Die ETH als Geschmacksache: Der Polytirggel

Alma mater, nährende Mutter, nennen Studierende lateinisch seit dem Mittelalter ihre Hochschulen. Sie denken dabei an geistige Nahrung. Nicht so in Zürich. Hier wird die Bezeichnung auch wörtlich verstanden und nicht nur der Bildungshunger, sondern auch das Magenknurren gestillt.

 

Tirggel mit Ansicht des ETH Hauptgebäudes an der Rämistrasse (ETH-Bibliothek, Archive und Nachlässe)

Allerdings ist die akademische Leibspeise nicht etwa das kalorienreiche Züri Gschnätzlets, der deftige Zürcher Ratsherrentopf oder die köstliche Zürcher Pfarrhaustorte. Vielmehr handelt es sich – dem schmalen Geldbeutel von Studierenden sowie vor allem einer protestantisch geprägten Stadt mit stets beschworenem Fleiss- und Sparsamkeitsethos eher angemessen – um einen vergilbten Karton. Staubtrocken und brüchig.

Zürichs Konditoreien, die das spezielle Trockenfutter im Sortiment halten, sehen sich daher gezwungen, Unkundigen eine Anleitung für das korrekte Essen abzugeben, damit diese auf den Geschmack der inneren Werte der Weissmehlscheibe kommen, nämlich auf die Süssigkeit des eingearbeiteten Bienenhonigs vermengt mit Ingwer, Zimt, Sternanis und Nelken. Sie raten zu langsamem, andächtigem Zergehenlassen eines Brockens auf der Zunge. Derart auf den Honig gekrochen, verzehren Essende, wenn sie denn inzwischen nicht doch vorzeitig Hungers gestorben sind, die Nahrung über einen längeren Zeitraum, verbrauchen theoretisch also weniger, zumal von einer versteckten sündigen Sinnesfreude, sie bleiben somit zurückhaltend und sparsam. Das lange Lutschen hält wach, den Geist rege, behindert im Unterschied zu üppigen Schlemmereien das Arbeiten kaum. In einem exquisiten Biskuit vereinen sich dergestalt Geschäftstüchtigkeit und Konsum gemäss dem örtlichen puritanischen Ideal.

Die Rede ist von Zürichs Traditionsgebäck, dem Tirggel.

Als Ende des 19. Jahrhunderts über der Stadt das neue Hauptgebäude des Eidgenössischen Polytechnikums thronte, erkannte das lokale Gewerbe sofort dessen Vermarktungspotential. Für die noch junge Touristikbranche lieferten einerseits Druckereien Postkarten des modernen Erscheinungsbilds von Zürich mit dem imposanten Repräsentationsbau. Bäckereien anderseits erweiterten die Reliefs der Stadtansichten auf den seit dem Mittelalter hergestellten Tirggeln um ein neues Sujet. Den Durchreisenden wurde damit ein aktuelles essbares Andenken und Mitbringsel für die Daheimgebliebenen verkauft. Der lokalen Bevölkerung wurde eine Identifikationsmöglichkeit mit dem neuen Stadtteil über die kulinarische Aneignung geboten und den Studierenden, wenn sie denn das neue Nahrungsmittel überhaupt zur Kenntnis nahmen, die Einverleibung ihrer „nährenden Mutter“.

Da Souvenirs und Zugehörigkeitsgefühl von der Wiedererkennbarkeit leben, wurde und wird das Hochschulsujet gelegentlich dem jeweils zeitgenössischen Aussehen des realen Gebäudes angepasst unter Wahrung des historischen Scheins. So zeigt das hier abgebildete Exemplar des Honigmehlkonfekts die technische höhere Lehranstalt in einem Zustand irgendwann nach den 1920er Jahren mit der erst ab dann vorhandenen Kuppel. Damals war der offizielle Name der Bildungsstätte längst ETH, nicht mehr Polytechnikum. Doch war mittlerweile die Bezeichnung „Poly“ ein Teil des einheimischen Wortschatzes geworden und ist es bis heute geblieben. So tragen nicht nur Postkarten von der ETH aus der Zwischenkriegszeit weiterhin die Bildlegende „Polytechnikum“, sondern auch gegenwärtige Tirggel. Mit dem inzwischen etwas altmodischen Namen der ETH wird der Anschein von historischer Authentizität erweckt, obwohl das Gebäck in der Regel nicht mehr mit den traditionellen Holzmodeln früherer Jahrzehnte, sondern mit industriellen Backformen produziert wird.

Anmerkungen:

In den Archiven und Nachlässen  gibt es leider keine alten Backrezepte für Züritirggel auszugraben. Aber in historischen Unterlagen finden sich unter vielen weiteren Informationen Hinweise zu vergangenen Verpflegungsmöglichkeiten und anderen Lebensnotwendigkeiten der Studierenden wie auch zur Baugeschichte der ETH, die den Tirggeldesignern die Vorlagen ihrer modernen Kreationen liefert. Historische Postkarten von der ETH sind im Bildarchiv  der ETH-Bibliothek zu bewundern.

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