Gegen Faschismus und Tuberkulose – Leopold Ruzickas Engagement für Jugoslawien

Am 9. Dezember 1944 gründete der ETH-Professor und Nobelpreisträger Leopold Ruzicka das Schweizerisch-jugoslawische Hilfskomitee. Doch nicht allen Gesellschaftskreisen in der Schweiz behagte die Hilfe für ein Land, in dem schleichend der Kommunismus aufgebaut wurde.

Ruzicka vor Bücherwand, Wohnung

Nobelpreisträger Prof. Leopold Ruzicka im Jahr 1967, ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Com_L16-0150-0104, DOI: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000049822

Das Schicksal des im April 1941 von der deutschen Wehrmacht zerschlagenen Jugoslawiens lag Leopold Ruzicka sehr am Herzen. Seit 1917 besass er die Schweizer Staatsbürgerschaft, bezeichnete sich aber stets als Jugoslawe kroatischer Abstammung. Er hegte grosse Sympathien für die von den Kommunisten angeführte jugoslawische Volksbefreiungsbewegung. Diese führte nicht nur einen erfolgreichen Widerstandskampf gegen die faschistischen Besatzungsmächte und ihre einheimischen Kollaborateure, sondern versprach auch die nationale und soziale Befreiung der verschiedenen untereinander zerstrittenen Völker. In der bosnischen Stadt Jajce wurde am 29. November 1943 mit den historischen Beschlüssen des Antifaschistischen Rates der Volksbefreiung Jugoslawiens die monarchistische Vorkriegsordnung abgeschafft und der Grundstein für einen föderalistischen Staat gelegt.

Jajce, Bosnien

Jajce, Bosnien, Mitte 1930-er Jahre, ETH-Bibliothek, Bildarchiv, LBS_MH02-48-0074, DOI: http://doi.org/10.3932/ethz-a-000448823

Den Anstoss für die Gründung des Schweizerisch-jugoslawischen Hilfskomitees im Dezember 1944 gab der Besuch des ersten von Marschall Tito in die Schweiz entsandten Sanitätsobersten sowie die im Herbst 1944 vorausgegangene erste Ärztemission der Centrale Sanitaire Suisse (CSS) bei den jugoslawischen Partisanen. Die linksorientierte Ärzteorganisation, die bereits im Spanischen Bürgerkrieg gewirkt hatte, berichtete über die katastrophale medizinische Versorgungslage in Jugoslawien. Primitivste Mittel wie Holzsägen und Äxte dienten als chirurgisches Amputationswerkzeug. Tuberkulose wütete im ganzen Land.

Aufgrund seines hohen Ansehens gelang es Ruzicka, namhafte und ranghohe – und durchaus nicht nur politisch links stehende – Persönlichkeiten aus der Schweizer Politik, Wirtschaft und Wissenschaft für dieses humanitäre Projekt zu gewinnen. Zu den Mitgliedern zählte auch sein Landsmann Mirko Ros, Direktor der Eidgenössischen Materialprüfungsanstalt (EMPA).

Mitgliederliste des Schweizerisch-jugoslawischen Hilfskomitees, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1191: 381

Primäre Aufgabe des Komitees war es, Vermittlungsleistungen zu betreiben und eigene finanzielle Mittel für die Beteiligung an einzelnen Aktionen zu akquirieren. Im Nachlass von Leopold Ruzicka, der im Hochschularchiv der ETH Zürich aufbewahrt wird, findet sich ein reger Schriftverkehr zwischen Ruzicka und den Vertretern der Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten. Dieser lässt darauf schliessen, dass es zu einem erheblichen Teil Ruzickas Vermittlungsdiensten zu verdanken war, dass Jugoslawien in die Nachkriegshilfe der mit Bundesgeldern ausgestatteten Schweizer Spende aufgenommen wurde. Mit einer Summe von insgesamt mehr als 4 Mio. Schweizer Franken unterstütze die Schweizer Spende diverse humanitäre Hilfsprojekte vor Ort. Nebst dem Engagement bei der Beschaffung von Sanitätsmaterial und Medikamenten kümmerte sich das Komitee um die Hospitalisierung tuberkulosekranker Kinder im Tessin und um die jugoslawischen Flüchtlinge in der Schweiz, indem es beispielsweise Praktika für Jugoslawinnen im Gesundheitswesen vermittelte.

