Thomas Manns verhinderter Wagner und andere Kostbarkeiten

Das Thomas-Mann-Archiv konnte wertvolle Titel Thomas Manns aus einer Privatsammlung erwerben

Ein einschneidendes Erlebnis im Leben Thomas Manns und seiner Familie war der Vortrag «Leiden und Grösse Richard Wagners», den der Dichter am 10. Februar in München hielt. Nach dem «Protest der Richard Wagner Stadt München» (15. April 1933) war die Konsequenz daraus das Exil, das, damals ungeahnt, mit der Abreise aus München einen Tag später begann.

Thomas Mann hatte bereits im Sommer 1932 mit der Amsterdamer Wagnervereinigung diesen Vortrag zum 50. Todestag Richard Wagners vereinbart und hielt ihn dort am 13. Februar 1933. Wie so oft wuchs das Projekt im Rahmen der Bearbeitung über seinen ursprünglich geplanten Umfang hinaus und wurde zu einem Essay von über 70 Seiten, aus dem Thomas Mann letztendlich den Vortrag extrahierte. Eine Fassung des Essays wurde im April 1933 in der «Neuen Rundschau» veröffentlicht. Gleichzeitig jedoch war eine «Buchausgabe» geplant. Bereits am 29. Januar schrieb Thomas Mann darüber an Ida Herz: «Ich bin mit meinem kleinen Wagnerbuch fertig…» (Thomas Mann. Dichter über ihre Dichtungen Bd. II, S. 399) und am 1. April: «Die Korrektur des kleinen Wagner-Buches habe ich schon erledigt; es soll im Mai herauskommen» (Thomas Mann. Dichter über ihre Dichtungen Bd. II, S. 402).

Wie wir heute wissen, hat die politische Lage nach der Machtergreifung Hitlers im Januar 1933 die Veröffentlichung verhindert, dem S. Fischer Verlag war es nach den Protesten in Deutschland zu gefährlich geworden, die Buchausgabe zu publizieren. Die Familie Mann wurde ins Exil gezwungen, das in der Schweiz 1933 begann und für Thomas Mann 1955 auch dort endete.

Allerdings hat sich der 1. Korrekturbogen des Buches erhalten, dessen Eintreffen Thomas Mann am 23. März in Lenzerheide im Tagebuch vermerkt: «Vormittags kamen ausser den Zeitungen, vor denen mir graut, die umbrochenen Bogen des Wagner» (Thomas Mann. Tagebücher Bd. II, S. 18).

Und genau diese 1. Korrektur der geplanten Buchausgabe konnte das Thomas-Mann-Archiv vom Sammler Dr. Sebastian Kiwitt als einziges noch erhaltenes Exemplar erwerben und macht es nun Forschung und Öffentlichkeit zugänglich.

Abb. 1 Korrektur der geplanten Buchausgabe, datiert vom 22. März 1932 [sic]

Schon seit vielen Jahren steht das Thomas-Mann-Archiv mit dem Mathematiker und Sammler von Thomas Manns Werken, Dr. Sebastian Kiwitt, in Kontakt, viel konnte man sich gegenseitig in kniffligen Fragen zu verschiedensten Ausgaben helfen. Deshalb lag es für Herrn Kiwitt nahe, als er sich von einem Kernbereich seiner Sammlung trennen wollte, zuerst das Thomas-Mann-Archiv zu kontaktieren. Im Sommer 2018 gelang der Ankauf von 50 seltenen Werkschriften Thomas Manns.

Das unikate «Wagnerbuch» wurde oben schon beschrieben, daneben wurde ein weiterer Korrekturumbruch erworben, vom vierten Band der Joseph-Tetralogie, Joseph der Ernährer. Auch diese Druckfahnen haben einen spannenden Exilhintergrund.

Als Thomas Mann den letzten Josephband im Januar 1943 beendete, lebte er mittlerweile in Kalifornien. Sein Verlag S. Fischer war nach dem Anschluss Österreichs von Wien nach Stockholm emigriert, angelehnt an das grosse Verlagshaus Bonnier. Dort erschien 1943 Joseph der Ernährer. Da die Verhältnisse durch die Entfernung und die Kriegssituation so kompliziert waren, konnte Thomas Mann entgegen seinen Gewohnheiten die Fahnen nicht Korrektur lesen, dies wurde von Lektoren des schwedischen Verlagshauses Bonnier erledigt. Deshalb schlichen sich ungewöhnlich viele Fehler in diese Ausgabe. Thomas Mann war dies unter diesen Umständen sehr klar und sah seine Hoffnungen eher in einem späteren Neudruck: «Bei unserem Beschluss, das Buch in Stockholm drucken zu lassen, muss es ja wohl bleiben. Natürlich ist es schwer für mich, auf die Korrekturen zu verzichten, und eine korrekte erste Ausgabe wird schwerlich zustande kommen. Wir müssen uns damit trösten, dass bald einmal, etwa in zwei Jahren, ein Neudruck wird veranstaltet werden können». (Brief an Bermann Fischer vom 6.2.1943)

Abb. 2 Die vom schwedischen Verlagshaus Bonnier korrigierten Druckfahnen von Joseph der Ernährer

So führt der Kreis wieder ins Thomas-Mann-Archiv und zur Nachlassbibliothek von Thomas Mann. Dort steht der in Stockholm korrigierte und in einer New Yorker Ausgabe 1944 erschienene Band Joseph der Ernährer, der dem Dichter so viel Kopfzerbrechen bereitete. Thomas Mann hat dort auf dem hintersten Blatt die Seitenzahlen notiert, auf denen er Korrekturen vorgenommen hatte.

