Geologie auf der Wiese: der Luegibodenblock von Habkern

Kauf und Verkauf von Landparzellen, das ist in Bauerngemeinden gang und gäbe. Was sonst? Im hier vertieften Fall im Berner Oberland floss für einmal das Geld nicht in den Erwerb eines schönen Stück Lands. Nein, ein überaus mächtiger Felsbrocken wechselte den Besitzer. Der Stein sollte sich in klingende Münze verwandeln. Ein laufendes Bauprojekt war auch schon gefunden, die Nydeggbrücke in der Stadt Bern. Doch soweit kam es nicht.

Abb. 1: Der Luegibodenblock in einer Aufnahme von Oktober 1949 – ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_247_15608

Die Berner Natursteinbrücke mit dem riesigen Bogen wurde 1844 ohne den auffällig gefärbten Granit vom Luegiboden eröffnet. Der Koloss im Berner Oberland aber wechselte abermals den Besitzer. Diesmal waren es mehrere Miteigentümer. Und auch ihnen stand der Sinn nach Verwertung des Steinmaterials.

Da legte sich ein gewisser Friedrich Bürki ins Zeug. Als gewesener Grossrat des Kantons Bern und eifriger Sammler unzähliger kleiner und grosser Objekte von historischer oder kunstgeschichtlicher Bedeutung entging ihm auch die spezielle Ausstrahlung seltener geologischer Objekte nicht. Im Fall des Luegibodensteins kam einiges zusammen, was für den Schutz und den Erhalt zugunsten der Nachwelt sprach. Der Steinkoloss war leicht erkennbar als erratischer Block aufgrund seiner auffallenden Färbung in gelbrötlichem Ton. Er bestand aus einem feinen, sehr dekorativen Granit. Ein Platz in einem Kabinett der Merkwürdigkeiten war ihm ebenfalls vorbestimmt, denn der Riese war offensichtlich ein Zeuge der Naturgeschichte. Sein Granit aber war in der heutigen Alpenwelt gänzlich unbekannt und damit war für seine Herkunft kein Ursprungsgestein ersichtlich. Die wuchtigen Dimensionen und ein geschätztes Gewicht von 12‘000 Tonnen liessen ihn als Prachtstück unter den Findlingen dastehen, auch wenn ein Teil des Blocks im Moorboden versenkt lag. Schliesslich brachten es glückliche Umstände mit sich, dass jene, die den Stein nach dem Vorbesitzer von 1841 ihr Eigen nannten, den Granit bis 1868 ebenfalls noch nicht an den Mann gebracht hatten. Und auch die Steinspende an das amerikanische Washington Monument von 1853, die das Schweizer Staatswesen wie viele andere Staaten und Gemeinschaften auf der ganze Welt ihrer Sister Republic überreichten, bestand am Ende aus einem anderen, passenderen, gelblichen Granit aus dem Lombachtal bei Habkern.

Die Zeit für Sicherung und Bewahrung der merkwürdigen Kolosse war gekommen. Im Namen der Schweizerischen Naturforschenden Gesellschaft war 1867 ein Aufruf zu einem generellen Findlingsschutz erfolgt. Er stiess in verschiedenen Kantonen auf hohe Resonanz. Die Berner Naturforschende Gesellschaft und in ihren Reihen der Bankier und Kunstsammler Friedrich Bürki kümmerte sich zusammen mit den Geologen Isidor Bachmann und Edmund von Fellenberg um den Erwerb erhaltenswerter Findlinge. Es wurde eine Geldsammlung lanciert, damit Naturobjekte, die nicht auf öffentlichem Grund lagen, den privaten Besitzern abgekauft konnten. Für umgerechnet heute über 10‘000 Franken kam der Erwerb des Luegibodenblocks zustande. Im Jahrbuch des Schweizerischen Alpenclubs von 1868 wird auch der Käufer genannt. «Herrn Friedrich Bürki ist es gelungen, in aller Stille einen der ausgezeichnetsten Findlinge, den Stein auf dem Luegiboden bei Habkeren zu acquirieren.» Das Eigentum am Granitblock wurde anschliessend dem Naturhistorischen Museum Bern übertragen. Friedrich Bürki liess den Block im Jahr 1868 fotografieren. Welche Mitglieder der Naturforschenden Gesellschaft sich mit abbilden liessen – vielleicht Bürki selbst, zusammen mit Isidor Bachmann –, ist nicht bekannt.

Abb. 2: Der Luegibodenblock 1868 – ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:839c, doi: 10.7891/e-manuscripta-4810

Die fotografische Dokumentation und ihre Datierung erwähnte Friedrich Bürki in einem Brief, den er an den Geologen und Professor Arnold Escher in Zürich richtete. Die kurze Nachricht transportierte eine eigentliche Erfolgsstory.

Bekannte und einflussreiche Naturforscher hatten mit Pioniergeist und patriotischem Eifer in bemerkenswert kurzer Zeit viel erreicht. Sie hatten weitere, in Politik und Wirtschaft eingebundene Akteure gewinnen können. Gemeinsam konnten sie wissenschaftlich wertvolle Forschungsobjekte bezeichnen, schnell monetäre Mittel aufbringen und die nationale Vernetzung in der Schweiz voranbringen. Die Findlinge wurde zu einem verbindenden Element in der noch relativ jungen Schweiz. Friedrich Bürki wandte sich 1869 nach Zürich, um über die Erfolge zu informieren. Er gedachte der grossen Verdienste Arnold Eschers und sorgte gleichzeitig für die weitere Bekanntmachung der neuen Forschungsobjekte.

