Freiheit unter der Käseglocke

Hans Karl Adams in Gefangenschaft entstandene Insektenbilder

Vom Nutzen des Unglücks

Selbst Widrigkeiten und Schicksalsschlägen noch einen Nutzen abzutrotzen, ist eine begehrenswerte Fähigkeit. Ganz einfach ist das freilich nicht. Nur ein zutiefst rebellischer Charakter ist in der Lage, sich aktiv gegen die Ohnmacht des von höheren Mächten angeordneten Unglücks zu stemmen. Ein wahrer Meister in dieser Disziplin war der 1915 in Schlesien geborene Hans Karl Adam. Seine in der Graphischen Sammlung ETH Zürich aufbewahrten Insektenbilder sind nicht nur künstlerisch wertvolle Zeichnungen, sondern auch Beweisstücke seiner Geisteshaltung, seines unbeirrbaren Willens zum selbstbestimmten Glück.

Mittelmeer-Feldgrille (Gryllus bimaculatus), H.K. Adam (Graphische Sammlung ETH Zürich, Nachlass Adam).

Kriegsgefangener in Ägypten

Als sogenannter POW (Prisoner of War) ist er von 1943 bis 1947 in einem ägyptischen Lager Gefangener der Britischen Armee. Dort hat er seine erste intensive Begegnung mit Insekten – und die ist keinesfalls positiv. Als Bett dient dem Kriegsgefangenen ein mit einem Netz aus Kokosschnüren bespannter Holzrahmen. Zwischen den Schnüren nisten unzählige Wanzen, die ihn Nacht für Nacht mit juckenden Stichen übersähen. In seinen Aufzeichnungen über jene Jahre beschreibt Adam eindrücklich seine so vergeblich wie hoffnungslosen Versuche, die lästigen Blutsauger loszuwerden. Doch der Bericht nimmt eine unerwartete Wendung. Plötzlich verblüfft er den mit ihm leidenden und sich schon zu kratzen beginnenden Leser mit folgendem Satz: «Wenn wir so durch die Insekten gestört wurden, musste es auch andere geben, die uns erstaunten. So war es auch.»

Zwei Ameisen tauschen Nahrung aus (Trophallaxis), H.K. Adam (Graphische Sammlung ETH Zürich, Nachlass Adam).

Freigang im Reich der Insekten

Adam, der in der Küche arbeitet, bittet seine ausserhalb des Lagers eingesetzten Kameraden, ihm aus der Wüste «Schmetterlinge und Ameisen mit Libellen und andere Käfer in verschraubbaren Gläschen mitzubringen». Er beginnt, die von ihm bisher nicht weiter beachteten Tierchen intensiv zu studieren. Um sie in Ruhe beobachten zu können, nutzt er eine gläserne Käseglocke. Nun ist er es, der in Freiheit ist und auf die Gefangenen schaut, die er in Zeichnungen dokumentiert. Bei den Lagerärzten besorgt er sich Stifte, Farben und Papier. Ein Klempner bastelt ihm aus einer leeren Konservendose mit zwei Stecknadeln einen Steckzirkel, damit er die Insekten ausmessen kann. Es entstehen bemerkenswert akkurate Insektenstudien. Demütig vor jedem Detail zeichnet er selbst noch die Härchen an den spillrigen, geknickten Käferbeinen, oder folgt mit dem Bleistift akribisch dem Verlauf der Adern auf den Libellenflügeln. Das Zeichnen ist für Adam ein Akt der Kontemplation. Schritt für Schritt erobert sich der Gefangene die unendliche Weite der Artenvielfalt. Die schon im Mittelalter häufig anzutreffende Vorstellung, gerade in den kleinsten Lebewesen die Grösse und Genialität der Schöpfung erkennen zu können, formuliert Adam mit seinen eigenen Worten: «Alle waren überrascht, wie vielseitig die Natur Formen und die Farben gestaltet, solche Lebewesen lebendig in die Welt zu setzen. Ein Geheimnis der Schöpfung wurde nur angedeutet.»

Mistkäfer, H.K. Adam (Graphische Sammlung ETH Zürich, Nachlass Adam).

Brüder im Geiste

Viele Jahre später sollte Adam im Schriftsteller Ernst Jünger einen Bruder im Geiste finden. Auf einen kurzen Briefwechsel folgte 1989 ein Treffen der beiden Veteranen. Man tauschte sich aus, über den Krieg und über die Insekten. Der 20 Jahre ältere Jünger hatte die Knochenmühle des Ersten Weltkrieges an der Westfront überlebt und die Erinnerungen mit kühl distanziertem Blick in seinem Kriegstagebuch festgehalten. Auch ihm hatte die Entomologie eine naheliegende Abwechslung zur tristen Realität im Feld geboten. In den Schützengräben vor Monchy notierte er 1916: «Heute morgen ging ich trotz lebhafter Beschiessung […] Käfer sammeln und fing auch etliche schöne Exemplare». Es sollte sich daraus eine lebenslange Leidenschaft entwickeln, die Jünger mit Fachkenntnis, Ausdauer und den nötigen finanziellen Mitteln weiterpflegte. Adam hingegen legte auf korrekte Artbestimmung, taxonomische Zugehörigkeit und Seltenheit weniger Wert. Er fand Schönheit im Alltäglichen und erfreute sich an den Insekten ohne jedes Vorwissen.

Hans Karl Adam vor seinem Hotel in Rothenburg ob der Tauber (Graphische Sammlung ETH Zürich, Nachlass Adam)

Nachruhm

Nach Adams Rückkehr aus Ägypten fertigte ein Buchbinder Passepartouts sowie eine stabile Schachtel für die Bildchen an. Die Entomologie wurde eine schöne Erinnerung, der Krieg war vorbei, es begann ein neues Leben. In den 1950er Jahren avancierte Adam zum bekannten Fernsehkoch beim Bayerischen Rundfunk und schuf – gleich seinem Seelenverwandten Ernst Jünger – ein umfangreiches literarisches Werk. Anders als die polarisierenden Schriften Jüngers blieben Adams Texte stets auf der heiteren Seite. Seine über 80 Kochbücher tragen Titel wie Die wohlerprobte Reisküche, Spargel du meine Wonne oder Aus Adams Küche, scharf und würzig. Ewig dankbar bleibt ihm die Nachwelt vor allem für eine andere Tat: die Erfindung des Toast Hawaii. Auch diesmal zaubert uns Adam ein Lächeln ins Gesicht.

Literatur

Ernst Jünger: Kriegstagebuch 1914-1948, Klett-Cotta 2010

Hans Karl Adam: Spargel du meine Wonne, München: Porta-Verlag 1957

Hans Karl Adam: Die wohlerprobte Reisküche, München, Heimeran 1958

Hans Karl Adam: Aus Adams Küche, scharf und würzig, Frankfurt 1972

Die zitierten Aufzeichnungen Hans Karl Adams sind unpubliziert und befinden sich in der Graphischen Sammlung ETH Zürich

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.