«merk-würdig» – Was Fundstücke aus dem Archiv über die Schweizerisch-Jüdische Geschichte erzählen

Warum liegen im Archiv für Zeitgeschichte dutzende fantastische Skizzen von Autos? Wie sieht ein Gebetbuch in Blindenschrift aus? Wieso hat der Zürcher Rechtsanwalt Sigi Feigel einen Strick zugeschickt bekommen? Leisten Schweizer Juden Militärdienst?

Die aktuelle Ausstellung «merk-würdig» zeigt aussergewöhnliche Fundstücke aus dem Archiv, die überraschen oder auch verwirren. Die ausgewählten Objekte stehen dabei exemplarisch für ein Element der Jüdischen Geschichte und Kultur in der Schweiz. So gibt die Ausstellung Einblick in das Leben jüdischer Viehhändler, illustriert das jüdische Vereinsleben und beleuchtet die Situation von Juden im Militärdienst. Sie thematisiert Antisemitismus und veranschaulicht, wie die Schweizer Jüdinnen und Juden vom Zweiten Weltkrieg betroffen waren.

Ein Leben für Autos und die Jüdische Gemeinschaft

Robert Braunschweig (1914-2001) beispielsweise war der Sohn eines Textilfabrikanten. Die Leidenschaft des ETH-Maschineningenieurs galt jedoch Automobilen. Davon zeugt sein Nachlass im Archiv für Zeitgeschichte, der neben Unterlagen zu seinen beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten auch dutzende kunstvolle Skizzen nie gebauter Autos beinhaltet. Bereits während seines Aktivdienstes war Braunschweig in der Abteilung Heeres-Motorisierung der Schweizer Armee tätig. Später wurde er Präsident der Vereinigung Schweizerischer Automobil-Importeure und war langjähriges Mitglied des Stiftungsrates des Genfer Automobil-Salons. Von 1980-1988 war er Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

Autoskizze von Robert Braunschweig, undatiert (AfZ NL Robert Braunschweig / 135)

Emanzipation des Schweizer Judentums im 19. Jahrhundert

Lange blieben Schweizer Juden trotz ihres Bürgerrechts rechtlich benachteiligt. Erst 1866 erhielten sie auf internationalen Druck die Niederlassungsfreiheit. Mit der Bundesverfassung von 1874 folgte die vollständige Gleichstellung. Die Glaubensfreiheit wurde mit dem Schächtverbot, das in einem antisemitisch geprägten Abstimmungskampf 1893 eine Mehrheit fand, allerdings wieder eingeschränkt.

Die Emanzipation führte zu einem grundlegenden Wandel innerhalb der schweizerisch-jüdischen Bevölkerung. So wuchs sie einerseits von 3’000 Personen im Jahr 1850 auf 21’000 im Jahr 1920 an. Andrerseits verlagerte sich der Schwerpunkt des jüdischen Lebens vom Land in Städte wie Zürich, Basel und Genf. Der gleichzeitige Aufschwung der Schweizer Wirtschaft bot neue Betätigungsfelder. Insbesondere an der Entwicklung der Textil‐ und der Uhrenindustrie waren Schweizer Jüdinnen und Juden beteiligt, aber auch im Bereich der Warenhäuser und der Privatbanken.

Damenriege des jüdischen Turnvereins Basel, ca. 1925 (AfZ BA BASJ-Archiv / 432)

Zürcher Woche / Europäischer Tag der Jüdischen Kultur

Die Ausstellung «merk-würdig» im Archiv für Zeitgeschichte wird im Rahmen einer Woche der Jüdischen Kultur Zürich am Sonntag, 26. August 2018 um 13.00 Uhr eröffnet und ist bis zum 13. Europäischen Tag der Jüdischen Kultur am Sonntag, 2. September 2018 zu sehen.

Öffnungszeiten der Ausstellung

Archiv für Zeitgeschichte, Seminarsaal, Hirschengraben 62, 8001 Zürich

Mo bis Fr 09.00 Uhr bis 17.00 Uhr, Mi verlängert bis 18.00 Uhr, So 11.00 bis 17.00 Uhr

Freier Eintritt

Vernissage

Sonntag, 26.08.2018, 13.00 Uhr (Anmeldung erbeten unter afz@history.gess.ethz.ch)

Öffnung im Rahmen des Europäischen Tages der Jüdischen Kultur

Sonntag, 02.09.2018, 11.00-17.00 Uhr

Öffentliche Führungen

Di 28.08.2018, 12.30-13.00 Uhr und 18.15-19.15 Uhr

Mi 29.08.2018, 18.00-19.00 Uhr

Do 30.08.2018, 12.30-13.00 Uhr

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