«Epos Schweizer Technik und Industrie» (Teil 2): Eine Hymne an die Ingenieurbaukunst

Krane und Gerüste auf der einen Seite, fertige Bauwerke auf der anderen Seite. Darstellerisch ist die Reihe der Ingenieurbauten im Zyklus zur Schweizerischen Technik, Industrie und Ingenieurbaukunst in den Gängen des Gull-Baus genauso vielfältig wie ihre Inhalte: Tunnel- und Brückenbau, Stau- und Kraftwerke aus dem Gebiet des Wasserbaus. Und das obwohl diese zum grössten Teil vom selben Künstler ausgeführt wurden, dem Landschaftsmaler und Architekten Wilhelm Ludwig Lehmann.

So verschieden sind aber die Auftraggeber[1] der insgesamt 12 Gemälde, die sich an dieser Stelle mit ihrem Werk präsentieren. Die einen stellen das fertige Werk im Zentrum, für die anderen ist die Entstehungsphase dagegen aussagekräftig. In beiden Fällen soll die künstlerische Darstellung die Besonderheit der Sujets transportieren und hervorheben.

Die Rhätische Bahn als Auftraggeber

Das erste Bild der Reihe aus dem August 1922 und von der Rhätischen Bahn (RhB) in Auftrag gegeben, stellt das im Jahr 1902 fertiggestellten Landwasserviadukt Filisur (Bild 1) dar.

Bild 1: Wilhelm Ludwig Lehmann, Landwasserviadukt Filisur – Rhätische Bahn, 1922, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00105 / Public Domain Mark)

Gleich darauf im April 1923 wurde wieder von Lehmann ein weiteres Eisenbahnviadukt im Auftrag der Rhätischen Bahn malerisch festgehalten: das Wiesener Viadukt bei Davos Wiesen (Bild 2) aus dem Jahr 1909.

Bild 2: Wilhelm Ludwig Lehmann, Viadukt bei Wiesen Rhätische Bahn, 1923, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00106 / Public Domain Mark)

Mit diesen zwei Wandbildern stellt sich die Rhätische Bahn als Vorreiterin im Eisenbahnbrückenbau dar, insbesondere mit dem Wiesener Viadukt, das mit seiner 88,9 Meter Höhe und 210 Meter Länge als die höchste Bahnbrücke und längste Steinbogenbrücke der Bahngesellschaft gilt.[2] Beide Bilder sind in den zur Entstehung des Gemäldes passenden Jahreszeiten dargestellt: das Wiesener Viadukt in einer Schneelandschaft, deren zartes Licht den Frühlingsanfang erahnen lässt, während das Landwasserviadukt in einem sommerlichen Abendlicht eingehüllt ist. Verschieden ist auch der kompositorische Aufbau. Beide Bauwerke werden anhand ihrer Besonderheit ins Bild gesetzt: Für das Wiesener Viadukt entscheidet sich Lehmann für eine senkrechte Perspektive auf Augenhöhe durch die Auswahl eines erhöhten Standortes, um den zentralen, beeindruckenden Hauptbogen mit seiner lichten Weite von 55 Meter im Mittelpunkt zu stellen. Mit der von unten nach oben gerichtete Perspektive dagegen wird die Eleganz des 65 Meter hohen Landwasserviaduktes hervorgehoben. Dank der meisterhaft gekonnten Wiedergabe des horizontalen Krümmungsradius der Bahntrasse und der damit verbundenen Gesamtkonstruktion gewinnt das Bauwerk an schwunghafter Leichtigkeit.

Noch mehr Brückenbau

Einen zusätzlichen Beitrag Lehmanns zur Darstellung der Entwicklung im Bereich des Verkehrsingenieurwesens in der Schweiz stellt das im März 1927 fertiggestellte Gemälde «Strassenbrücke über die Aare bei Birrenlauf[3]» (Bild 3).

