik mit der Software R umzusetzen. Im Video werden Screencasts aus der Software selber gezeigt und erläutert, gemischt mit praxisrelevanten Beispielen und Fragestellungen aus verschiedenen ETH-Departementen.

Am D-HEST finden erste Versuche mit interaktiven Videos statt, um die Gefahren in Laboren wirkungsvoll darzustellen.

Generell wird Video departementsübergreifend meist über das Lernmanagementsystem Moodle angeboten. Möglich ist aber natürlich auch, nur einen Link zu dem spezifischen Video zu verteilen.

 

Zusammenfassung und Ausblick

Die ETH-Schulleitung unterstützt den Gedanken, in der Lehre das Medium Video generell mehr einzusetzen um so der Popularität des Mediums und den lernwirksamen Möglichkeiten gerecht zu werden. Viele Hochschulen setzen in Ihrer Lehre auch lernförderliche Videos ein, die nicht von Ihnen selber erstellt worden sind und die zur Verwendung in einem Bildungskontext freigegeben sind. Dieser Ansatz erscheint sinnvoll und effizient.

Für die Eigenproduktion von Videos an der ETH werden die folgenden Leitgedanken vorgeschlagen.

  1. Video oder nicht? Video sollte möglichst nur dann eingesetzt werden, wenn die lernförderliche Wirkung im Sinne des Lernziels anderen Darstellungsformen wie Text und Bild klar überlegen ist. Auch sehr kurze Videos oder Video-Ausschnitte (unter drei Minuten) können sehr sinnvoll sein wenn sie einen Aspekt wirkungsvoller als jedes andere Medium darstellen. Gute Beispiele sind ‚Lernen am Modell‘ sowie ‚Fehler zeigen und beheben‘ . Entscheidend ist, dass man ein Video geschickt gestaltet und eine lernförderlich Stimmung erzeugt. So können Betrachter motiviert werden, echte Denkanstrengungen zu unternehmen (to invest mental effort).
  2. Ein sorgfältiges und durchdachtes Konzept ist entscheidend. Für ein optimales Resultat ist eine sehr sorgfältige inhaltliche Vorbereitung unabdingbar. Es muss genügend Zeit reserviert werden, um das grosse Potential der videospezifischen Aspekte (s. Punkte 1-10) mit einem durchdachten Drehbuch auszunutzen.
  3. Produktion: Für die Produktion stehen verschieden Varianten zur Verfügung. Do-it-yourself-Verfahren können sinnvoll sein. Auch bei dieser Produktionsmethode sollte ein Mindestmass an technischen Standards sollte aber auch hier Voraussetzung sein damit die Videos ernst genommen werden (v.a. gute Audioqualität und genügende Lichtverhältnisse).

 

Das LET, die Lehrspezialisten/Innen und die ID MMS verfügen über eine breite Erfahrung im Bereich Lernvideos und unterstützen gerne bei Videoprojekten für die Lehre.

Weiterführende Informationen zu den ETH-Projekten: http://blogs.ethz.ch/refreshteaching/dates-topics/videos-in-teaching/

 

 

§200 · September 24, 2015 · Allgemein, Innovationsobjekte · · [Print]

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