Zum Beispiel Helmut Bradt – Möglichkeiten und Grenzen von Einsteins humanitärer Hilfe

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten kehrte Albert Einstein 1933 von einem Aufenthalt in Princeton nicht mehr nach Deutschland zurück. Von Princeton aus unternahm Einstein viel, um vom NS-Regime bedrohten Menschen bei der Ausreise aus Deutschland und der Emigration in die USA zu unterstützen. Einer davon war der aus Berlin stammende ETH-Student Helmut Bradt. Sein Beispiel illustriert gleichzeitig Möglichkeiten und Grenzen von Einsteins humanitärer Unterstützung.

Verhinderte Abschiebung nach Deutschland

Zentrale Eckdaten zu Helmut Bradts Jugend lassen sich seinem Anmeldeformular für das Studium der Physik an der ETH Zürich entnehmen. Geboren wurde er am 11. Dezember 1917 in Berlin. Seine Mutter war Frida Bradt, Witwe des bereits 1928 verstorbenen Sanitätsrats Gustav Bradt, der Arzt, Mitbegründer der Akademie für die Wissenschaft des Judentums sowie Bekannter und Korrespondenzpartner Einsteins war. Helmut Bradt ging bis 1933 in Berlin zur Schule, kam dann aber nach Zürich und besuchte dort von 1934-35 die private Maturitätsschule von Sinai Tschulok.Anmeldeformular von Helmut Bradt zum Studium der Physik an der ETH Zürich, August 1935

Ausschnitt aus dem Anmeldeformular von Helmut Bradt zum Studium an der ETH Zürich (Hochschularchiv der ETH Zürich, Matrikel Helmut Bradt, EZ –REK-1-23355)

Im Studium gab es keine Probleme. So schaffte Helmut Bradt 1935 die Aufnahmeprüfung an die ETH Zürich bestens und sein Physikstudium kam planmässig voran. Grosse Schwierigkeiten gab es hingegen mit Bradts Aufenthaltsstatus in der Schweiz. Seine Schwester Tutti Jungmann-Bradt, die 1937 nach Palästina emigrierte, fasst die Ereignisse in ihrer Publikation «Die Bradts. Jüdische Familiengeschichte aus Berlin 1870–1999» (S. 45) so zusammen:

Ende April 1939 […] bekamen wir von Helmut die verzweifelte und beängstigende Nachricht, dass die Schweizer Behörden ihn als Staatenlosen in sein Heimatland Deutschland zurückschicken wollten, wo er auf einer schwarzen Liste stand, und das auch noch als Jude. «Habt Ihr eine Idee, wie ich mich aus dieser Situation herauswinden kann?», fragte er uns. Ich brauchte nicht lange überlegen. – Ich hatte eine Idee, nämlich an Professor Albert Einstein nach Princeton zu schreiben; denn er war ein Freund meines verstorbenen Vaters. Ich bat ihn nur um einen Brief für Helmut, den er den Schweizer Behörden vorlegen könne, in dem er diese ersucht, die Ausweisung zurückzuziehen.

Tatsächlich findet sich im Bestand Hs 1522 «Bradt, Helmut (1917-1950): Einzelstücke aus der Korrespondenz mit Albert Einstein» des Hochschularchivs ein von Einstein unterzeichnetes Typoskript vom 25. März 1939 (Hs 1522:1), in dem er Bradt nach Zürich schreibt:

Lieber Herr Bradt:

Auf einen Brief Ihrer Schwester in Haifa hin sende ich Ihnen anbei einen Brief an die Schweizerische Fremdenpolizei, der es Ihnen hoffentlich ermöglichen wird, Ihr Studium in der Schweiz zu beendigen. Ausserdem sende ich Ihnen mein Affidavit, damit Sie dann später, wenn die Reihe an Sie kommt, nach Amerika auswandern können. Lernen Sie unterdessen, wenn möglich, ein praktisches Handwerk, weil es sehr schwierig oder wenigstens sehr zeitraubend sein dürfte, als Lehrer hier Beschäftigung zu finden.

Freundlich grüsst Sie Ihr

A. Einstein

Die Unterstützung des prominenten Freundes der Familie scheint bei den Schweizer Behörden Wirkung gezeigt zu haben. Jedenfalls kam es nicht zu Bradts Abschiebung nach Deutschland. Er schloss sein Physikstudium noch 1939 mit hervorragenden Noten ab und trat an der ETH Zürich eine Stelle als Doktorand bei Prof. Paul Scherrer an.