Bild 3: Wilhelm Ludwig Lehmann, Strassenbrücke über die Aare bei Birrenlauf (Aargau), 1927, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00108 / Public Domain Mark)

Eine Schenkung der Gesellschaft Schweizerischen Brückenbaues stellt vermutlich die 1915 gebaute Brücke dar, welche die im 19. Jahrhunderte eingerichtete Fähre ersetzte.

Zur gleichen Zeit der Entstehung dieses Gemäldes sind noch zwei Brückenbauten in den Bestand der Wandbilder zur Darstellung Schweizer Ingenieurbaukunst hinzugekommen: „Le Pont de Zähringen Fribourg“[4] (Bild 4) und der „Nouveau viaduc de Grandfey“ (Bild 5) nördlich von Fribourg an der Bahnlinie Richtung Bern gelegen. Beide Brücken, jeweils 1924 und 1927 fertiggestellt, ersetzen zwei Vorgängerbauten und überqueren das Tal der Saane. Die Zähringerbrücke als Strassenbrücke in der Stadt Fribourg während der Grandfey-Viadukt als Eisenbahnbrücke[5].

Beide Gemälde wurden diesmal nicht von Ludwig Wilhelm Lehmann, sondern von Louis Vonlanthen, einem Landschaftsmaler aus Gruyères (FR), gemalt.

Bild 4: Louis Vonlanthen, Le Pont de Zähringen Fribourg, 1926, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss E (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00098 / Public Domain Mark)

Im Gemälde „Le Pont de Zähringen Fribourg“, das ungefähr ein Jahr nach dem Bau der Brücke im Januar 1926 fertiggestellt wurde, ist von einer der Altstadt von Freiburg gegenüberliegenden Anhöhe das neue 246 Meter lange Viadukt aus Beton mit seinen sieben halbkreisförmigen Bogenöffnungen zu sehen. Das Hauptsujet fügt sich in die Stadtvedute ein und gehört wie der Münster links und die Stadtmauer samt Türmen rechts zum neuen Stadtbild von Freiburg.

Bild 5: Louis Vonlanthen, Nouveau viaduc de Grandfey, Fribourg, 1927, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00109 / Public Domain Mark)

Das in seiner Farbigkeit und Malweise fast expressionistisch angehauchte Bild des neuen Viaduktes von Grandfey dagegen wird komplett dem gerade fertiggestellten Werk überlassen, das vom linken bis zum rechten Rahmen die gesamte Bildfläche überspannt. Das Gemälde wurde im März 1927 von der General-Direktion der Schweizerischen Bundesbahnen der ETH geschenkt, im gleichen Jahr der Fertigstellung des Bauwerks.

Die Schweizerischen Bundesbahnen und ihren Beitrag zur technischen Entwicklung des Landes

Drei weitere Bilder der Schweizerischen Bundesbahnen sind ausserdem unter den Darstellungen im ETH Hauptgebäude zu finden. Diesmal wieder aus der Hand von Wilhelm Ludwig Lehmann entstanden. Im Jahr 1924 schenkte die SBB der Hochschule drei Wandbilder, welche ihren Beitrag und ihre Leistungen nicht nur in der Eisenbahntechnik verewigen sollten.

Bild 6: Wilhelm Ludwig Lehmann, Gotthardbahn bei Giornico, 1924, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Südrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00102 / Public Domain Mark)

Das Bild der „Gotthardbahn bei Giornico“ (Bild 6) zeigt die Linienführung der Gotthardbahn direkt oberhalb von Giornico, die an dieser Stelle durch zwei unmittelbar aufeinander folgende Spiraltunnel[6] (Pianotondo und Travi Tunnel) gekennzeichnet ist. Diese beiden Spiraltunnel, auch Biaschina-Schleifen genannt, ermöglichen die Überwindung der Talstufe zwischen den Bahnhöfen von Lavorgo und Giornico, die mit 27 ‰ die grössten Steigungen der Gotthardbahn aufweist.[7]

Die zwei weiteren für eine Eisenbahngesellschaft beim ersten Blick etwas ungewöhnlichen Bildmotive haben mit der Entwicklung der Eisenbahn in den 20er Jahren des 20. Jahrhunderts und mit dem Unternehmen SBB zu tun: Das „Ritomsee oberhalb Piotta“ (Bild 7) und das „Staumauer der Barberine“ (Bild 8).

