Dürrenmatts Vögel

Vögel sind ein ständig wiederkehrendes Motiv im literarischen und künstlerischen Werk von Friedrich Dürrenmatt. Mit den Worten von Ulrich Weber vom Schweizerischen Literaturarchiv in Bern, tauchen sie vor allem in Dürrenmatts Bildern auf und zwar:

… als schwarze, krähenartige Vögel, hacken sie Prometheus die Leber aus, sättigen sich am Leib des Gekreuzigten oder stürzen sich im Bild „Der letzte Angriff“ in grossen Schwärmen auf die verzweifelte, die Erde übervölkernde Menschheit. Bei all dieser Düsternis könnte man beinahe vergessen, dass Dürrenmatt selber einen vertrauten, sehr eifersüchtigen Kakadu hatte, mit dem er gerne spielte […].

Friedrich Dürrenmatt, Schriftsteller

Jack Metzger: Friedrich Dürrenmatt mit Nymphensittich „Shakespeare“, 1962 (Com_C12-050-10)

Der Comet-Fotograf Jack Metzger hat Dürrenmatt 1962 für die Schweizer Illustrierte Zeitung mit einem Vogel auf dem Kopf fotografiert. Es erschien auf der Titelseite der Ausgabe vom 25. März 1963. Die Legende dazu lautet:

Respektlos hat sich „Shakespeare“, der Nymphensittich seiner Tochter Barbara, beim täglichen Rundflug im Hause Dürrenmatt auf den Kopf des Dichters gesetzt, der es sich nachsichtig und mit der ihm eigenen Gelassenheit gefallen lässt.

Dürrenmatt-SIZ

Schweizer Illustrierte Zeitung, 25.3.1963, Titelblatt

Dürrenmatt hat sich öfter mit Vögeln fotografieren und filmen lassen. Wenn auch nicht explizit, kokettierte er damit, einen Vogel zu haben, also nicht ganz richtig im Kopf zu sein.

Der Nymphensittich „Shakespeare“ war nicht der einzige Vogel in Dürrenmatts Leben, denn er hatte davon mindestens zwei. So gab es auch noch einen grossen weissen Kakadu mit Namen Lulu. Dürrenmatt hatte Lulu bereits im Jahr 1964 für CHF 1000 gekauft und der Vogel tauchte ab diesem Datum auf Familienfotos auf. Charlotte Kerr, die zweite Frau von Dürrenmatt beschreibt Lulu in ihren Erinnerungen:

Auf mich war sie rasend eifersüchtig. Als ich ins Haus kam, stand sie in Fritz‘ [Friedrich Dürrenmatts] Arbeitszimmer. Wenn wir „pläuderten“, schrie und klapperte sie dazwischen, wenn wir Musik hörten, kreischte sie mit. Wir stellten sie ins Atelier. Der hohe klagende Dauerton kroch uns in die Nerven, wir stellten sie zu Margret ins Büro. Dort war sie nicht allein, alle besuchten sie, machten ein wenig Konversation, Lulu war glücklich. Nur mich funkelte sie böse an. Sie war verliebt in Fritz, hielt ihn für einen Riesenkakadu und ihr Eigentum (S. 252).

Charlotte Kerr wollte Lulu auch wieder zum Fliegen animieren, was der Vogel schon lange nicht mehr tat:

Ich öffnete den Käfig, Lulu kletterte auf das Dach, sie legte den Kopf schief, ich fasste sie hinter den Flügeln und warf sie sanft ins Gras: „Flieg, du dummer Vogel, flieg! Du konntest doch mal fliegen …“ Von da an machte ich mit Lulu Flugversuche […] Es machte mich rasend, dass da ein Vogel war, der nicht flog. Inzwischen liebte sie mich. Jetzt war ich der Riesenkakadu (S. 254).

Lulu spielte auch in Charlotte Kerrs Dürrenmatt-Film „Porträt eines Planeten“ von 1984 eine Rolle. Ausschnitte daraus fanden dann ihren Weg in aktuelle Filmporträts. Die Flugversuche von Lulu endeten leider tragisch und sie stürzte in hohem Alter zu Tode.

Literatur:

Charlotte Kerr: Die Frau im roten Mantel. Piper, München 1992.

Herzlichen Dank an Ulrich Weber, Co-Leiter Dienst Forschung und Vermittlung am Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

AutorInnen

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.