Begehrte Gehhilfe, glitschiges Terrain – Der Eispickel des Geologen Albert Heim (1849-1937)

Eines Tages war er weg. Der Schirmständer im Büro G 48 des Geologischen Institutes der ETH Zürich stand leer.

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Eispickel von Albert Heim (1849-1937), Professor für Geologie der ETH und Universität Zürich, (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Akz. 2009-22). Foto: Lisa Oberli.

Das Signalement des Vermissten entsprach der Beschreibung in Spalte 1404 des dritten Bandes mit den Artikeln „Conti bis Engmäuler“ von Meyers Lexikon aus dem Jahr 1925:

Eispickel (Pickel, Eisaxt, Eisbeil), für den Bergsteiger bei Gletscherfahrten unentbehrlich zum Stufenschlagen, besteht aus Spitzhaue (Dorn), Breithaue (Schaufel) und Stiel (aus Eschenholz) mit Spitze. Eine Pickelschlinge ermöglicht es, den E. beim Klettern an das Handgelenk zu hängen.“

Allerdings war das fehlende Kletterzeug kein beliebiges. Es war die persönliche Steig-, Steh- und Gehhilfe von Albert Heim (1849-1937) gewesen, Doppelprofessor an der ETH und Universität Zürich, zu Lebzeiten verehrte Vaterfigur für mehrere Generationen in- und ausländischer Studierender, seither legendäre Ahnengestalt der helvetischen Geologengilde.

Heims ungedruckte wissenschaftliche Unterlagen, die in der Institutsbibliothek aufbewahrt worden waren, wurden in den 1960er Jahren in die Handschriftenabteilung der ETH-Bibliothek überführt. Weitere Dokumente bekam die ETH-Bibliothek von der Witwe des Sohnes Arnold Heim (1882-1965) zusammen mit dessen Nachlass. Jahrzehnte danach tippte der Leiter der Handschriftenabteilung eine Kurznotiz auf eine goldgelbe Karte, sein Vorgänger habe von der Witwe den Eispickel aus dem Estrich des schwiegerväterlichen Chalet erhalten. „Laut Hörensagen“ habe später der Vizedirektor der ETH-Bibliothek, selber studierter Geologe, das Objekt behändigt für eine geologische Ausstellung. Zuletzt habe es im Büro eines Geologieprofessors gehangen und sei „ von diesem Herrn nicht zurückgegeben“ worden.

Die Notiz ging zur gelegentlichen Abklärung an die Mitarbeiterin, welche nach dem früheren Leiter der Handschriftenabteilung ab Ende der 1980er Jahre weiter an der Erschliessung beider Heim Nachlässe arbeitete. Der zupackende Vizedirektor der ETH-Bibliothek konnte nicht mehr nach Zeitpunkt und Umständen der Ausleihe befragt werden, da verstorben. Ein schriftlicher Ausleihvermerk hatte sich nicht erhalten. Die Mitarbeiterin, auch sie Geologin, erkundigte sich in ihrem Bekanntenkreis nach der Leihgabe. Hier erinnerte man sich, den Pickel im eingangs erwähnten Schirmständer gesehen zu haben. Sein Verschwinden war nicht unbemerkt geblieben. Die ehemalige Sekretärin des Geologischen Institutes entdeckte ihn wieder während einer Einladung im Ferienhaus des unterdessen emeritierten Büroinhabers. Dieser liess sich in der Folge nicht dazu bewegen, sich vom einstigen Eigentum des berühmten Vorgängers zu trennen.

Die Zeit verstrich, inzwischen schrieb man das Jahr 2005, der Geologieprofessor verliess seine Frau und die Schweiz. Die längst pensionierte Bibliotheksmitarbeiterin telefonierte mit Professor Rudolf Trümpy (1921-2009), der auf der goldgelben Kurznotiz als säumiger Leihnehmer figuriert. Trümpy hatte während seiner Amtszeit jedoch nie im offenbar zugigen Büro mit dem unscheinbar wertvollen Schirmständerinhalt gesessen und ärgerte sich gründlich über den uneinsichtigen ausgewanderten Kollegen, riet schliesslich zu einem geharnischten Brief der ETH-Bibliothek an diesen. Nach einem Gespräch mit der gewesenen Kollegengattin schrieb Trümpy an die pensionierte Bibliotheksmitarbeiterin, Heims Eispickel sei immer noch in der Schweiz. Der Kollege „wünscht aber, dass man sich an ihn höchstpersönlich wendet […] Ihr könnt mir mitteilen, falls ich einen (fast) höflichen Brief schreiben muss“.

Geschrieben wurde weiter nichts, weder geharnischt noch fast höflich. Zwei Jahre darauf lud die gewesene Geologieprofessorengattin den kampfbereiten Trümpy, die ehemalige Bibliotheksmitarbeiterin und einen früheren Oberassistenten des Geologischen Instituts zu einem Besuch ein. Der Eispickel war immer noch da und blieb da. Weitere zwei Jahre später händigte die gewesene Geologieprofessorengattin bei einem Nachmittagstee das Streitobjekt der ehemaligen Bibliotheksmitarbeiterin und dem früheren Oberassistenten aus. Kurz darauf übergab die ehemalige Bibliotheksmitarbeiterin den Eispickel dem Hochschularchiv an der ETH-Bibliothek, das mittlerweile die Heim Hinterlassenschaften hütet.

Damit fand der langwierige Reliquienhändel ein Ende. Aber ist der Eispickel der, der er zu sein scheint? Das besondere an ihm sind nicht die scharfen Haifischzähne an der Unterseite des Spitzdorns, die Meyers Lexikon zu erwähnen vergisst. Auffallend ist vielmehr, dass der Schaft der umkämpften Antiquität in der Mitte mit einem festgenagelten Lederband umwickelt ist. Wiederum um die Mitte der unteren Schafthälfte schlingt sich eine Schnur. Die Vorrichtung ermöglicht dem Träger mehr Griffsicherheit beim zweihändigen Zuschlagen als das rutschige nackte Holz. Auf Fotos posiert Albert Heim meist mit dem Geologenhammer, dem Kennzeichen seiner Zunft. Nur auf wenigen ist er mit Pickel zu sehen. Keiner der Pickel zeigt die besondere Ausstattung.

Eisgang der Sihl

Eisgang der Sihl 1895. Fotos: Leo Wehrli, Zürich, (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Dia_247-00136 und Dia_247-00138). Die bärtige Gestalt mit Eispickel ist wahrscheinlich Albert Heim, der die häufigen Eisgänge der Sihl untersuchte und darüber publizierte. Leo Wehrli (1870-1954) war ein Schüler Heims, von 1894-1896 Assistent am Mineralogisch Petrographischen Institut der ETH und Universität Zürich.

Nun glauben die an der Rückführung des Objekts Beteiligten sich zu erinnern, dass im Schirmständer des Geologischen Institutes zwei Pickel gekreuzt standen, ähnlich den Werkzeugen im Emblem des Schweizerischen Alpenclubs, dessen Ehrenmitglied Albert Heim gewesen war. Auch soll eine Plakette des SAC an diesem Arrangement angebracht gewesen sein. Das klingt nach einer Inszenierung für eine Ausstellung. Auf vereinzelten Bildern von Heim mit Pickel aus späten Lebensjahren sind längliche weisse Stellen unter dem Pickelkopf erkennbar, möglicherweise die erinnerte SAC-Plakette. Somit wäre der jetzt an der ETH-Bibliothek sich befindende Pickel nicht der eine auf solchen Fotos, sondern der andere von beiden erinnerten, denn er trägt weder Plakette noch deren Spuren. Wie viele eistaugliche Spitzhacken Heim besass, ob vielleicht Sohn Arnold die fragliche auch benutzte und er es war, der das Utensil griffsichernd ausstattete, bevor es endgültig auf dem Estrich von Vaters Behausung verstaut wurde, ist unbekannt. Oder sollte die vermeintliche Heim Reliquie etwa gar der ursprüngliche Besitz eines anderen historischen Eisgängers gewesen sein? Und woher kam und was geschah mit dem SAC-Pickel, wenn er denn kein Phantasieprodukt ist?

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