Mit der Elektrifizierung des schweizerischen Eisenbahnnetzes seit dem Jahr 1916 investierte die Schweizerische Bundesbahngesellschaft im Bau von Kraftwerken, welche die Stromlieferung sichern sollten.[8] So begann 1919 der Bau des Kraftwerkes Châtelard-Barberine, welche die Westschweiz und das Oberwallis mit Bahnstrom versorgen sollte, und 1920 im Zusammenhang mit der Elektrifizierung der Gotthardbahn wurde das Kraftwerk Ritom im Valle Leventina als erstes Kraftwerk in Betrieb genommen.

Bild 7: Wilhelm Ludwig Lehmann, Ritomsee oberhalb Piotta, 1924, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Südrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00100 / Public Domain Mark)

Die beiden Wandbilder aus dem Jahr 1924 stellen zum einen den Lago Ritóm, ein Speichersee glazialen Ursprungs im Pioratal in Tessin, nach seinem fertiggestellten Ausbau zum Stausee für das Ritom-Kraftwerk und zum anderen die sich im Bau befindende Gewichtsstaumauer des neu errichteten Stausees Barberine dar. Die Staumauer des Lac de Barberine wurde von 1921 und 1925 gebaut; das Gemälde ist eine Momentaufnahme in der Entstehung dieses Bauwerkes 1924.

Bild 8: Wilhelm Ludwig Lehmann, Staumauer der Barberine, 1924, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Südrisalit, Geschoss F (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00101 / Public Domain Mark)

So ist nicht nur das Bauwerk an sich einer Darstellung würdig, sondern auch der Technikstand rund um dessen Bau sollte an dieser Stelle festgehalten werden. Die detailgetreue Darstellung des Baustellenbetriebs zeigt die Expertise Lehmanns als Architekturzeichner, begründet in seiner Erstausbildung als Architekt. Hier wird die Transportanlage zum Bau der Staumauer mit der dazu gehörenden Montageluftseilbahn links im Bild, den zwei Derrick-Krane (eine im Vordergrund und die zweite im Hintergrund) und dem Kabelkran als oberer Bildabschluss genauso ins Malerische wiedergegeben, wie auch in der Schweizerischen Bauzeitung vom 24. Februar 1923 auf S. 91 vom verfassenden Ingenieur A. Oehler zu lesen und an den Fotografien zu sehen ist. Auch die über dem Tal gespannte Gussbetonverteilanlage sollte an dieser Stelle nicht fehlen, wurde an der Baustelle der Barberine zum ersten Mal für den Bau einer Staumauer in der Schweiz Gussbeton verwendet.

Innovative Technik für den Wasserbau

Fast gleichzeitig wurde auch die Staumauer im Schräh für den Wägitalersee im Wägital nach dem gleichen Verfahren gebaut. Für die beim Bauschluss im Jahr 1926 höchste Gewichtsstaumauer der Welt durfte Lehmann 1925 auch ein Gemälde im Auftrag der Stadt Zürich und der A.-G. Nordostschweizerische Kraftwerke fertigen (Bild 9).

Bild 9: Wilhelm Ludwig Lehmann, Kraftwerk Wäggital Staumauer im Schräh, 1925, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss G (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00121 / Public Domain Mark)

In diesem Gemälde ermöglicht die Auswahl einer schrägen Perspektive und die Nähe zur Baustelle Lehmann eine noch detailliertere Wiedergabe der Technik, bei der die Ausführung des Gussbetonmauerwerks, erkennbar an der Verteilanlage und der Holzverschalung, im Zentrum der Komposition steht.

Mit zwei weiteren Wandgemälden aus den Jahren 1925 und 1927 wird noch einmal mehr dem Wasserbau, wichtigem Unterrichtsfach an der ETH, eine Sonderstellung in der schweizerischen Techniklandschaft eingeräumt.