Abb. 3: Friedrich Bürki liess Arnold Escher 1869 Details zu zwei neu geschützten Naturdenkmälern zukommen. – ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4:194, doi: 10.7891/e-manuscripta-5653

«[Ich] mache … mir das Vergnügen, Ihnen die Photographie der Steinhof-Gruppe und des Luegibodensteins zu übersenden, welche ich voriges Jahr auf Ort und Stelle habe aufnehmen lassen. Sollten Sie es wünschen, so steht Ihnen für Ihre öffentlichen Sammlungen von jedern noch ein weiteres Exemplar zur Verfügung.»

Die zweite, im Brief erwähnte Gruppe erratischer Blöcke befindet sich im Solothurnischen Steinhof, einer Exklave im Berner Kantonsgebiet. Sie gehört zu einer grösseren Anzahl Findlingen, die alle vom eiszeitlichen Rhonegletscher vor rund 24’000 Jahren aus den Walliser Alpen südöstlich von Martigny ins Mittelland zum Areal des Steinhofs transportiert wurden. Im Gegensatz zur Ablagerung des Luegibodenblocks, dessen Ursprung bei einem Gestein liegt, das von der Alpenfaltung verschluckt wurde und der in heutigem Verständnis die meiste Zeit im Schlamm liegen geblieben sein muss, wurde bei den Findlingen von Steinhof die Frage der Verfrachtung weg von seinem Ursprungsort bereits damals von der Wissenschaft plausibel gelöst und durch die stetig sich vorwärts bewegenden Gletschermassen der Eiszeit erklärt. Auch im Fall der Steinblöcke vom Steinhof kam zur langfristigen Sicherung Geld von der Berner Naturforschenden Gesellschaft. Der Vorstand konnte 200 Franken bereitlegen, was heute über 2500 Franken entspricht, damit die Schweizerische Muttergesellschaft 1869 das Naturdenkmal «Grosse Fluh» erwerben und definitiv schützen konnte.

Abb. 4: Der grösste Findling, die «Grosse Fluh», zusammen mit dem Findling «Menhir», Aufnahme von 1869, «Herrn Professor A. Escher von der Linth gewidmet von F. Bürki» – ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:838b, doi: 10.7891/e-manuscripta-4720

Für die verstreut auf dem Areal liegenden Findlinge legten 1850 drei «Lehrer am Steinhof», U. J. Scheidegger, V. Scheidegger und F. Schlaefli, einen Plan mit genauem Verzeichnis an. Sie dokumentierten 39 Positionen, die sie teilweise in a und b aufteilten. Der Kauf durch die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft schützte ab 1869 den grössten Findling auf dem Areal, nachdem noch 1855-1857 Granitstein für den Neubau der Bahnlinie Olten Bern abgeführt worden war.

Abb. 5: Plan, wie die Findlinge 1850 auf dem Gebiet des Steinhofs verteilt waren – ETH-Bibliothek Zürich, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 4c:838a, doi: 10.7891/e-manuscripta-4701 .

Ebenfalls eindrücklich präsentiert sich der «Kilchlifluh», ein weiterer Findling auf dem Steinhofareal, der noch im 20. Jahrhundert beinahe als Baumaterial verwendet worden wäre. Ihn rettete die Schweizerische Naturforschende Gesellschaft 1909 und kaufte die Parzelle mit dem Block, worauf er ebenfalls unter Schutz gestellt werden konnte. Dieser Zeuge, der an die gewaltigen Veränderungen mahnt, die in der Landschaft durch Gletscher vor sich gingen, wurde dank seiner frei stehenden Lage zu einem dankbaren Naherholungsziel. Gewärmt und gestützt vom Felsen, aufgehoben und entspannt in der Natur, so erlebte im Mai 1946 eine kleine, muntere Schar Erholungssuchender die Rast auf ihrer Landpartie.

Abb. 6: Ausflugsgruppe beim Steinhof-Findling «Kilchlifluh», Mai 1946 – ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Dia_247_14667


Weiterführende Literatur und Links:

Caviezel-Rüegg, Zita: «Bürki, Friedrich», in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 20.4.2005. Online: https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/027703/, konsultiert am 19.3.2020.

Free Swiss Confederation, Datenblatt zu Schenkung und Restaurierungen des Gedenksteines der Schweiz am Washington Monument, In: Jacob, Judith M., The Washington Monument. A Technical History and Catalog of the Commemorative Stones, National Park Service U.S. Department of Interior, 2005 S. 133

Lindt, Rudolf, Apotheker und Grossrat: Der Stein auf dem Luegiboden, mit Holzschnitt «Erratischer Block», in: Jahrbuch des Schweizer Alpenclubs, 5. Jahrgang, 1868, S. 629-635.

Maurer, Emanuel: «Im Interesse der Wissenschaft und zu Ehre des Landes». Der Schutz der Findlinge im Kanton Bern, in: Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaft in Bern, Band 62, 2005, S. 135 – 159.

Schmalz, Karl Ludwig: Steinhof – Steinenberg in: Jahrbuch des Oberaargaus, 9, 1966, S. 12-58.

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