Die Cometen: Christof Sonderegger

Dicke Ordner mit Fotos und Reportagen liegen auf dem Tisch im Garten von Christof und Heidi Sonderegger im St. Galler Dorf Thal bei Rheineck. Frösche quaken im Teich, es ist Mittag, Idylle pur vor dem alten, originell renovierten Haus der Familie. In den letzten vierzig Jahren haben wir beide einstige Comet-Mitarbeiter uns nur sporadisch gesehen, es gibt viel zu erzählen. 1953 geboren, wuchs Christof mit vier Geschwistern in Rheineck auf, interessierte sich schon früh für die Fotografie und absolvierte deshalb eine Fotografenlehre bei Carsten Seltrecht in St. Gallen, einem Fotostudio für Industrie und Werbung mit hervorragendem Ruf und viel technischem Know-how.

Unbekannt: Comet-Fotografen mit Eintrittsdaten: Christoph Sonderegger, Hans Ueli Bramaz, Walter Schmid, Hans Krebs (v.l.n.r.), Jules Vogt (vorne), ca. 1975 (Com_A0000)

Enthusiastisch, wie es seinem Naturell entspricht, bildete er sich weiter in der Presse- und Sportfotografie. Christof schlich sich schon mit 17 Jahren bei einem Fussball Länderspiel hinter das Tor im vollen Berner Stadion Wankdorf, er wurde ermahnt, weil er vor der Ovomaltine Werbung stand, und belichtete seinen einzigen Schwarzweissfilm. Mit Teleobjektiv stand er bald an den Pisten des Skiweltcups und fotografierte auch den damaligen Superstar Bernhard Russi, der von einem Schnappschuss so begeistert war, dass er bei ihm Poster bestellte. Entgelt des Copyrights an den Fotografen: 66 Fr.

„Eine phänomenale Zeit!“

Die Olympiade in München 1972 erlebte Christof Sonderegger dank dem Gewinn eines Fotowettbewerbes der Zeitschrift Tip. Nach der RS suchte er eine Stelle als Fotograf. Ein Bekannter platzierte führ ihn ein Stelleninserat in der Neuen Zürcher Zeitung, worauf ein ganzer Bund Schreiben von Interessenten in Christofs Briefkasten landete. Darunter ein Job Angebot von Comet Photo. Björn Lindroos wollte ihn sofort anstellen, doch der junge St. Galler erklärte, er müsse sich das noch überlegen… „Ich realisierte erst auf dem Heimweg, welche Chance sich mir da bot, rief wenig später zurück und erlebte bald meinen ersten Arbeitstag“, erinnert er sich, „ein Wurf ins kalte Wasser!“ Christof wohnte anfangs in einer WG mit Kollegen im Zürcher Niederdorf und mietete später eine eigene Wohnung.

Wir blättern in einem seiner Ordner, Nella Martinetti gondelt da in der Limmat vor dem Zürcher Grossmünster, Teil einer Home Story für die Glückspost. Da Nella zu jener Zeit keine eigene Wohnung hatte, fotografierte er sie im Appartement eines Bekannten. Die Rolling Stones lichtete er beim zweiten Konzert nach den berüchtigten Stuhlschlachten des ersten Auftritts im Zürcher Hallenstadion ab, diesmal ohne Sitzgelegenheiten. Tausende Fans hockten am Boden, auch optisch eingefangen von Christof Sonderegger, der mit seinen Bilderfolgen Geschichten erzählen will.

Christof Sonderegger: Zürich, Hallenstadion, Konzert The Rolling Stones, 15.06.1976 (Com_L25-0446-0003-0005)

Christof Sonderegger: Zürich, Hallenstadion, Konzert The Rolling Stones, Mick Jagger, 15.06.1976 (Com_L25-0446-0001-0015)

Christof Sonderegger: Nella Martinetti, 13.02.1975 (Com_C20-022-040-002-001)

Ihn faszinierte die Vielfalt der Aufgaben bei der renommierten Zürcher Agentur, die vom Pressebild über die Reportage in Begleitung eines Journalisten, Firmenaufträgen und Sportfotos bis zu Flugaufnahmen reichte. Einer der Fixpunkte war der so genannte Pool, der tägliche Aussand von Pressebildern. Jeder der fünf Fotografen versuchte natürlich, am meisten Abdrucke in den Printmedien zu erreichen, was man jeweils am Morgen bei der Durchsicht der damals noch viel zahlreicheren Zeitungen eruierte und auf einer scharf beäugten Tabelle an der Wand markierte.

