C.G. Jung und Thomas Mann: „Literarische Beziehungen haben nie bestanden“

Der Schweizer Psychiater Carl Gustav Jung und der deutsche Schriftsteller Thomas Mann haben Einiges gemeinsam: Beide wurden 1875 geboren und (streng) protestantisch erzogen, Jung in Basel, Mann im norddeutschen Lübeck. Beide lebten zeitweise in Küsnacht, auch gleichzeitig, Jung von 1909 bis 1961, Mann von 1934 bis 1938, bis zu seinem Exil in Amerika. Zu ihrem 80. Geburtstag erhielten beide den Ehrendoktor in Naturwissenschaften der ETH Zürich auf Bestreben des damaligen Rektors und Germanisten Karl Schmid (1907-1977), der mit beiden bekannt war. C.G. Jung starb an einem 6. Juni (1961), dem Geburtstag Thomas Manns (gest. 1955).

 „Jung habe ich in der Schweiz nie gesehen“, berichtet Thomas Mann 1945 in einem Brief an Anna Jacobson (22.2.1945), sondern nur „einmal in München“. Jung habe damals einen „außerordentlich gescheiten Eindruck“ gemacht. Das Datum des Besuchs ist nicht bekannt, das Treffen muss aber zwischen 1921 und 1929 stattgefunden haben. Offenbar blieb man in Kontakt, denn Thomas Mann schreibt am 1. April 1929 C.G. Jung folgende Briefkarte:

 

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Briefkarte von Thomas Mann an Carl Gustav Jung, 1.4.1929, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1056: 422

 

München, den  1. IV.29.

                                                                           Poschingerstr. 1

 Sehr verehrter Herr Dr. Jung,

für die Uebersendung Ihrer schönen, bedeutenden Arbeit sage ich vielen Dank. Es war mir umso wichtiger, sie zu studieren, als ich gerade etwas Einschlägiges an die Psychoanalytische Gesellschaft in Wien abgeliefert habe, was ich nun im Licht Ihrer Ausführungen nachprüfen konnte. So zutreffend es ist, wenn Sie Freud einen Zerstörer idealistischer Illusionen über das Wesen des Menschen nennen, so bestätigend geht mir doch auch aus Ihrer Vorstellung hervor, daß das analytische Interesse fürs Irrationale-Nächtige nicht Sympathie, nicht Geistfeindschaft ist, sondern daß dieses Interesse nur Mittel ist und zuletzt dem Primat der Vernunft und des Geistes gilt.

                                                        Ihr ergebener Thomas Mann.

 

Ab 1934 ändert sich der Tonfall. Thomas Mann äussert sich in seinen Tagebüchern, auch vereinzelt in Briefen, nur noch ambivalent bis abfällig über Jung: „Klug, aber nicht achtenswert“ (Tagebuch vom 16.3.1935), urteilt er und noch Schlimmeres. Was war geschehen?

 Thomas Mann war ein Leser, Freund und Verehrer des jüdischen Psychoanalytikers Sigmund Freud (1856-1939). Er verfasste im Verlaufe seines schriftstellerischen Lebens zwei Essays über Sigmund Freud (1929; 1936), die zu seinen bedeutendsten gehören. So mag es nicht verwundern, dass er die als antisemitisch interpretierbaren Äusserungen Jungs über die „jüdische“ Seele (Freud!), seine Forderung einer „arischen“ Psychotherapie (Zur gegenwärtigen Lage der Psychotherapie; 1934) und Jungs zumindest anfängliche Nicht-Distanzierung von den Nationalsozialisten scharf verurteilte. So führt Thomas Mann im bereits erwähnten Brief an Anna Jacobson vom 22.2.1945 zu Jung weiter aus: „Seine Haltung gegenüber den Nazis war anfangs sehr zweifelhaft und mehr als das. Literarische Beziehungen haben nie bestanden.“

 „Literarische Beziehungen haben nie bestanden.“ Das stimmt so nicht. Die moralisch bedingte Abwehr Thomas Manns bezog sich klar auf die politische Haltung Jungs bis 1940, nicht aber auf sein fachliches Wissen. Denn die Psychologie des Schweizers stand Thomas Mann sehr viel näher als etwa die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Jungs Archetypen, seine Lehre vom kollektiven Unterbewusstsein und die Verbindung von Psychologie und Mythos stimmten mit gewissen Ideen des Schriftstellers überein und liessen sich literarisch fruchtbar gestalten.

 Vermittler zwischen C.G. Jung und Thomas Mann war aber der Religionswissenschaftler und Mythenforscher Karl Kerényi (1897-1973), der mit Jung zusammen publizierte. Kerényi förderte und begleitete Manns Interesse an Mythologie und Religionsgeschichte. Er zählte über 20 Jahre zu seinen Briefpartnern. Kerényi schickte Mann regelmässig seine Publikationen, auch diejenigen, die er zusammen mit Jung verfasste. In der Nachlassbibliothek von Thomas Mann befinden sich mehrere Bücher von Jung/Kerényi, die mit An- und Unterstreichungen des Schriftstellers versehen sind. Wie die Anstreichungen belegen, hat Thomas Mann die Beiträge von C.G. Jung gelesen und sie auch literarisch verarbeitet, vor allem in seinen Joseph-Romanen (1933-1943) und auch noch im Felix Krull (1954).

 

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C.G. Jung/ Karl Kerényi: Das göttliche Kind in mythologischer und psychologischer Beleuchtung. Albae Vigiliae, H.VI/VII [Amsterdam 1940]. In dem von Jung verfassten Kapitel über Kindgott und Heldenkind finden sich z.B. auf S. 106 Unterstreichungen von Thomas Mann (ETH-Bibliothek, TMA, Signatur: Thomas Mann 2623).

 

Die Nachlässe von Thomas Mann und C.G. Jung liegen heute in der ETH-Bibliothek in Zürich. C.G. Jung hatte von 1933 bis 1941 an der ETH Zürich Psychologie gelehrt, zunächst als Privatdozent, ab 1935 als Titularprofessor. Die Schenkung von Thomas Manns Nachlass an die ETH war laut des damaligen Rektors Karl Schmid eine direkte Folge der Verleihung der Ehrendoktorwürde.

 

Quellen:

Paul Bishop: ‚Literarische Beziehungen haben nie bestanden‘? Thomas Mann und C.G. Jung (Oxford German Studies, 23, 1994, S. 124-172).

Manfred Dirks: Opfergänge. C.G. Jung und Thomas Mann, S. 109-128. In: Das Unbewusste in Zürich. Literatur und Tiefenpsychologie um 1900. Sigmund Freud, Thomas Mann und C.G. Jung. Hg. Thomas Sprecher, Zürich 2000.

Thomas Mann: Briefe II (1914-1923). Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Frankfurt 2004, GKFA 22, 922.

Thomas Mann: Briefe III (1924-1932). Große kommentierte Frankfurter Ausgabe. Frankfurt 2011, GKFA 23.2, 406-408.

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