Von Architekten und Insekten

Seit März 2020 verfügen die Sammlungen und Archive der ETH Zürich über eine neue Strategie für die kommenden Jahre. Ein Schwerpunkt ist die interne Zusammenarbeit: «Zur Erhöhung der Sichtbarkeit und Wahrnehmung werden die enge fachliche Vernetzung und Kooperation der Sammlungen und Archive untereinander sowie mit den Departementen, Professuren und externen Partnern gestärkt» (ETH Zürich 2020). Die Autoren des vorliegenden Beitrages machen die Probe aufs Exempel und versuchen zwei Bereiche zusammenzubringen, die auf den ersten Blick unterschiedlicher kaum sein könnten: die Geschichte und Theorie der Architektur und die Entomologie.

Wer hat’s erfunden?

Bild 1: Richard Buckminster Fuller, Fly’s Eye Dome (1965) – Insektenaugen inspirierten den Architekten Richard Buckminster Fuller. (Foto: New York City Department of Transportation)

Bild 2: Common Horsefly. Fotografie der Augen einer Bremse aus der Serie «Oculi compositi» von Jason Kleeb, 2016

Bei Recherchen im Internet finden sich schnell Informationen, vor allem zur Baubionik, die sich mit der Anwendbarkeit «biologischer Konstruktionen» in der Architektur befasst. Dass dabei auch Insekten eine Rolle spielen könnten, lässt der Untertitel eines der einschlägigen Bücher zur Baubionik vermuten – «Biologie beflügelt Architektur» (Knippers et al. 2017). Beispiele sind etwa die passive Thermoregulation moderner Gebäude, die sich an der Klimatisierung australischer Termitenbauten orientiert (Nachtigall und Pohl 2013). Berühmte Architekten wie Richard Buckminster Fuller – seine geodätischen Kuppeln sind (auch) inspiriert vom Insektenauge – oder Frei Otto haben sich intensiv mit den Insekten und ihren «Bauleistungen» befasst mit dem Ziel, von diesen zu lernen (Otto 1982).

Beim Stöbern in den eigenen Archiven und Insektenkästen erweist sich ein Bereich als besonders ergiebig: die Form des Wohnens. Ob Insekten wohnen oder einfach nur in ihren Bauten leben, wäre bereits Stoff genug für längere interdisziplinäre Diskussionen. Die Referenzen und Analogien sind zahlreich und vielversprechend, wie ein Exkurs in die Geschichte zeigt. In der Nachlassbibliothek von Alfred Roth im gta Archiv befindet sich auch die Autobiografie des berühmten israelischen Architekten Arieh Sharon, dessen Karriere und Werk den Bienen Wesentliches verdankt (freundlicher Hinweis von Dr. Regine Hess, TU München).

Leben in der Gemeinschaft

Bild 3: Arieh Sharon, Grundrisse und Schnitte Bienenwabe, in ders. Kibbutz + Bauhaus (1976) (Foto: gta Archiv / ETH Zürich, Nachlass Alfred Roth)

Bild 4: Arieh Sharon, Erholungsheim Kinarot, Tiberias, Israel (1965–71) (Foto: ariehsharon.org)

Sharon hatte in Brünn bereits ein Architekturstudium begonnen, als er 1920 nach Palästina auswanderte, wo er in Pioniersiedlungen als Bauer und Imker arbeitete. Diese Erfahrung kam ihm zugute, als er sich 1927 am Bauhaus in Dessau als Student der neuen Bauabteilung von Hannes Meyer bewarb, dessen Vater und Grossvater Imker waren. Tatsächlich war die Pflege und Beobachtung der Bienen und ihrer kunstvollen «Architektur» für den angehenden Architekten eine entscheidende Erfahrung.

«Von der Architektur der Bienen kann man lernen, wie man auf die funktionellste und ökonomischste Weise entwirft und baut. …  Die Waben dienen den Bienen sowohl als Wohnraum als auch als Vorratskammer. … Daher war für die Bienen die Wahl von sechseckigen Formen die geräumigste, bequemste und ökonomischste Lösung – eine architektonische Lehre für die Baumeister.» (Kibbutz + Bauhaus. Der Weg eines Architekten in einem neuen Land,  1976)

Bild 5: Schweizer Bienenhaus (Foto: Agroscope)

Bild 6: Ernst Gisel, Geschosswohnungsbau Hegibachstrasse, Zürich (1958–60) (Foto: gta Archiv / ETH Zürich, Vorlass Ernst Gisel)

Ganz ähnlich wie bei Sharon steht auch bei Ernst Gisel – bedeutender Schweizer Architekt und Dr. h.c. der ETH Zürich – die Beobachtung der Bienen am Anfang einer grossen Karriere. Zu seinem 98. Geburtstag am 8. Juni dieses Jahres ist eine kleine Sammlung autobiografischer Geschichten erschienen. Die allererste handelt von den Bienen und ihrem Habitat:

«Beide Familien meiner Eltern … besassen schöne Landwirtschaftsbetriebe in Bachenbülach, Rümlang oder Horgenberg. Bis zum Abschluss der  Sekundarschule verbrachte ich meine Ferien jeweils auf den Bauernhöfen meiner Onkel und Tanten. Diese Zeit war für mich sehr lehrreich. … In bester Erinnerung ist mir die Gewinnung von Bienenhonig. Wie die verschiedenen Bienenvölker in einem Haus untergebracht sind, jedes Volk seinen eigenen Eingang hat, der mit einer eigenen Farbgebung gekennzeichnet ist, das war für mich der erste Eindruck einer architektonischen Wohnform.»

