Eine eingestürzte Brücke als Seh- und Denkschule

Was war der Grund für den Einsturz der Brücke? Wo liegt die Schwachstelle? Welchen Einfluss haben Wind und Wetter auf das Bauwerk? Ist die Alterung des Werkstoffes, ein Mangel an Verbindungselementen oder eine statische Fehlberechnung Ursache des Zusammenbruchs?

Abbildung 1: Eingestürzte Brücke, Bildbestand HSA_0008-Stüssi

Solche und ähnliche Fragen dürfte der ETH-Professor Dr. Fritz Stüssi (1901-1981) immer wieder sachverständig beantwortet haben. Der Nachlass von Stüssi am Bildarchiv der ETH-Bibliothek legt dies jedenfalls nahe. Der Bildbestand birgt ca. 14’600 Glasdiapositive, Glasnegative und Abzüge und offenbart einen interessanten Zugang zu Denken und Handeln des Schweizer Bauingenieurs.

Zu Beginn seiner Forschungstätigkeit untersuchte Fritz Stüssi die Langzeitvorgänge, insbesondere die Ermüdungsfestigkeit von Werkstoffen. Dazu unternahm er verschiedene Versuche, in denen er Holz und Metall systematischen Krafteinwirkungen aussetzte. Er beanspruchte die Werkstoffe also gezielt und analysierte und berechnete dabei das Knick- und Beulverhalten. Sämtliche Versuche wurden mit Glasnegativplatten belegt. Weiter schien Stüssi auch Schwachstellen in den Verbindungen von Bauelementen zu untersuchen. Einige Bildsujets wie Abb. 2 und 3 zeigen denn auch Aufnahmen von Konstruktionsdetails.       

Abbildung 2 und 3: Verbindungen von Bauelementen, Bildarchiv HSA_0008-Stüssi

Diese Auseinandersetzung zeugt von einem grundsätzlichen Interesse an der Beschaffenheit von Werkstoffen, Konstruktionen von Bauwerken und deren Schwachstellen, das sich auch in seinen Veröffentlichungen widerspiegelt. Insgesamt veröffentlichte Stüssi sieben Lehrbücher sowie 178 Aufsätze in technischen Zeitschriften, die sich mit Knick- und Beulproblemen, mit Traglastermittlungen als auch mit Sonderaufgaben des zivilen und militärischen konstruktiven Ingenieurbaues in Stahl, Aluminium und Holzbau befassen. Aufgrund seiner intensiven Beschäftigung mit den praktischen Problemen der Bautätigkeit wirkte er auch bei zahlreichen Bauwerken als Projektverfasser oder als Berater. Mehrmals wurde er bei eingestürzten Brücken oder anderen defekten Baukonstruktionen als Spezialist beigezogen, um ein Gutachten zu erstellen.

1935 hatte Fritz Stüssi an der ETH für das Gebiet «Stabilitäts- und Festigkeitsprobleme» habilitiert und war von 1949 bis 1951 Rektor der ETH Zürich. Von 1937 bis zur Emeritierung 1966 war er an der ETH Zürich ordentlicher Professor für Baustatik sowie Hoch- und Brückenbau in Stahl und Holz. Beim grössten Teil des Bildbestandes handelt es sich denn auch nicht um Originalfotografien eines Fotografen, sondern um zusammengetragenes Bildmaterial, das für Publikationen, Vorlesungen und Vorträge verwendet wurde. Eigens für diese Zwecke wurde eine «Diathek» mit Glasdiapositiven, dazugehörigen Glasplattennegativen und Karteikarten angelegt. Interessant ist hierbei, dass über das Denken und Handeln des Professors hinaus auch der Herstellungs- und Reproduktionsprozess von Glasdiapositiven belegt ist.

Abbildung 4:  Glasplattennegativ zeigt Reprografie auf, Bildarchiv HSA_008-Stüssi

Bei den Sujets handelt es sich grösstenteils um Reprografien. Anscheinend wurden diverse Brückensujets aus Büchern und Zeitschriften abfotografiert. Dieses Vorgehen ist allerdings erst bei genauer Betrachtung der Bildträger zu erkennen. So kann bei Abbildung 4 ein Passepartout entdeckt werden, mit welchem der Bildausschnitt definiert wurde. Auf selbiger Kartoneinfassung wurden die Reissnägel mitfotografiert. Es zeigt sich, dass mit dem Bildbestand Stüssi ein exemplarisches Belegsystem vorhanden ist, das die Bildherstellung nachvollziehbar macht und Querbezüge zur Lehrtätigkeit und Denkweise des Professors ermöglicht. Darüber hinaus mag aufgrund von Stüssis Interesse an Stabilität und Schwäche einer Konstruktion der eigene Blick auf Baudetails geschärft werden.

Literatur:

ETH-Bibliothek, Z. (Hrsg.). (1989). Fritz Stüssi 1901-1981. ETH Zürich Research Collection, Handschriften und Autographen der ETH-Bibliothek. https://doi.org/10.3929/ethz-a-000501916

Jegher, W., & Steinhardt, O. (1980). Fritz Stüssi zum 80. Geburtstag am 3. Januar 1981. Schweizer Ingenieur und Architekt, 162359-x, 1420-3367, 98, 1980, 51-52, 1327

Kurrer, K.-E. (2016). Geschichte der Baustatik: Auf der Suche nach dem Gleichgewicht (2., stark erw. Aufl.). Berlin: Ernst & Sohn

Meyer, B. (2012, April 25). Stüssi, Fritz [Historisches Lexikon der Schweiz]. Abgerufen 7. August 2019, von Hls-dhs-dss.ch website: https://hls-dhs-dss.ch/artic-les/031684/2012-04-25/

Die Autorin hat im Rahmen eines Fachpraktikums am Bildarchiv den Bestand erstmals gesichtet und ein Grobinventar erstellt. Da der Bestand weitestgehend aus Reproduktionen von Fremdbeständen besteht, priorisiert das Bildarchiv die Bearbeitung im Moment nicht sehr hoch.

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