Verwehrte Einreise in die USA

Bereits im Oktober 1938 hatte Einstein in einem Brief an Michele Besso gestanden «Ich kann keine Affidavits mehr geben und würde die noch unerledigten gefährden, wenn ich neue ausstelle» (Albert Einstein, Michele Besso, Correspondance 1903‑1955, Brief 129). Diese Feststellung hielt Einstein aber nicht davon ab, u. a. auch für Bradt weitere Bürgschaftserklärungen auszustellen. In einem zweiten, handschriftlichen Schreiben bekräftigte er sein Unterstützungsangebot zusätzlich:

Brief von Albert Einstein an Helmut Bradt, 1939

Brief von Albert Einstein an Helmut Bradt, verm. April 1939 (Hochschularchiv der ETH Zürich, Hs 1522:2)

Lieber Herr Bradt!

Ich sehe aus Ihrem Briefe, dass Sie ein würdiger Sohn Ihres unvergesslichen Vaters sind. Es spricht aus Ihrem Briefe eine aechte Liebe zur Forschung und gleichzeitig eine verständige Einstellung zum Leben, indem Sie sich auf einen praktischen Beruf vorbereiten, ohne Ihre primären Interessen im Geringsten aufzugeben. Ich will mir alle Mühe geben, Ihnen den Lebensweg zu erleichtern. Wenden Sie sich also stets an mich, wenn Sie denken, dass ich etwas für Sie thun kann.

Einstweilen grüsst Sie herzlich

Ihr

A. Einstein

Weitere Dokumente – teilweise in Kopie – im Bestand belegen, wie sich Einstein in der Folge für eine Emigration von Bradt und dessen Verlobte Maria Drittenbass in die USA einsetzte. So wandte er sich 1940 wiederholt an das amerikanische Generalkonsulat in Zürich. Alle Bemühungen aber waren umsonst. Am 9. September 1940 erhielt Bradt vom Konsulat die abschliessende Mitteilung, dass nach nochmaliger Prüfung der Unterlagen «der frühere ablehnende Entscheid vom 5. Juli 1940 bestätigt» wurde. An diesem negativen Entscheid des State Departments konnten auch Einsteins Unterstützungsschreiben nichts ändern. Bradt verbrachte die ganzen Kriegsjahre in der Schweiz.

Albert Einstein aber machte sich auf anderer Ebene weiter für humanitäre Hilfe stark. Die «Einstein Encyclopedia» (S. 231) fasst zusammen, wie er gegen Kriegsende zu einer Lockerung der Aufnahmepolitik der USA beitrug:

Horrified by the revelations of the Holocaust and determined to counter measures by the State Department to exclude increasingly desperate refugees, he [Einstein] managed with the help of his influential friend, Rabbi Wise, to convince President Roosevelt to create the War Refugee Board in January 1944. By war’s end, 200,000 Jews had been rescued to the United States […].

Diese Intervention von Einstein bei Roosevelt ist wohl weniger bekannt als jener berühmte Brief, in dem er für den Einstieg der USA in den Wettlauf um den Bau der ersten Atombombe plädierte.

Bradts kurze Karriere in den USA

Unmittelbar nach dem Krieg erfüllte sich Helmut Bradts Wunsch, in den USA zu leben und zu arbeiten, dennoch. Die Purdue University bot Bradt, der sich inzwischen mit Beiträgen zur Strahlenforschung einen Namen gemacht hatte, eine Gastprofessur für Physik an. Er nahm an, siedelte mit seiner Frau in die USA über und besuchte dort bald auch Einstein in Princeton. 1947 wechselte Bradt an die Rochester University, dann aber nahm die vielversprechende Karriere ein jähes Ende. Überraschend verstarb Helmut Bradt 1950 im Alter von nur 32 Jahren. Dies kurz bevor er einem Ruf der Stanford University gefolgt wäre.

Literatur:

  • Calaprice, Alice. An Einstein Encylopedia. Princeton University Press, 2015.
  • Einstein, Albert, Besso, Michele. Correspondance : 1903-1955. Collection Savoir. Paris: Hermann, 1979.
  • Jungmann-Bradt, Tutti, Wiehn, Erhard Roy. Die Bradts : Jüdische Familiengeschichte aus Berlin : 1870-1999 : History of a Jewish Family from Berlin : 1870-1999. Konstanz: Hartung-Gorre, 1999.

Weitere Quellen finden sich im Schweizerischen Sozialarchiv, Nachlass Drittenbass, Maria.

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