“Lothar” – 20 Jahre nach dem Sturm oder durch die Katastrophe zu neuem Wissen

Das Ereignis

Der 27. Dezember 1999 ist im Gedächtnis jedes Försters eingebrannt. Unter Einbezug der Folgeschäden durch den Borkenkäfer zerstörte der “Jahrhundertsturm Lothar” im Kanton Luzern rund 2500 ha Wald. Die gesamte Schadholzmenge von 1 Mio m3 entsprach dem Vierfachen einer  normalen Jahresnutzung.

Weshalb so grosse Schäden

Am stärksten betroffen war der Entlebucher Bergwald und hier insbesondere die ausgedehnten Fichtenwälder. Die jahrzehntelange wirtschaftlich bedingte Begünstigung der Rottanne, gepaart mit einer eher konservativen Holznutzung im vorherrschenden Privatwald, liess  dunkle, vorratsreiche Nadelwälder mit bestenfalls spärlicher Verjüngung entstehen. Solche Bestände sowie alte Aufforstungen erwiesen sich als besonders anfällig für Sturmschäden. Zudem verhinderte der gewaltige Holzanfall eine rasche Aufarbeitung und Abfuhr des Schadholzes. Davon profitierte wiederum der Borkenkäfer. Dessen Massenvermehrung in den auf den Sturm folgenden Jahren verursachte zusätzlich bedeutende Sekundärschäden.

Abb. 1) Lothar- Schadflächen an der Beichlen, 16 Jahre nach dem Ereignis

Die Rückgewinnung der verlorenen Schutzfunktion

Der unmittelbare Schaden in den betroffenen Baumbeständen (Bruchholz etc.) ging nicht selten einher mit dem Verlust der Schutzfunktion des Waldes gegenüber Naturgefahren  (Erosion, Steinschlag, Lawinen etc.). In diesen Fällen galt es, die verlorene  Schutztauglichkeit des Waldes so rasch als möglich – notfalls auch mit Hilfe von bautechnischen Massnahmen – wieder zu  gewährleisten.
Die Wiederherstellung des vernichteten Waldes soll zu möglichst stabilen Schutzwäldern führen. Das langfristige Ziel liegt somit in der Begründung von standortgerechten, gut strukturierten und damit wenn möglich aus verschiedenen Baumarten aufgebauten Beständen.

Abb. 2) Geräumte Sturmfläche; Reichliche Naturverjüngung, auch mit Laubholz (Bergahorn, Vogelbeere, Birke, Erle und Weide). Die Pionierholzarten werden später wieder verschwinden, sie leisten jedoch einen wertvollen Beitrag zur besseren Strukturierung des aufwachsenden Schutzwaldes.

Die Schadenbewältigung  und das Vorgehen bei der Waldwiederherstellung

In einem ersten Schritt waren im Bereich der Schadenfläche folgende Rahmenbedingungen zu klären:

  • die Schutztauglichkeit des verbliebenen Bestandes gegenüber Naturgefahren
  • das potenzielle Risiko eines Schadenfalles sowie dessen mögliches Schadenausmass

Erst  danach wurde für das konkrete Vorgehen eines der drei nachstehenden Szenarios  gewählt:

  • Szenario 1
    In gut erschlossenen Wäldern wurde das noch verwertbare Schadholz möglichst rasch aufgearbeitet und abtransportiert. Dadurch konnte die Gefahr der Borkenkäferbefalls reduziert werden. Auf die Räumung der Schadenfläche folgte die rasche Auspflanzung mit standortgerechten Holzarten.
  • Szenario 2
    Nach der Aufarbeitung und dem Abtransport des Schadholzes wurde die Sturmfläche nicht, oder höchstens punktuell mit geeigneten Baumarten bepflanzt.
  • Szenario 3
    Sowohl auf die Räumung des Schadholzes wie auch eine anschliessende Bepflanzung der Kahlfläche wurde verzichtet. Sämtliches Fallholz blieb liegen und die weitere Entwicklung wurde allein der Natur überlassen.