Bei der Comet konnte man seinen Neigungen folgen, wurde aber immer wieder kurzfristig für alle möglichen Einsätze aufgeboten, bis hin zu Fallschirmabsprüngen mit der Kamera. „Dieser Job bot so viele Möglichkeiten, eine faszinierende Welt“, schwärmt er auch nach Jahrzehnten, „man konnte reisen, die Schweiz und ferne Länder kennen lernen.“ Zum Beispiel auf Reportage Trips nach Island oder ins Ruhrgebiet, die Christoph mit dem schreibenden Journalisten erlebte, aus welchen Bild-Text Berichte in der NZZ, weiteren Tageszeitungen und Fachzeitschriften oder im Familienblatt Schweizer Familie entstanden.

Mehr und mehr rückte der Tourismus in Christofs Aufgabenbereich in den Vordergrund. Erst kam ein grosser Auftrag der Rigibahnen, den berühmten Aussichtsberg zu allen Jahreszeiten professionell ins Bild zu setzen, dann meldeten sich die Jungfraubahnen bei Comet, was den St. Galler Fotografen intensiv beschäftigte.

Christof Sonderegger: Island, Grosser Geysir im Haukadalur auf dem Gemeindegebiet von Bláskógabyggð, Juni 1977 (Com_LC1080-011-002)

 

Christof Sonderegger: Westmännerinseln, Heimaey, Juni 1977 (Com_LC1080-006-002)

Christof Sonderegger: Reykjavik, Úlfljótsvatnskirkja, Juni 1977 (Com_LC1080-001-017)

Wichtiges Bildarchiv

„Durch die Comet lernte ich namentlich auch den Wert eines gut erschlossenen und gemanagten Bildarchivs kennen“, erklärt er, „was mir dann bei meiner Selbständigkeit später sehr zugute kam. Mein stetig wachsendes Bildarchiv wurde zum wichtigen Bestandteil meines Einkommens.“ Bei der Fotoagentur lernten alle, aus jedem Trip, ja aus jedem einzelnen Bild, ökonomisch ein Maximum herauszuholen. War man als Journalist mit einem Comet Fotografen mit dem Auto unterwegs, kam es nicht selten zu Zwischenstopps, weil man ein interessantes Sujet für den Bilderdienst oder das Archiv entdeckte, das konnte eine Kartoffelernte, ein sonderbares Verkehrsschild oder sogar die Geburt eines Kalbes auf freiem Feld sein. Dieses Ausnützen jeder Gelegenheit ging den Cometen in Fleisch und Blut über, dank gesunder Konkurrenz in der Agentur und den Gardinenpredigten des Chefs. Wie Christof schmunzelnd erzählt, habe ihn „Lindi“ in den ersten Wochen einmal im Büro vorgeknöpft und ihm eröffnet, wenn er nicht besser werde, fliege er raus.

Christof Sonderegger: Militärradfahrer mit Ziege, 10/1975 (Com_L24-0650-0001-0001)

Sonderegger arbeitete bei Comet als Fotograf auch für die damals erfolgreiche Stiftung Dialog, die im Bereich politische Bildung tätig war, ein während Jahren boomendes Unternehmen eines Kollegen, Rudolf Frehner. Dieser wollte aber den Fotografen unbedingt selbst anstellen. Als Lindroos das zu Ohren kam, kündigte er Christof fristlos, ein unschöner Abgang nach fünf Jahren mit vollem Einsatz. Der inzwischen 66jährige Fotograf blickt versöhnlich zurück: „Lindi war ein strenger Lehrmeister, ich respektierte ihn, und habe fotografisch und aus seinem Geschäftsstil viel gelernt.“ Drei Jahre stand Sonderegger danach für die Stiftung Dialog im Einsatz, heiratete Heidi Oesch, wurde Vater von vier Kindern. Dank seinem Spezialgebiet, der Tourismusfotografie, wurden viele Reiseveranstalter und Tourismusunternehmen seine Kunden. Und Schweiz Tourismus lockte lange Jahre mit Christof Sondereggers Fotos Touristen aus aller Welt in die Schweiz. Ein weiterer Profi, der mit dem Comet-Rüstzeug später erfolgreich selbständig arbeitete.

Jules Vogt: [unbekannt], Hans Krebs, Björn Erik Lindroos, Christoph Sonderegger im Comet-Büro in Zürich, 27.02.1978 (Com_M27-0141-0006)

 

Werner Catrina: Christoph Sonderegger, Sommer 2019

Aufgezeichnet von Werner Catrina, 1972-1977 Journalist bei Comet; Bildredaktion Roland Lüthi

Weitere Beiträge in der Reihe „Die Cometen“:

Die Cometen: Björn Erik Lindroos

Die Cometen: Zum 100. Geburtstag von Jack Metzger

Die Cometen: Hans Gerber

Die Cometen: Walter Schmid

Die Cometen: Heinz Baumann

Die Cometen: Werner Catrina

Die Cometen: Beat Albrecht

Geplant sind: Hansruedi Bramaz, Doris Gaus, Hans Krebs, Jules Vogt und weitere.

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