Abb. 3 Handschriftliche Liste der Seiten mit Korrekturen im Band Joseph der Ernährer aus der Nachlassbibliothek Thomas Manns (mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlages)

Auf Basis dieser Liste wurde ein maschinenschriftliches Fehlerverzeichnis angefertigt und an den Verlag gesandt, der sie ab Drucken von 1948 berücksichtigte, zu Thomas Manns Verdruss aber nicht vollständig: « […] Übrigens wimmeln alle diese Stockholmer Ausgaben von z.T. skandalösen Druckfehlern. Meine Listen gelangen entweder nicht dorthin oder werden nicht beachtet […] » (Brief an Käte Hamburger vom 31.1.1946).

So wurden in diesem Band Thomas Manns nicht nur die Exilerfahrungen seines Hauptakteurs Joseph beschrieben, man kann an ihm und den erworbenen Korrekturfahnen auch ablesen, was das Exil für widrige Umstände für den Autor und sein Werk bereithielt.

Literatur:

Mann, Thomas: Thomas Mann, hrsg. von Hans Wysling, 3 Bände, München: Heimeran 1975-1981 (= Dichter über ihre Dichtungen, Bd. 14, 1-3).

Mann, Thomas: Tagebücher, hrsg. von Peter de Mendelssohn, ab 1944: hrsg. von Inge Jens, 10 Bände, Frankfurt am Main: S. Fischer 2003.

Die Briefe Thomas Manns: Regesten und Register, hrsg. von Hans Bürgin und Hans-Otto Mayer, 5 Bände, Frankfurt am Main: Fischer, 1977-1987.

AutorInnen

3 thoughts on “Thomas Manns verhinderter Wagner und andere Kostbarkeiten

  • Friday May 3rd, 2019 at 12:19 PM
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    Molto interessante. Complimenti per l’acquisizione e per il lavoro.

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  • Friday May 3rd, 2019 at 12:38 PM
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    Ausgezeichnete Arbeit, Frau Hollender. Und ein feiner Zug von Herrn Dr. Kiwitt. Ohne Thomas Manns Vorarbeit wäre der geniale Wurf des Doktor Faustus kaum denkbar gewesen.
    Wie rasch sich die Dinge nach der Höhe seines Erfolges 1929 samt seinen “wohl süße(n) Erschütterungen” wandelten, konnte man an seinem gescheiterten Plan sich in Nidden niederzulassen bereits erahnen.
    Hier nun also wird man lernen können, dass die Entscheidung für ein Exil selbst für einen mit Format durchaus mit “widrigen
    Umständen” verbunden war.

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  • Friday May 3rd, 2019 at 07:35 PM
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    Herrn Kiwitts noble Überlassung dieser TM-Rara ist erfreulich und die reale Exilsimprägnierung des vierten Josephsbandes – habent sua fata libelli! – eine buchenswerte Meta-Erzählung. Dazu in aller Bescheidenheit meine eigene Geschichte des Erwerbs der amerikanischen Erstausgabe von Joseph the Provider, erschienen 1944 bei Alfred Knopf, im Jahre 2014, als wir im Leihauto u.a. in den Wüsten von Utah unterwegs waren:
    Um nach dem Grand Canon ein weiteres Canon aufzusuchen, nahmen wir mit unserem “Jeep” eine der schurgeraden Routen und trauten unseren Augen nicht, als plötzlich linker Hand ein Geschäft mit der Aufschrift “Old Books” auftauchte. Eine günstige Gelegenheit, sich die Beine zu vertreten! Und einen noch bessere, um zu inspizieren, womit in dieser gottverlassenen Gegend ein US-Buchantiquariat seine automobilen Kunden lockte.
    Nach zehn Minuten stand fest, dass das Buchangebot sich kaum mit den Antiquariaten im Zürcher Oberdorf messen konnte – da fällt ein letzter Blick auf ein immerhin gebundenes Buch, dunkelblau mit verblasster Schrift am oberen Buchrücken. “J-o-s-e-p-h t-h-e P-r-o-v-i-d-e-r”. Thomas Mann in der Wüste von Utah?? Dass bei mir jetzt “spitzig-sanfte Genugtuung” (JdE, S. 9, Stockholm 1943) bzw. “a mild yet poignant satisfaction” (JthePr, p.3, New York 1944) herrschte, wäre eine Untertreibung. Ich hatte Herzklopfen und bangte vor dem Preis. Nun, 8 Dollar war dem Laden von “Lee Ballard, 2 East State Route 9, Virgin, Utah” die amerikanische Erstausgabe von JdE 70 Jahre nach dem Erscheinen noch wert. Für uns war die Erwerbung selbstredend die erinnerungskräftigste Trophäe auf unserer mehrwöchigen US-Reise.

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