Als Max Frisch die Schweizer Armee abschaffen wollte

Vor dreissig Jahren, am Wochenende des 25./26. November 1989, stimmte das Volk über die Initiative „Für eine Schweiz ohne Armee und für eine umfassende Friedenspolitik“ ab. Einer der prominentesten Unterstützer des provozierenden Vorschlags war Max Frisch.

Das Militär gehörte zu den Lebensthemen des Schriftstellers. Während des Zweiten Weltkriegs verbrachte Max Frisch zwischen 1939 und 1945 insgesamt 650 Diensttage als Kanonier im Aktivdienst. Von seinem Hauptmann wurde er damals mit dem Verfassen des obligatorischen Diensttagebuchs beauftragt. Frisch nahm den Auftrag als literarischen Schreibanlass. Aus der verordneten, geordneten Form destillierte er ein Protokoll der Ereignislosigkeit aus einem Krieg ohne Schlachten. Seine Aufzeichnungen mündeten in das Buch „Blätter aus dem Brotsack“ (1940) – ein Werk, das Frisch später als „treuherziges Tagebuch“ bezeichnete.

Max Frisch (rechts) in der Rekrutenschule Thun, 1931 (MFA_003705)

Nach dem Ende des Krieges nahm Frisch eine zunehmend kritische Distanz zum Militär und zu dessen Institutionalisierung in Form der Schweizer Armee ein. Sein „Dienstbüchlein“ von 1974 hinterfragte die Leere der militärischen Existenz, die antidemokratische Struktur der Armee und die eidgenössische Politik gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland. Das Werk hatte Teil an der Politisierung einer jüngeren Generation, aus der 1982 die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA) hervorging. Nicht weniger als die Abschaffung einer zentralen nationalen Institution war ihr Programm.

Max Frisch sympathisierte mit der Gruppe und begegnete ihr zugleich mit Skepsis. Er fürchtete, eine Abstimmung würde in einer hohen Niederlage enden und damit den Armee-Befürwortern in die Hände spielen. Doch er teilte die Utopie der jungen Menschen und wurde, nachdem das Initiativkomitee mehr als 100’000 Unterschriften gesammelt hatte, ihr prominentester Unterstützer.

Max Frisch förderte einen GSoA-Sammelband finanziell und steuerte eigene Texte bei. Anfang 1989 veröffentlichte er sein Buch „Schweiz ohne Armee? Ein Palaver“, ein vielschichtiges Verständigungsgespräch zweier Generationen über die Armee, das im Herbst 1989 unter dem Titel „Jonas und sein Veteran“ auf die Theaterbühne kam. Und er nutzte seine Freundschaft zum Zürcher Grafiker Gottfried Honegger, um mit ihm gemeinsam ein Abstimmungsplakat zu gestalten und zu drucken. Zu sehen ist darauf ein kurzer Dialog aus „Schweiz ohne Armee?“.

Abstimmungsplakat zur Initiative für eine Schweiz ohne Armee, Grafik: Gottfried Honegger / Text: Max Frisch (© Fondation Gottfried Honegger und Max Frisch-Stiftung)

Als es im November 1989 schliesslich zur Abstimmung kam, wurde die Initiative wie erwartet abgelehnt. Unerwartet hoch war jedoch der Anteil der JA-Stimmen. Mit einer Zustimmung von mehr als einer Million Stimmberechtigen (35,6 Prozent) hatte damals niemand gerechnet. Erreichen konnte die Initiative, dass ein jahrzehntelanges Tabuthema – die Schweizer Armee – zum politischen Diskussionsgegenstand wurde. Daraus resultierte nicht zuletzt die Einführung des Zivildienstes in der Schweiz.


Schweiz ohne Armee? – Max Frisch und die historische GSoA-Abstimmung

Ausstellung im Max Frisch-Archiv
25. November 2019 bis 30. April 2020

Ort:
ETH-Hauptgebäude, Lesesaal Sammlungen und Archive, Rämistrasse 101, 8092 Zürich

Geöffnet von Montag bis Freitag, 10 bis 17 Uhr

Eintritt frei

Website des Max Frisch-Archivs

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