Trotz Ruzickas hoher gesellschaftlicher Reputation stiess die Gründung des Hilfskomitees insbesondere bei antikommunistisch eingestellten Kreisen auf Kritik. Sie witterten hinter den karitativen Zielen des Komitees eine politische Einflussnahme „radikaler Linkskreise“. Der NZZ-Redaktor Edwin Arnet lehnte aus diesem Grund eine Mitgliedschaft im Komitee ab. Er schrieb an Ruzicka:

Ihnen persönlich hätte ich gerne eine Zusage gegeben, nachdem ich mich aber davon überzeugen lassen musste, dass am jugoslawischen Hilfskomitee neben durchaus anerkennenswerten Kräften solche der radikalen Linkskreise mitwirken, die politische Inspirationen mit einem humanitären Kleid zu bemänteln suchen, und nachdem ich vor allem erfahren musste, dass Nationalratspräsident Aeby und Nationalrat Dr. Wick aus diesen Gründen aus dem Komitee ausgetreten sind, musste auch ich mich zu einer Absage entschliessen. (Edwin Arnet an Leopold Ruzicka, 22.03.1945, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1191: 67a)

Diesen Vorwurf wollte und konnte Ruzicka natürlich nicht auf sich sitzen lassen und antwortete in scharfem Ton auf diese „deplacierte politische Gesinnungsschnüffelei“:

Leopold Ruzicka an Edwin Arnet, 6.4.1945, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1191: 79

Mit der Konsolidierung der kommunistischen Herrschaft in Jugoslawien in der unmittelbaren Nachkriegszeit und der zunehmenden Ost-West-Spaltung sah sich auch das Schweizerisch-jugoslawische Hilfskomitee konfrontiert. Der Pfarrer Julius Kaiser, der ab Ende 1945 das Präsidium übernommen hatte, richtete sich am 7. November 1947 verbittert an Ruzicka:

Ich rüstete mich auf die Reise nach Belgrad, um mit eigenen Augen zu sehen, was zu machen ist. Nun kam gestern die überraschende Nachricht vom Generalkonsulat, dass Jugoslavien sofort alle ausländischen Hilfeleistungen abstoppt! Für uns kann es nun nichts anderes geben, als unser Hilfskomitee zu liquidieren […]. Es ist bedauerlich, dass in Belgrad solche doktrinären Ansichten oben aus schwingen und wir damit vor die Unmöglichkeit gestellt werden, dem jugoslavischen Volke zu helfen. (Julius Kaiser an Leopold Ruzicka, 7.11.1947, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1191: 334)

Zur gleichen Zeit wurden auch Mitarbeiter der Schweizer Spende von den jugoslawischen Behörden der Spionagetätigkeit bezichtigt. Notgedrungen beendete auch das Schweizerisch-jugoslawische Hilfskomitee im Frühling 1948 endgültig seine karitative Tätigkeit für das Zweite Jugoslawien, das sich damals noch als sowjetischer Musterschüler erwies.

 

Literatur:

Bundesratsprotokoll (PVCF), Nr. 193. Aussergerichtliche Untersuchung gegen Herrn Parin und Konsorten, Mitarbeiter der Schweizer Spende in Jugoslawien, online unter: http://db.dodis.ch/document/5424# (Stand 04.09.2015)

Calic, Marie-Janine: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert, München 2010.

CSS (Hg.): 50 Jahre Centrale Sanitaire Suisse. Ein historischer Abriss 1937-1987, Zürich 1987.

Oberkofler, Gerhard: Leopold Ruzicka (1887-1976). Schweizer Chemiker und Humanist aus Altösterreich, Innsbruck 2001.

Zentralstelle der Schweizer Spende (Hg.): Die Schweizer Spende 1944-1948. Tätigkeitsbericht, Lausanne, Zürich 1949.

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