Revolte und Reform – Der Abstimmungskampf gegen das ETH-Gesetz

1968 verabschieden die eidgenössischen Räte einstimmig ein neues ETH-Gesetz. Die Studierenden der ETH Zürich ergreifen daraufhin erfolgreich das Referendum. Nun gilt es, die Mehrheit der Stimmberechtigten von ihren Anliegen überzeugen.

Das vom Parlament verabschiedete ETH-Gesetz hatte weder die Autonomie der Hochschule, noch Mitbestimmungsrechte für Studierende oder eine Demokratisierung der ETH berücksichtigt. Den Beschluss, das Referendum gegen das Gesetz zu ergreifen, fällen die ETH-Studierenden in einer Urabstimmung. Die nötigen Unterschriften bringen sie innert kürzester Zeit zusammen.

Durch die Studentenunruhen in ganz Europa ist auch das schweizerische Establishment verunsichert, und die Globuskrawalle vom Sommer 1968 erschüttern das verschlafene Zürich in seinen Grundfesten. Wird eine negative Grundeinstellung der bürgerlichen Kreise gegenüber aufbegehrenden Studierenden dem Referendum gegen das ETH-Gesetz zum Verhängnis? Voller Elan stürzen sich die Studierenden des Komitees Referendum in den Abstimmungskampf. Geschickt setzen sie dabei neue Aktionsformen ein. So wird in einem sogenannten “Go-In“ eine Lehrveranstaltung von Prof. Hans Ess umfunktioniert und stattdessen über Plakatentwürfe für die Abstimmung orientiert und diskutiert.

Vorder- und Rückseite Flugblatt “Go-In: Orientierung über die Plakatentwürfe für die Abstimmung”, Mai 1969 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 1995 VSETH)

Ein weiterer Beleg für den kreativen Einsatz dieser Aktionsformen, ist ein Flugblatt vom Mai 1969, auf dem in selbstironischer Überzeichnung zu einem “Go-in-Act-in-Paint-in-Fest” eingeladen wird. Zweck des Festes ist es, Vehikel für einen Umzug am 17. Mai zu dekorieren.

Flugblatt “Go-in-Act-in-Paint-in-Fest”, Mai 1969 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 1995 VSETH)

In dieser Aktion wie auch im Umzug selbst zeigt sich der Unterschied zu den Globuskrawallen aber auch zu den Studentenunruhen im nahen Ausland. Die Studierenden der ETH setzen mit dem Referendum auf ein demokratisches Mittel und gewinnen mit gewaltfreien farbenfrohen Umzügen das Vertrauen und die Gunst der breiten Bevölkerung. Eine Illustrierte betitelt denn auch ihren Bericht über den Umzug vom 17. Mai pointiert mit „Beat statt Barrikaden“.

Umzug gegen das ETH-Gesetz, 17. Mai 1969 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, DOI: 10.3932/ethz-a-000050009)

Zugleich hilft dem Komitee die grundsätzliche Sympathie, die viele Kulturschaffende für die revoltierende Jugend hegen. So wird der Abstimmungskampf u.a. mit dem Erlös aus dem Verkauf einer Schallplatte finanziert, welche von den bekannten KabarettistInnen Alfred Rasser, Ruedi Walther und Margrit Rainer eigens für den Abstimmungskampf produziert wurde. Auch der berühmte Schriftsteller und ETH-Absolvent, Max Frisch, verfasst einen Text für die Rückseite des Plattencovers.

Vynil-Schallplatte „Es nei as Bei“. 1969 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 1995 VSETH)

Der Stimmungsumschwung überträgt sich auf die politischen Parteien. Trotz einstimmiger Annahme des Gesetzes durch ihre Vertreter in National- und Ständerat geben fast alle Parteien die Nein-Parole heraus. Und so kommt es, wie es kommen muss. Am 1. Juni 1969 wird das ETH-Gesetz vom Stimmvolk mit grossem Mehr abgelehnt. Da mit der Übernahme der École polytechnique de l’Université de Lausanne (EPUL) durch den Bund, das alte ETH-Gesetz keine Anwendung finden kann, steht die ETH nun ohne Gesetz da. Es beginnt eine Übergangsphase, die erst mit dem ETH-Gesetz von 1992 ihren Abschluss finden wird.

Literatur:

David Gugerli, Patrick Kupper und Daniel Speich, Die Zukunftsmaschine: Konjunkturen der ETH Zürich 1855-2005. Zürich, 2005.

Urs Lengwiler, Daniel Kauz, Simone Desiderato: Was Studenten bewegt: 150 Jahre Verband der Studierenden an der ETH. Baden 2012.

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