Inzwischen sind rund 20 Jahre verflossen. Die anlässlich sorgfältiger Beobachtungen gewonnenen Erfahrungen  (vgl. Bilddokumentation) lassen sich wie folgt zusammenfassen:

Fazit

  • Unmittelbar nach dem Ereignis gilt es, Ruhe zu bewahren, die Gesamtsituation zu beurteilen sowie Prioritäten zu setzen. Beschränkte Mittel – materiell und finanziell – sind nur dort einzusetzen, wo unmittelbare Abwehr von Folgeschäden dringend geboten ist (z.B. bei der Bekämpfung des Borkenkäfers, zur Vermeidung von Verklausungen in Bächen, bei Steinschlaggefahr etc.).
  • Schon kurze Zeit nach dem Sturmereignis “Lothar” setzen die natureigenen Heilkräfte ein. Deren Wirksamkeit wurde bisher eindeutig unterschätzt. Deshalb sollte künftig immer geprüft werden, ob die “Bewältigung der Schäden” nicht vermehrt den kurativen Kräften der Natur überlassen werden kann, denn
    • auch bei umgehender Räumung und Abfuhr des Sturmholzes mit rascher Wiederbepflanzung der Schadflächen entsteht kein merklicher Zeitgewinn gegenüber der Naturverjüngung.
    • bei der Wiederherstellung der zerstörten Wälder sind Pflanzungen inklusive der allenfalls nötigen Wildschutzmassnahmen sehr kostspielig und sollten immer die Ausnahme bleiben.
    • die weitgehend natürliche Wiederbewaldung nach dem Sturmereignis führt in der Regel zu einem zeitlich gestaffelten Aufwuchs und damit zu besser strukturierten, gegenüber Naturgefahren stabileren Beständen. Zudem sind bei diesem Vorgehen die anfallenden Kosten deutlich tiefer.
  • Die rechtzeitige Pflege der entstehenden Jungbestände und dabei insbesondere die Regulierung der gewünschten Holzartenmischung ist unbedingt langfristig sicher zu stellen.

Abb. 3) Auf geeigneten Standorten können zur Bereicherung der Artenvielfalt gruppenweise auch Lärchen (mit Zaunschutz, links) oder einige Weisstannen, Douglasien, Bergahorne und Buchen (mit Einzelschutz, rechts) eingepflanzt werden.

Abb. 4a/b) Bei Sturm- oder Käferschäden in Flächen ohne Holzräumung entwickeln sich häufig besonders artenreiche Verjüngungen, da hier Wildschäden wegen der schlechten Zugänglichkeit unterbleiben (4a). Auch verbissanfällige Baumarten wie Weisstanne oder Bergahorn gedeihen hier vorzüglich (4b).

Abb. 4 c/d) Zudem schafft das üppig vorhandene Moderholz (4c) oder Totholz (4d) günstige Bedingungen für die natürliche Waldverjüngung sowie eine hohe Biodiversität  (Moose, Insekten, Vögel, Kleinsäuger etc.).

Abb. 5) Aus diesem seinerzeit durch den Sturm «Lothar» flächengeschädigten Fichtenwald ist innert 20 Jahren durch teilweise Auspflanzung ein erfreulich artenreicher Berg-Mischwald entstanden. Durch rechtzeitig auszuführende Pflegeeingriffe in diesem Jungbestand ist künftig dafür zu sorgen, dass die erwünschte Strukturvielfalt zu Gunsten der geforderten Schutzfunktion des Waldes gefördert  wird.

Abb. 6) Dieser Waldzustand ist in einem Mischwald aus einer Fläche mit sekundären Borkenkäfer-Streuschäden an Fichten hervorgegangen. Das noch verwertbare Schadholz wurde aufgearbeitet und abtransportiert. Das heutige Waldbild  entspricht nahezu der Idealvorstellung eines standortgerechten, gut strukturierten Berg-Mischwaldes.

Schlussbemerkung

Die aufmerksame Beobachtung der langsam einsetzenden regenerativen Naturkräfte in den vom Sturm “Lothar” betroffenen Wäldern war für mich sehr lehrreich. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse, d.h. die bewusste Wahrnehmung und kritische Wertung langsam ablaufender Prozesse kann auch in anderen Lebensbereichen – etwa im Umgang mit aktuellen Zeitproblemen (Klimawandel, Ressourcenverknappung, Bevölkerungswachstum, Biodiversitätsverlust etc.) sehr hilfreich sein. Deshalb plädiere ich dafür, dass der diesbezüglichen Sensibilisierung der Gesellschaft künftig noch vermehrte Beachtung geschenkt werde.

Peter Hahn ist dipl. Forstingenieur ETH  und war während fast 30 Jahren im Luzerner Forstdienst tätig. Danach wirkte er noch mehrere Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Schweizerischen Vogelwarte in Sempach. Als leidenschaftlicher Fotograf und Bergsportler bewegt er sich gerne in der freien Natur. Seine Fotografien sind demnächst im Bildarchiv online zu finden.

Dieser Beitrag erschien in anderer Form als «45 Ortstermine – Naturbegegnungen im Kanton Luzern und in der Zentralschweiz» in: NGL-Mitteilungen, Band 41, 2018.

AutorInnen

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