Stefano Franscini: Erster Tessiner Bundesrat und Mitbegründer des Polytechnikums

Stefano Franscini (1796-1857) gilt als bedeutendster Staatsmann des Tessins im 19. Jh. Er wurde 1848 erster Tessiner Bundesrat des neu gegründeten Bundesstaates; war ein Bildungspionier und grosser Förderer der Tessiner Volksschule; er organisierte 1850 die erste Volkszählung der Schweiz und war Wegbereiter des 1860 geschaffenen Eidgenössischen Statistischen Amtes.

Am 16. November 1848 wählte ihn die Bundesversammlung zum fünften Bundesrat. Der radikalliberale Stefano Franscini erhielt das Departement des Innern zugewiesen und gehörte dem ersten Bundesrat der Schweiz von 1848 bis 1857 als erster «Innenminister» an.


Stefano Franscini, ca. 1850 (ETH-Bibliothek, Bildarchiv / Portr_16284)

Franscini wurde – als wichtigstes Projekt ­– mit der Gründung einer eidgenössischen Universität betraut. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch an den sich konkurrierenden Machtansprüchen der welschen und Deutschschweizer Kantone. Mit der Gründung einer polytechnischen Schule hingegen war Stefano Franscini erfolgreicher. Die Verwirklichung eines Polytechnikums auf Bundesebene, der damals einzigen Bildungsinstitution dieser Art in der Schweiz, konnte er als Bundesrat in die Wege leiten. Am 15. Oktober 1855, sieben Jahre nach seinem Amtsantritt, wurde das Eidgenössischen Polytechnikum offiziell eröffnet.

Im Frühling 1854 war eine Kommission unter dem Vorsitz von Stefano Franscini gebildet worden, die das Reglement des Polytechnikums auszuarbeiten hatte –  wahrscheinlich unter Einbezug der in diesem Blogpost vorgestellten Statuten und Reglemente.

«Unterrichts-Programme» ausländischer polytechnischer Schulen

Im Hochschularchiv der ETH liegt ein schmaler Band mit dem Titel «Unterrichts-Programme», dessen Inhalt zur frühesten Geschichte des Polytechnikums zählt. Die in diesem Band zusammengebundenen «Unterrichts-Programme» sind eine Auswahl von Lehrplänen, Statuten und Reglementen polytechnischer Schulen wie Paris, Turin, Berlin und Wien. Bundesrat Franscini hatte zu Beginn seiner Amtszeit an mehrere Polytechnika und Hochschulen geschrieben oder schreiben lassen mit der Bitte um Zusendung ihrer Statuten und Reglemente.

Diese Reglemente tragen jeweils auf ihrer Titelseite einen Stempel des Departementes des Innern aus dem Gründungsjahr des Bundesstaates 1848:

1.1. Stempel der Schweizerischen Eidgenossenschaft 1848; Departement des Innern. (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), Vorblatt: «France: Ecole polytechnique. Loi de 1799, frais etc.»)

Die Errichtung und der Ausbau technischer Lehrinstitute waren für das 19. Jh. in ganz Europa kennzeichnend, so auch in der Schweiz. Die ersten Formen technischer Schulen waren Fachschulen wie Bauschulen, Bergwerkschulen, Industrie- und Gewerbeschulen.

«Unterrichts-Programm» der École polytechnique de Paris

Als erste polytechnische Schule überhaupt war 1795 die École polytechnique in Paris eröffnet worden. Dass sich das Departement Franscinis an dieses älteste und berühmteste Mutterinstitut aller polytechnischen Universitäten wandte und deren Statuten einforderte, lag daher nahe.

Die 12seitige Abschrift des Reglementes der Pariser «École polytechnique» aus dem Jahr 1799 ist eine der wenigen Originalhandschriften, sie dürfte frühestens 1848 erstellt worden sein (siehe Datierung im nächsten Abschnitt):


1.2. «Loi relative à l’organisation de l’ École polytechnique Du 16 Décembre 1799», Abschrift, (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1)

Dieses Gesetz («Loi») über die Organisation des Polytechnikums ist mit zwölf Überschriften («Titres») versehen, die ihrerseits wieder in Artikel unterteilt sind:

Titre I. «Dispositions générales». Art. 2 kann man entnehmen, dass die Anzahl der Schüler auf 300 begrenzt wurde. Titre II: «Mode d’admission des candidats à l’Ecole Polytechnique» (Zulassungsbestimmungen).

Titre III. «Objet de l’enseignement». Unterrichtet wurden Mathematik, Darstellende Geometrie, allgemeine Physik, Chemie und Zeichnen.

Titre IV. «Régime es discipline des Elèves»; Titre V. «Mode d’examen pour l’entrée des Elèves dans les Ecoles d’applications des services publics» (Zulassungsprüfungen). Titres VI bis XI umfassen Bestimmungen betreffs Lehrkörper, der Schulleitung etc.