Im Laufe seiner langen Karriere hat Gisel eine grosse Zahl von Wohnbauten realisiert, in Zürich etwa das gestaffelte Wohnhaus an der Hegibachstrasse (1958–60), das ihm eine Einladung nach Berlin einbrachte, wo er im Märkischen Viertel wenige Jahre danach einen Teilsektor mit nicht weniger als 1700 Wohnungen realisieren konnte.

Modulares Wohnen

Bild 7: Bienenstöcke in Südtiroler Obstanlage (Siegfried Keller, 1988. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv: http://doi.org/10.16902/ethz-a-000050066 )

Bild 8: Le Corbusier, Unité d’habitation, Marseille (1947–52) (Foto B. Maurer, 2016)

Ob die berühmten Unités d’habitation von Le Corbusier (1947–52 in Marseille und danach in weiteren Städten Frankreichs und in Berlin) ebenfalls von Bienenkästen inspiriert waren, ist nicht bekannt. Le Corbusier entwarf eine den Anforderungen einer Familie entsprechende Wohneinheit, die er danach ineinanderfügte und übereinander stapelte. Zur Orientierung und um ein Gefühl der Individualität zu vermitteln, erhielten die Loggien der einzelnen Wohneinheiten unterschiedliche Farben. Die Analogie ist offensichtlich. Auch der Bienenkasten ist eine streng durchdachte Einheit, unterteilt in einen Honig- und einen Brutraum, mit Farbe für die heimkommenden Arbeiterinnen gekennzeichnet und geplant für ein Bienenvolk, das man aufgrund der engen Verwandtschaft untereinander durchaus als Familie bezeichnen kann.

Tiny Houses

Bild 9: Sack einer Raupe (Psyche casta) aus der Familie der Sackträger (Psychidae), Winterthur (Foto: Albert Krebs, 1993. ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv: http://doi.org/10.16902/ethz-a-000015270 )

Bild 10: Baugenehmigungsfähiges und straßenzugelassenes Tiny House nach deutschem Recht (Foto: Küste, 2019)

Die hochentwickelten Bausysteme der in einer sozialen Organisation lebenden Insekten haben Architektinnen und Architekten ganz offensichtlich schon lange fasziniert. Das Potential ist aber bei weitem noch nicht ausgeschöpft, viele spannende Insekten haben noch gar keine Beachtung erfahren. Ein ganz anderes Leben führen etwa die als Sackträger bekannten Nachtfalter, von denen eine der weltweit grössten Sammlung an der ETH Zürich aufbewahrt wird. Die frisch geschlüpften Räupchen spinnen einen Sack aus Seide, den sie aussen mit Sand, Steinchen, Holzstücken und weiteren Pflanzenteilen verkleiden. Den Rest ihres Raupenlebens verbringen sie in diesem tragbaren Gebilde, das hinten für die Kotausscheidung und vorne für die Nahrungsaufnahme mit einer Klappe versehen ist (Pro Natura 1997). Mit der Reduktion aufs Minimum realisieren die Sackträger ein Bauprinzip, das auch im aktuellen architektonischen Diskurs virulent ist (aber auch historische Vorläufer hat; man denke etwa an das «Wohnen für das Existenzminimum», dem der zweite Kongress der CIAM 1929 in Frankfurt gewidmet war). Ab dem Jahr 2000 und insbesondere seit der Finanzkrise von 2008 hat das «Tiny House Movement» eine grosse Popularität erlangt, das ein einfaches Leben in einem meist mobilen Haus von weniger als 37 m2 Wohnfläche propagiert (Encyclopedia Brittanica). Auch in der Insektenwelt findet sich das Prinzip eines minimalen und mobilen Gehäuses bei vielen Gruppen, nebst den Sackträgern etwa bei den Köcherfliegen oder bei anderen Nachtfalterfamilien.

Fazit

Entgegen den ersten Erwartungen finden sich zahlreiche Analogien und parallele Entwicklungen zwischen der Entomologie und der Architektur, seien sie nun begründet oder nicht. Der Blick über den eigenen Tellerrand lohnte sich in jedem Fall und machte Lust auf mehr. Wie und ob dies das neue Strategiepapier der ETH ermöglicht, werden die kommenden Jahre zeigen.

Literatur und Links

Encyclopedia Brittanica: Tiny Houses. https://www.britannica.com/topic/Tiny-Houses-2067720

Ernst Gisel Architekt, Selbstzeugnisse aufgezeichnet von R. Minder, [Zürich] 2020, Ex. gta Archiv / ETH Zürich

ETH Zürich. Strategie Sammlungen und Archive 2021 bis 2024. http://hdl.handle.net/20.500.11850/427776

Kleeb, J.: www.instagram.com/jasonkleeb

Knippers, J., Schmid, U. & Speck, T. (2017), Baubionik. Biologie beflügelt Architektur, Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde, Serie C, Band 82

Nachtigall, W. & Pohl, G. (2013). Bau-Bionik. Natur – Analogien – Technik. Springer-Verlag Berlin Heidelberg.

Otto, F.P. (1982), Natürliche Konstruktionen. Formen und Konstruktionen in Natur und Technik und Prozesse ihrer Entstehung, DVA Stuttgart

Pro Natura (1997) Schmetterlinge und ihre Lebensräume. Arten – Gefährdung – Schutz: Schmetterlinge und ihre Lebensräume Band 2. Fotorotar AG, Druck – Verlag – Neue Medien.

Sharon, A. (1976), Kibbutz + Bauhaus. An architect’s way in a new land, Krämer Verlag Stuttgart, Ramat Gan Massada Publishing Ltd.

AutorInnen

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