Materialverwandtschaften: Vom ehemaligen Zürcher Kino Rex zum Dom von Pavia

Im Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich befinden sich einige Fotografien des Geschäftshauses an der Bahnhofstrasse 92: Der an Zürichs prominenter Einkaufsmeile gelegene Bau wurde 1935 von Otto Streicher errichtet. Er beherbergte ursprünglich das Cinema Rex sowie das Bekleidungshaus Modelia. Das Lichtspieltheater wurde vom Architekten bis zu seinem Tod 1968 selbst geführt und galt als eines der besten in Zürich. Die Nachtaufnahmen des durch Leuchtstoffröhren erstrahlten Gebäudes übermitteln einen Hauch städtischer Mondänität.

Kaufhaus Modelia und Kino Rex, Zürich, Otto Streicher, 1935. Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

Auch die Aufnahmen bei Tage mit grossformatiger Kinowerbung an der Fassade erzählen Geschichten, zum Beispiel jene des österreichischen Films Episode mit Paula Wessely in der Hauptrolle, der in einer Galavorstellung zur Eröffnung des Kinos gezeigt wurde.

Neubau Kino Rex, Zürich, Otto Streicher, 1935. Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich, 1935

Was die schwarz-weiss-Aufnahmen allerdings schlecht vermitteln, ist das Material der Fassadenverkleidung, das erst auf aktuellen Farbfotografien und Detailaufnahmen richtig zur Geltung kommt: Es handelt sich um Palissandro, einen Dolomitmarmor aus dem Piemont, der nördlich von Domodossola nahe der Schweizer Grenze abgebaut wird.

Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse 92, Zürich, Otto Streicher, 1935. Foto: ETH Material Hub, 2021

Palissandro-Steinbruch bei Crevoladossola, Piemont, Italien. Foto: Gruppo Tosco Marmi

Das äusserst witterungsbeständige Material kommt in verschiedensten Varietäten von reinweiss über beigebraun bis blaugrau vor und besitzt teils deutliche Zeichnungen, wie an der Fassadenverkleidung des Erdgeschosses zu erkennen ist.

Fassadendetail, Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse 92, Zürich, Otto Streicher, 1935. Foto: ETH Material Hub, 2021

Während Streicher die obere Fassadenpartie mit eher ruhigen, von regelmässigen Schlieren durchzogenen Platten verkleidete, wählte er für die Verkleidung der Schaufensterumrahmungen im Erdgeschoss und insbesondere für die den einstigen Kino-Eingang flankierenden Pilaster wild gemusterte Platten in der Varietät Palissandro nuvolato.

Fassadendetail, Geschäftshaus an der Bahnhofstrasse 92, Zürich, Otto Streicher, 1935. Foto: ETH Material Hub, 2021

Der Stein hat Tradition: Mit Palissandro verkleidete man einst das Innere des Doms von Pavia, allerdings wählte man damals den Marmor aufgrund seiner aussergewöhnlichen weissen Farbe. Die Paveser Dombauhütte sicherte sich 1518 die alleinigen Abbaurechte des Steinbruchs in Crevola, und Herzog Francesco Sforza II. von Mailand gewährte den zollfreien Transport des Marmors durch sein Herrschaftsgebiet. Die Bauarbeiten ersteckten sich über vier Jahrhunderte, so dass man schliesslich nurmehr von der cava di Pavia (Paveser Steinbruch) sprach.

Dom von Pavia, Innenansicht, Giovanni Antonio Amadeo u.a., 1488–1898. Foto: Carlo dell’Orto, Wikimedia Commons

Ob der Zürcher Architekt Otto Streicher den piemontesischen Marmor bei einem Steinhändler entdeckte oder bei einem Besuch des Doms in Pavia auf ihn aufmerksam wurde oder gar den unweit der Eisenbahntrasse von Brig nach Domodossola gelegenen Steinbruch auf einer Zugfahrt durch das Fenster erblickte, wissen wir leider nicht. Fest steht, dass er von dem Material überzeugt gewesen zu sein scheint, denn er hatte den Marmor bereits sechs Jahre zuvor zur Verkleidung des Geschäftshauses an der Sihlporte eingesetzt, dort allerdings in der Varietät Palissandro classico.

Geschäftshaus Sihlporte, Zürich, Otto Streicher, 1929. Foto: ETH Material Hub, 2021

Erst als Streicher 1956 sein drittes Geschäftshaus in Zürich errichtete, das Kino ABC an der Bahnhofstrasse 20, griff er für die Fassadenverkleidung auf heimischen Cristallina-Marmor zurück, dessen kommerzieller Abbau erst 1946 mit dem Bau einer Zufahrtstrasse zum Steinbruch in Peccia begann und der für die beiden vorherigen Geschäftsbauten des Architekten noch gar nicht verfügbar war.[1]

Sowohl zu Palissandro als auch zu Cristallina-Marmor findet man im ETH Material Hub auf dem Hönggerberg verschiedene Muster.

Literatur:

Donati, Lorenza (Hrsg.): Otto Streichers Spuren. Lebenswerk eines Zürcher Architekten. Zürich: NZZ Libro, 2017.

[1] Die Notiz in der Neuen Zürcher Zeitung vom 17.3.1958, S. 10 (vgl. Donati, 2017, S. 94), demnach sich die Fassadenverkleidung des neu erbauten Kino ABC aus Cristallina-Marmor schon am Geschäftshaus Sihlporte und beim Kino Rex bewährt habe, ist falsch.

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