Stadtpläne in der DDR

In der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 65(5-6) S.289-299, Dez., 2018 erschien ein Artikel von Gerald Noack mit dem Titel “Weiße Flecken und krumme Touren : Geheimhaltung und Manipulationen in touristischen Karten der DDR

Der Autor, Kartograph und Kartenhistoriker, in der DDR aufgewachsen, beschreibt mit zahlreichen Beispielen, wie aus Gründen der Staatssicherheit, der Inhalt der touristischen Karten verändert wurde.

Beispiel (Zitat aus dem Zeitschriftenartikel):

«In Berlin war es ein Straßenname, der von der Zensur nach einem bemerkenswerten Vorfall aus dem Kartenbild verbannt wurde. In den frühen Morgenstunden des 3. Januar 1954 machte ein Zugabfertiger auf dem U-Bahnhof Alexanderplatz eine folgenreiche Entdeckung. In dem tags zuvor aufgehängten Stadtplan »Berlin« vom Pharus Plan Verlag (ohne exakten Maßstab) war jenseits des Brandenburger Tores die Straße des 17. Juni 1953 beschriftet. Dies war ein Eklat ersten Ranges, denn es galt als ein staatlich verordnetes Tabu, an den Volksaufstand in der DDR, der von der Partei- und Staatsführung als Konterrevolution gebrandmarkt wurde, zu erinnern. Die Volkspolizei (VP) wurde alarmiert, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) informiert, der Plan abgehängt und eine Untersuchung eingeleitet. Die gesamte Auflage von 12.000 Exemplaren musste makuliert werden – und dies bei dem chronischen Papiermangel zu jener Zeit. »

Stadtplan Berlin (Falk Verlag 1985)

Stadtplan Berlin (VEB Tourist Verlag 1985)

Vom gleichen Autor ist ein Buch zu den Stadtplänen der DDR erschienen: Auf der Strasse des Fortschritts: die Stadtpläne der DDR – Zeugnisse vom Leben im Sozialismus. – Berlin 2009

Die Autoren zeigen, dass aus den Stadtplänen der DDR interessantes aus dem Alltagsleben der DDR herausgelesen werden kann.

Wie steht es bezüglich Manipulation und Geheimhaltung mit unseren Schweizer Karten? Einigermassen bekannt ist, dass in Landeskarten, die in der Zeit des Kalten Krieges veröffentlicht wurden, Militärflugplätze nicht vorhanden sind:

Meiringen 1992 (Quelle: swisstopo)

Meiringen 1994 (Quelle: swisstopo)

Meiringen 2006 (Quelle: swisstopo)

Die Eidgenössische Pulverfabrik im Auwald nördlich von Wimmis, in der Nähe des Thunersees, ebenfalls eine militärische Einrichtung, fehlt in den Karten, die vor 1992 erschienen sind:

Wimmis 1992 (Quelle: swisstopo)

Wimmis 1993 (Quelle: swisstopo)

Wimmis 2018 (Quelle: swisstopo)

Zivile Infrastrukturanlagen: Druckstollen (blaue gestrichelte Linien) bei der Staumauer Grande Dixence im Wallis fehlen auf Karten, die zwischen 1977 und 2001 erschienen sind:

Grande Dixence 1976 (Quelle: swisstopo)

Grande Dixence 1977 (Quelle: swisstopo)

Grande Dixence 2001 (Quelle: swisstopo)

AutorInnen

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *