Scherzende Hesperidien: Barocke Darstellungen von Zitrusfrüchten

Als im 18. Jahrhundert der schwedische Naturforscher Carl von Linné (1707-1778) eine Bezeichnung für die Panzerbeeren (Beeren mit einer harten Schale) suchte, fiel seine Wahl auf das Wort «Hesperidien». Unter diesen Fachbegriff fallen in der Botanik neben Gurken und Melonen auch Zitrusfrüchte wie Zitrone oder Orange. Hierbei ist einfach zu erkennen, dass sich diese Bezeichnung vom Namen der bekannten Gärten der Hesperiden ableiten lässt. Doch nicht nur Linné hat sich von den schönen Nymphen aus der griechischen Mythologie inspirieren lassen. Nahezu 100 Jahre davor, im Jahr 1646, veröffentlichte erstmal Giovanni Battista Ferrari in Rom sein Opus Magnum «Hesperides sive de malorum aureorum cultura et usu libri quatuor», das erste Werk, das bis zu diesem Zeitpunkt über die Zitrusfrüchte erschienen war. Das einzigartige Werk stellt nicht nur eine erste Taxonomie der Zitrusfrüchte auf, sondern ist gleichzeitig ein Meisterwerk der barocken Buchkunst.

Abb. 1: G. B. Ferrari: Hesperides. Frontispiz

G. B. Ferrari (1584-1655) war ein italienischer Jesuit, Orientalist, leidenschaftlicher Botaniker und gilt bis heute als einer der bedeutendsten Kenner von Zitrusfrüchten. Im Rahmen seiner Forschungen hatte er sich vorgenommen, die nahezu unüberschaubare Menge unterschiedlicher Zitrussorten Italiens nachzuweisen und zu klassifizieren. Eine Sisyphusarbeit, wenn man bedenkt, dass schon damals nur für Orangen mehr als 4’000 verschiedene Sorten bekannt waren. Statt sich auf die verfügbaren schriftlichen Quellen zu stützen, entschied er sich für eine empirische Methode: Er erstellte einen Fragenbogen, den er an alle italienischen Anbauer von Zitrusfrüchten verschickte und den er anschliessend auswertete. Dieses gewaltige wissenschaftliche Vorhaben lässt sich gut mit Herakles’ zwölfter Heldentat, dem Diebstahl der goldenen Äpfel aus dem Garten der Hesperiden vergleichen.

Abb. 2: Hercules inter Hesperides Romanis in hortis Mediceoru[m], aus: G. B. Ferrari: Hesperides, S. 11

Diese goldenen Äpfel, die vom hundertköpfigen, niemals schlafenden Drachen Ladon gehütet wurden, identifizierte Ferrari im einleitenden Kapitel seines Werkes als Zitrusfrüchte.

Abb. 3: Hesperiden im Zitronengarten, aus: G. B. Ferrari: Hesperides, S. 97

In dieser ersten Taxonomie gliederte Ferrari die Zitrusfrüchte in drei grosse Gruppen: die sog. Cedrate, die Zitronen und die Orangen.
Der beschreibende Text des Werkes von Ferrari wird illustriert von 102 prachtvollen Kupferstichen, wobei hiervon 80 die damals bekannten Zitrusarten vorstellen. Diese wurden vom berühmten niederländischen Maler und Kupferstecher des Barocks Cornelis Bloemaert (1603-1692) in natürlicher Grösse gezeichnet. Hierbei ist nicht nur die sehr realistische Darstellung der Zitrusfrüchte beeindruckend, sondern auch die Tatsache, dass zum ersten Mal aufgeschnittene Früchte in einem gedruckten Buch dargestellt wurden.

Abb. 4: Malvm citrevm dvlci medvlla, aus: G. B. Ferrari: Hesperides, S. 73

Bemerkenswert ist darüber hinaus, dass der Autor ein besonderes Interesse auch an ungewöhnlichen Früchten dieser Gattung gezeigt hat. Diejenigen Früchte, die auffalend geformt waren, reihte er in eine eigene Kategorie ein, der er den fantasievollen Namen «Scherzfrüchte» gab.

Abb. 5: Malvm citrevm mvltiforme, aus: G. B. Ferrari: Hesperides, S. 77

Da er für diese Deformationen keine wissenschaftliche Erklärung finden konnte, griff er wieder auf die unerschöpfliche griechische Mythologie zurück. Seiner Auffassung nach stammten diese fingerartigen Zitrusfrüchte von jenem Zitronenbaum, in den Apollo den jungen Harmonillus verwandelt hatte.
Heute ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass diese Missbildungen von einer Milbe verursacht werden.
Hiermit ist die Auflistung der wissenschaftlichen Neuerungen im Werk von Ferrari allerdings noch nicht abgeschlossen: Ein erstes Mal wird die «arancia rossa» erwähnt, eine rotfleischige Orange die nur in Sizilien wuchs und die wir heute als Blutorange kennen. Leider wurde diese Variante in diesem prachtvollen Werk nicht abgebildet.
Weitere Abbildungen aus diesem Werk sind im Online-Katalog E-Pics Alte und Seltene Drucke frei recherchierbar.

Literatur:
Giovanni Battista Ferrari: Hesperides sive de malorum aureorum cultura et usu libri quatuor. Romæ: Sumptibus Hermanni Scheus, 1646, Rar 75
Silvio Martini: Geschichte der Pomologie in Europa: 25 Nationen 116 Portraits. Wädenswil, 1988
Helena Attlee: The land where lemons grow. The story of Italy and its citrus fruit. London. Particular Books, 2014

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