Die zweitletzte Seite mit der Zusammenstellung der Kosten aus dem Jahr 1847 rundet das Pariser Reglement ab. 1847 besuchten 251 Schüler das Pariser Institut, wie man in der obersten Zeile der Aufstellung entnehmen kann. Eine beachtliche Anzahl.

1.3. «École polytechnique». 1. Personnel, 2. Frais d’instruction, d’entretien et d’administration, 3. Bâtiments» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 11)

Zum Vergleich: von 1846 bis 1848 studierten 96 Schweizer Polytechniker im Ausland, wie eine Umfrage bei den Kantonen ergeben hatte (Öchsli I, 60). Der Wunsch nach einem Polytechnikum in der Schweiz war durchaus berechtigt.

Gedruckte Statuten anderer Pariser Bildungsinstitute

Auf die Anfrage aus dem Departement des Innern trafen in den folgenden Monaten und Jahren weitere – meist gedruckte – Statuten und Unterrichtsprogramme Pariser Bau- und Bergwerksschulen ein, so z.B. die Statuten der «École des ponts et chaussées» (Bauschule) vom April 1852 aus dem Ministerium für öffentliche Arbeiten:


2. Programm; Für die Zulassung notwendige Kenntnisse für externe Schüler, April 1852 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1)

Die an dieser Schule gelehrten Fächer waren Arithmetik, Algebra, Geometrie, Trigonometrie, Praktische Geometrie, Darstellende Geometrie, Differential- und Integralrechnen, Mechanik; aber auch Fächer wie Architektur, Physik, Chemie und Zeichnen wurden im Lehrplan angeboten (7 S. Lehrplan + 3 S. Aufnahmebedingungen für externe Schüler).

Die ebenfalls aus dem Pariser Ministerium für öffentliche Arbeiten zugeschickten Zulassungsbedingungen und Lehrstoff der Kaiserlichen Bergwerkschule «École impériale des Mines» (4 S.) und der Kaiserlichen Bauschule «École Imperiale des Ponts et Chaussées» (4 S.) wurden als  gedruckte Handschriften (Hektografien) versandt:

3. «Programme pour l’admission des Elèves externes à l’Ecole impériale des Mines» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1, ohne Dat.)


4. «École Impériale des Ponts et Chaussées»; «Instruction relative à la rédaction des journaux de mission» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1, ohne Dat.)

Auch die gedruckten Statuten der «École Royale polytechnique», der Königlichen polytechnischen Schule, vom 9. März 1841 (5 S., Hektografie) und diejenigen der «École Centrale des Arts et Manufactures» vom 10. August 1838, eine Art Kunstgewerbeschule (6 S., Hektografie), sehen wie eine Originalhandschrift aus:


5. «Instruction pour L’Admission à l’école Royale polytechnique, en 1841», Zulassungsbedingungen zur Königlichen polytechnischen Schule, 9. März 1841 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1)


6. «École Centrale des Arts et Manufactures» vom 10. August 1838, Schülerreglement (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1)

Notizen von Franscini

Auf dem ersten oben angeführten Dokument, dem Vorblatt mit Stempel des Departementes des Innern mit der handschriftlichen Angabe: «France: Ecole polytechnique. Loi de 1799, frais etc.» (siehe 1.1.) handelt es sich ziemlich sicher um die Handschrift Franscinis.

Auf dem letzten Blatt dieser Statuten der «École polytechnique» findet sich zudem ein eingeklebter Zettel mit Notizen in französischer Sprache, die bei einem Schriftvergleich auch von Franscini stammen könnten. Franscini (oder doch ein anderer Magistrat) machte sich vor allem Notizen zu den Kosten:

1.4. «Loi relative à l’organisation de l’ École polytechnique du 16 Décembre 1799», (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 12)

Sicher hingegen sind diese kurzen Zeilen in italienischer Sprache auf den Tessiner Bundesrat zurückzuführen:

5.1. Handschriftliche Notiz Franscinis (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 5 Rückseite)

Franscini notierte auf der letzten Seite der Zulassungsbedingungen der Königlichen polytechnischen Schule aus dem Jahr 1841 (siehe 5.) mit Tinte und Bleistift: «Istruzione superiore. Scuola Politec. di Francia» (Höhere Ausbildung. Polytech. Schule in Frankreich).