Das Kraftwerk Eglisau-Glattfelden (Bild 10) der Nordostschweizerische Kraftwerke AG ist ein Laufwasserkraftwerk am Rhein an der Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz und wurde 1920 in Betrieb genommen.

Bild 10: Wilhelm Ludwig Lehmann, N.O.K. Kraftwerk Eglisau, 1925, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss G (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00120 / Public Domain Mark)

Das 114,5 Meter lange Stauwehr wird im Bild nur im Ausschnitt dargestellt. Hier spielt die Kraft des aus der Schleuse sprudelnden Wassers die Hauptrolle und wird meisterhaft vom Maler Wilhelm Ludwig Lehmann ins Bild gesetzt.

Im Gemälde des Wasserkraftwerks Mühleberg vom Maler Adolf Tiéche, eine Schenkung der Bernischen Kraftwerke A.-G., dagegen ermöglicht der erhöhte Standpunkt weit über der Anlage eine Gesamtansicht des Werkes, bestehend aus dem Maschinenhaus rechts und dem Stauwehr links, eingebettet in seiner Landschaft, der Fluss Aare.

Bild 11: Adolf Tièche, Kraftwerk Mühleberg der bernischen Kraftwerke AG, 1925, Öl auf Leinwand auf die Wand aufgezogen, ETH Zürich, Hauptgebäude, Nordrisalit, Geschoss G (ETH-Bibliothek Zürich, Kunstinventar / Fotograf: Frank Blaser, Zürich / Ki-00123 / CC BY-SA 4.0)

Die Kraft des Wassers, das aus dem Stauwehr energisch fliesst, wird ausgeglichen durch den kompakten und horizontalen Baukörper der Maschinenhalle. Ebenfalls als Laufwasserkraftwerk seit dem Jahr 1920 in Betrieb, Mühleberg war das erste grosse Flusskraftwerk im Kanton Bern und bei Betriebsaufnahme eines der modernsten Kraftwerke Europas.[9] Die Pläne für das Kraftwerk lieferte der polnische Wasserbauingenieur Gabriel Narutowicz, Professor für Wasserbau an ETH Zürich zwischen 1907 und 1919.

Die Wandbilder können während der Öffnungszeiten des Hauptgebäudes besichtigt werden.

Links:

e-pics Katalog Kunstinventar

www.art.ethz.ch

[1] Dazu s. ETHeritage Beitrag «Epos Schweizer Technik und Industrie» (Teil 1): die Wandbilder in den Gängen des Hauptgebäudes der ETH Zürich

[2] S. Artikel Wiesener Viadukt, aus: Wikipedia (zuletzt gesehen: 03.04.2020)

[3] Seit 1937 Schinznach-Bad (AG)

[4] Das Gemälde ist eine Schenkung von der Direction des travaux publics Fribourg.

[5]Dieser Viadukt gehört zu den grössten Brücken der Schweiz. Aus: Grandfey-Viadukt, Wikipedia (zuletzt gesehen: 05.04.2020)

[6] S. Artikel Kehrtunnel, aus: Wikipedia (zuletzt gesehen: 04.04.2020)

[7] S. Artikel Giornico, aus Wikipedia (zuletzt gesehen: 04.04.2020)

[8] S. Artikel Lac de Barberine, aus: Wikipedia (zuletzt gesehen: 04.04.2020)

[9] S. Artikel Wasserkraftwerk Mühleberg, aus: Wikipedia (zuletzt gesehen: 05.04.2020)

AutorInnen

One thought on “«Epos Schweizer Technik und Industrie» (Teil 2): Eine Hymne an die Ingenieurbaukunst

  • Tuesday, der 19. May 2020 at 17:41
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    Toller Artikel über eine schöne Ausstellung!
    Sobald wir wieder reisen können, schauen wir uns das an. Vielleicht kriegen wir sogar eine Sonderführung?

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