Als PowerPoint noch eine «Diaschau» war…

Mit Tonbildschauen in den politischen Kampf gegen Überfremdungsängste[1]

Auf der Erde herrscht Hunger und Armut. Nahrung ist knapp und Arbeit auch. Alle, die dazu im Stand sind, müssen gehen. Emigrieren, weg aus der Heimat auf den verheissungsvollen Planeten Wega, wo sie einfache Handarbeit verrichten: Strassen bauen, Tunnels graben. Gedankt wird ihnen mit tiefen Löhnen, hohen Mieten, Neid und Missgunst. Diese Menschen, heisst es auf Wega, nehmen den Einheimischen Arbeit weg, verknappen Wohnraum, flirten mit Weganerinnen.

In diesen Sätzen entwickelt sich nicht der Plot eines Science-Fiction-B-Movies. Es handelt sich vielmehr um den Inhalt einer aus heutiger Sicht leicht skurrilen politischen Werbekampagne aus den 1970er Jahren mit dem Titel «Wir in der Schweiz». Sie ist Teil einer im Archiv für Zeitgeschichte neu digital zugänglichen Tranche Archivgut, das auf einem unterdessen ausgestorbenen analogen Trägermedium gespeichert war.

Das in Vergessenheit geratene Medium ist jenes der Tonbildschau – einer Bilderfolge von Diapositiven, der eine gesprochene Tonspur unterlegt wurde. Vor dem Durchbruch der Video-Technologie war sie ein idealer Kanal etwa für Werbung und Schulung. «Wir Menschen auf der Wega», eine Produktion des Schweizer Tonbildschau-Pioniers Egon Becker im Auftrag der Sozialpartner der Maschinen- und Metallindustrie, verkörpert dies exemplarisch.

Tonbildschau-Dia aus «Wir Menschen auf der Wega» (Informationsprogramm «Wir in der Schweiz» der Sozialpartner der Schweizerischen Maschinen- und Metallindustrie, 1973-1978).

Die Schau plädierte angesichts der sogenannten Überfremdungsinitiativen der 1970er Jahre aus wirtschaftlichen Überlegungen für Integration statt Isolation von Migrantinnen und Migranten. Mit den «Menschen» waren damals Italienerinnen und Italiener gemeint, mit der Wega die Schweiz, und das Zielpublikum der erzieherischen Kampagne waren die Beschäftigten in den Unternehmen der Schweizer Industrie.

Schweizer Tugenden «Erfindungsgeist, Qualitätsbewusstsein, Arbeit»

Eine zweite Tonbildschau erklärt in einer kleinen Geschichtslektion, wer für den Reichtum der Schweiz verantwortlich ist: die Industrie, wo dank «Erfindungsgeist, Qualitätsbewusstsein, Arbeit» aus einfachem Material Qualitätsgüter für den Export hergestellt werden.


«Wenn ihre Leistung nicht wäre, die Schweiz wäre wohl noch heute ein Agrarland, das sich auf seinem kargen Boden nicht selbst zu ernähren vermag. (…) Ein Land, das die Emigration auf andere Art erleben würde, wie auch schon dagewesen».

Zitat aus der Tonbildschau «Die Schweiz, ein armes oder ein reiches Land?» 1973.

Der Grundtenor der ganzen Kampagne lautete: Die Schweiz ist ein Land, das vom Export lebt, das sich durch harte und genaue Arbeit Wohlstand schafft, das dafür Arbeitskräfte aus dem Ausland holen muss, wenn es nicht selbst wieder zum armen Auswanderungsland werden will.


Tonbildschau-Dia aus «Die Schweiz, ein armes oder ein reiches Land?» 1973.

Integration ist dabei in erster Linie aus volkswirtschaftlichen Gründen nötig: Das «Versäumnis der Eingliederung» schmälert nämlich die Produktivität der Arbeiterinnen und Arbeiter. Diese gehen regelmässig wieder, obwohl sie «den Begriff Schweizer Qualitätsarbeit eben erst in der Praxis umzusetzen gelernt hatten».

Die Verbindung von wirtschaftlich progressiven Zielen mit dem Interesse einer auf billige Arbeitskräfte angewiesenen Industrie ist ein wesentlicher Charakterzug dieser historischen audiovisuellen Quellen. Sie sind in ihrer politischen Aussage wie in der verwendeten Bildsprache eindrückliche Zeugnisse des zeitgenössischen state of mind.

Pionier der Multivisions-Technologie

Egon Becker war Ende der 1930er Jahre als jüdischer Flüchtling von Danzig in die Schweiz gelangt. Als Autodidakt begann er, Kinowerbung zu schreiben und kam 1960 zum noch jungen Schweizer Fernsehen. 1970 gründete er die Firma Becker Audio-Visuals, die bis Ende der 1990er Jahre mehrere hundert Filme, Tonbildschauen und Bildungsprogramme für Auftraggeber aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik produzierte.

Egon Becker im Jahr 2006 kurz vor seinem Tod.

Becker entwickelte ein eigenes technisches Verfahren, die sogenannte Multivision. Dabei handelte es sich um vollautomatische Tonbildschauen mit Überblendetechnik, die das Bespielen einer Leinwand mit mehreren Diaprojektoren ermöglichten. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche internationale Preise.

Das Archiv für Zeitgeschichte macht nebst dem Geschäftsarchiv von Becker Audio-Visuals 62 rekonstruierbare Tonbildschauen und 6 Filme aus dem Firmen-Fundus mit insgesamt 20 Stunden Dauer zu den Themen Industriegeschichte, Arbeitsbedingungen, Migration, Qualitätssicherung, Datenschutz und Sicherheit digital zugänglich.

[1] Grosser Dank gebührt dem Geschichtsstudenten Giorgio Scherrer. Er erarbeitete die Basis für diesen Beitrag im Rahmen seines Kurzpraktikums im Archiv für Zeitgeschichte.

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