Sehr ähnlich im einzigen Dokument in italienischer Sprache auf der Rückseite des letzten Blattes («Scuola politecnica. Torino.») eines Antwortschreibens des Ministeriums für öffentliche Bildung in Turin vom 28. März 1854 (3. S.):

7.1. Handschriftliche Notiz Franscinis (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 3 Rückseite)


7. «Copia di una nota del Ministero dell’Istruzione Pubblica in data del 28 Marzo 1854». Abschrift. Ministerium für öffentliche Bildung (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 1) 

Umfangreiche Post aus Wien und Berlin

Das weitaus ausführlichste, ein ebenfalls im Druckverfahren entstandenen «Schreiben» (30 S.), traf aus Wien ein, datiert «Wien, am 21. November 1848»:


8. «Grundzüge des künftigen Unterrichtes von technischen Lehranstalten» (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), Hektografie, S. 1)

Die sogenannten Grundzüge waren unterteilt in «I. Polytechnische Institute» (37 Paragraphen) und «II. Technische Institute». Insgesamt werden nicht weniger als 37 Fächer angeboten, hier eine Auswahl:

«1. Die Elementar-Mathematik», es folgt eine Auflistung des Lernstoffes […], «täglich 2 Stunden». 2. «Die reine höhere Mathematik […] täglich 2 Stunden». 3. «Die Physik in ihrer ganzen Ausdehnung […] täglich 1 Stunde».  4. «Allgemeine Naturgeschichte […] Forst- und Landwirtschaft, und zwar: Mineralogie, Geografie […], Botanik und Zoologie […]» 5. «Die Technologie […] täglich 1 Stunde das ganze Jahr hindurch». 6. «Die darstellende Geometrie» etc.


8.1. «Grundzüge des künftigen Unterrichtes von technischen Lehranstalten.» Lernstoffe (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, 91999 (Hs), S. 4-5)

Ferner klassische polytechnische Fächer wie 9. «Die theoretische Mechanik auf Grundlage der höheren Analysis und vorzüglich mit Berücksichtigung der Bedürfnisse des praktischen Maschinenbaues, nebst parallel laufendem Zeichnungsunterricht ein Jahr hindurch täglich 1 Stunde Vortrag», 10. «Die Maschinen Lehre» etc. […] aber auch merkantile Fächer wie 24. «Über Zollgesetze und Übertretungen derselben» […], 29. «Nationalökonomie und Finanzwirtschaft» etc.

Auch aus dem deutschen Reich erhielt Franscini Post, nämlich aus Berlin. Die Abschrift stammt vom 15. April 1854. Sie umfasst 2 Seiten und ist eine Antwort auf den Brief vom 21. Februar 1854.

Franscini und die Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums 1855

Bei seiner Eröffnung im Herbst 1855 bot das Eidgenössische Polytechnikum sechs «Abtheilungen» an: 1. Die Bauschule, 2. Die Ingenieurschule, 3. Die mechanisch-technische Schule, 4. Die chemisch-technische Schule, 5. Die Forstschule und 6. Die philosophische und staatswirtschaftliche Abtheilung. Das Polytechnikum war damals lediglich eine polytechnische Schule und hatte noch lange keinen Universitätsstatus (erst 1908).

Es ist vor allem in der Deutschschweiz wenig bekannt, dass auch der Tessiner Stefano Franscini, der im Schatten des grossen Alfred Escher und anderer Mitstreiter stand, die Gründung des Eidgenössischen Polytechnikums energisch vorantrieben hat.

1955 liess die G.E.P., die Gesellschaft Ehemaliger Polytechniker, Gruppo Lugano, zum 100-jährigen Bestehen der Hochschule eine marmorne Gedenktafel mit einem Relief von Stefano Franscini im Hauptgebäude der ETH anbringen (Stock F, Eingang Audimax). In der Inschrift wird auf Franscinis Verdienste hingewiesen:


Stefano Franscini 1796-1857, Consigliere Federale 

Fu tra i più fervidi a volere l’Alta Scuola Politecnica Federale.

Cittadino ne propugnò l’idea magistrato ne aiutò l’evento. 

G.E.P Gruppo Lugano 1955 

«Er gehörte zu den Eifrigsten, die die eidgenössische Technische Hochschule verwirklichen wollten. Als Bürger verfocht er deren Idee, als Beamter (Bundesrat) trug er zu deren Verwirklichung bei».

Auf dem Campus Hönggerberg wurde zudem ein Platz nach dem einstigen Mitbegründer der ETH benannt. Seit 1989 befindet sich auf dem Monte Verità oberhalb von Ascona eine Konferenzplattform der ETH Zürich, die internationale Konferenzen und Workshops ausrichtet: CSF: Congressi Stefano Franscini.

Quellen:

Wer die Gründungsgeschichte der ETH nachlesen möchte, findet sie am ausführlichsten dargestellt in Wilhelm Öchslis 2-bändigem Monumentalwerk (1905): Geschichte der Gründung des Eidg. Polytechnikums mit einer Übersicht seiner Entwicklung 1855-1905

AutorInnen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.