Färberwaid, der europäische Indigo vor dem Jeans-Blau

Der Färberwaid (Isatis tinctoria L.) aus der Familie der Kreuzblütler ist eine zweijährige Pflanze, die in Europa seit der Antike über Jahrhunderte hinweg die Grundlage zum Blaufärben von Textilien lieferte. In den meisten Kräuterbüchern des späten 16. Jahrhunderts wird der Waid behandelt. Stehen bei den meisten anderen Kräutern ihre verschiedenen medizinischen Indikationen im Vordergrund, so wird bei Isatis an erster Stelle die Verwendung als Färberpflanze beschrieben und gleichzeitig seine wirtschaftliche Bedeutung betont.

Der Färberwaid auf Seite 209 recto im Kreuterbuch des hochgelehrten und weitberühmten Herrn Dr. Petri Andreae Matthioli

Es gibt zwei Arten von Waid; den kultivierten (Isatis) und den wild wachsenden (Isatis silvestris). Den ersten verwenden die Tuchmacher und (vor allem) die Färber. Der Waid breitet seine Blattrosetten auf der Erde aus wie der Wegerich, nur sind sie dicker und von blauschwarzer Farbe. Die Blätter am Stengel dagegen sind länglich, spitz zulaufend und umhüllen diesen ähnlich wie beim Bauernsenf oder dem grossen Besenkraut. Der Stengel wächst etwa zwei Ellen hoch, manchmal etwas höher und treibt oben kleine, zartgelbe Blüten in Dolden. Daraus entwickeln sich die Samen in zungenförmigen Hülsen. Die Wurzel der Pflanze ist weiss und gerade ohne viele Nebenwurzeln. Das ganze Kraut wird auf von Pferden angetriebenen Mühlen zerstossen, dann zusammengeballt und zu kleinen Kugeln geformt. Diese trocknet man in der Sommerhitze und verwendet sie zum Blaufärben. Daraus haben sich bedeutende Handelsgeschäfte entwickelt.

Die wildwachsende Art (Isatis silvestris) wird nicht als Färberpflanze genutzt.

Fortsetzung auf Seite 209 verso

Als Medizinalpflanzen sind beide Arten bitter im Geschmack und haben zusammenziehende, trocknende Wirkung. Sie können sowohl innerlich, wie auch äusserlich angewandt werden und helfen bei „Milzsucht“, Geschwülsten und verschiedenen Wunden.

Zum Schluss folgt die Wiedergabe der Pflanzennamen in anderen Sprachen: Weydt heisst Griechisch unnd Lateinisch Isatis. Spanisch Pastel.  Frantzösisch Pastel de languedoc. Behmisch Wayt.

Der heute nur noch als Unkraut wachsende Waid enthält, ähnlich wie Indigofera tinctoria L. und viele andere tropische Färberpflanzen, in seinen Blättern eine Vorstufe des Farbstoffes Indigo.

Für seine Gewinnung waren mehrere Gärungsprozesse notwendig. Ein erster fand unmittelbar nach der Ernte während dem oben beschriebenen Mahlen und Trocknen statt. Die die Bauern verkauften die Waidballen als Rohprodukt auf dem Markt, und die Waidhändler lagerten diese noch bis im Winter. Dann mussten sie zerkleinert, im Wasser zu Ende fermentiert, abgesiebt und wieder eingetrocknet werden. Die Blaufärber erwarben den Farbstoff als Indigopaste oder –Pulver und setzten damit in ihren Küpen mit Wasser und Urin eine gärende, vorerst noch farblose Brühe an. Die darin getränkten Textilien wurden schliesslich beim Trocknen der Luft und dem Sonnenlicht ausgesetzt, damit sich in einem Oxidationsprozess die blaue Farbe entwickeln konnte, während die Färber „Blau machten“, also einen Arbeitsunterbruch genossen.

Indischer Indigo war erstmals im 12. Jahrhundert über den Fernosthandel mit dem Zentrum Bagdad und den Umschlagplätzen Venedig und Genua nach Europa gekommen. Eine ernste Konkurrenz erhielt der Waid erst nach der Entdeckung des Seeweges nach Indien, als ab dem 17. Jahrhundert der billigere Indigo in grösseren Mengen importiert wurde. Man versuchte zwar, den neuen Farbstoff mittels polizeilicher Verordnungen zu verbieten, lebten doch ganze Landstriche Deutschlands (z. B. Thüringen oder das Elsass) vom Waidanbau und seiner Verarbeitung. Trotzdem begann der Anbau zurückzugehen. Bevor der Waid ganz verdrängt wurde, setzte man der Küpe oft indischen Indigo zu, um einen satteren Ton zu erhalten, für den die Farbstoffkonzentration im Waid allein nicht ausreichte.

Als dann aber auch die Herstellung von synthetischem Indigo in industriellem Massstab möglich geworden war, fuhr man in Thüringen 1912 endgültig die letzte Waidernte ein.

Links:

Matthioli: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=001493565

Hieronymus Bock: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=004900797

Tabernaemontanus: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=002790418

Zur Geschichte des Indigo: http://opac.nebis.ch/F/?local_base=NEBIS&con_lng=GER&func=find-b&find_code=SYS&request=006089867

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