„Du sollst dir kein Bildnis machen“ – Zu einer Notiz von Max Frisch

Ob auf Spaziergängen oder Reisen, im Zürcher Café de la Terrasse oder am Strand von Portofino – Max Frisch war selten ohne Notizbuch unterwegs. Sein Selbstbefund deutete auf „Graphomanie“.

Bei aller Liebe zu seiner Hermes, Remington oder Olivetti befiel Max Frisch manchmal ein „fast unüberwindlicher Ekel vor der Schreibmaschine“. Dagegen half nur eins: „Versuche mit Handschrift“.[1] Wieweit die Versuche geglückt sind, lässt sich an den Notizheften ablesen, die sich im Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek erhalten haben. Neben bunten Ringheften und schwarzen Lederkladden lagern hier auch Spiral- und Reporterblöcke. Frischs treueste Begleiter waren jedoch die blauen ‚Milchbüchlein‘. Nach einer Wanderung auf dem Zürcher Pfannenstiel hielt er im Winter 1947 fest: „Das sind eigentlich meine besten Stunden: wenn ich nach langer einsamer Wanderung in einer fremden Bauernstube sitze, einen Rotwein habe u. mein blaues Heftlein“.[2]

Frisch notierte mal mit blauer, mal mit schwarzer Tinte. Gelegentlich griff er auch zum Bleistift oder genauer: zum ‚fixpencil‘, dem Bleistift des Architekten. Bereits die Titel, die er aufs Deckblatt setzte, eröffnen eine Fülle an Assoziationen: „Max Frisch, dipl. arch. / Kritik“ – „English: Wörter nach Lektüre“ – „Portofino II“ – „Spanien. (1950)“ – „’Gespenst‘ / Skizzen“ – „Zeitstücke → erledigt“ – „GELD. / New York“ – „Макс Фриш“, ist da zu lesen. Zugverbindungen finden sich neben Dramenentwürfen, architektonische Skizzen folgen auf Lesefrüchte, Reisezeichnungen auf Stimmungsbilder oder Tagebucheinträge.

Eines der folgenreichsten Hefte trägt die Nummer 77 und datiert auf den 16. Juni 1945. „Über unser Leben mit den andern“ lautet der Titel des längsten Eintrags. Er beginnt mit einer Aufforderung: „Das Bild, das man sich von einem andern macht, – du sollst Dir kein Bildnis machen“. An die Losung aus dem Alten Testament knüpft eine Formel an, die zur damaligen Zeit ebenso gut von einem Pariser Existentialisten hätte stammen können: Der Mensch ist „nicht ein Festes, sondern ein Fluß von Möglichkeiten“.

Deckblatt und erste Seite von Max Frischs Notizheft H. 77 (Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek)

Max Frisch trug sich von Jugend auf mit dem Wunsch nach einer Bindung, welche nicht auf Kosten der Lebendigkeit geht. Den Appell aus dem Buch Exodus nahm er sich dafür als Leitbild. In seinen Werken griff er ihn abermals auf, wandelte ihn ab und schrieb ihn fort. Am ausführlichsten kam er im Tagebuch 1946-1949 darauf zurück, in einem Eintrag mit der Überschrift „Du sollst dir kein Bildnis machen“:

„Es ist bemerkenswert, daß wir gerade von dem Menschen, den wir lieben, am mindesten aussagen können, wie er sei. Wir lieben ihn einfach. Eben darin besteht ja die Liebe, das Wunderbare an der Liebe, daß sie uns in der Schwebe des Lebendigen hält, in der Bereitschaft, einem Menschen zu folgen in allen seinen möglichen Entfaltungen. […]
Unsere Meinung, daß wir das andere kennen, ist das Ende der Liebe […].
Man macht sich ein Bildnis. Das ist das Lieblose, der Verrat.“[3]

Diese Einsicht strahlte weit aus ins Werk der Folgejahre. Dem Bildhauer Anatol Stiller redet seine Frau Julika ins Gewissen: „Jedes Bildnis ist eine Sünde. Es ist genau das Gegenteil von Liebe“.[4] Was das Paar streitend unter sich ausmacht, hebt das Theaterstück Andorra ins Gesellschaftliche. Hier setzt das biblische Gebot ein Nachdenken über das Anderssein in Gang: „Auch ich habe mir ein Bildnis gemacht von ihm“, gesteht der Pater nach Andris Hinrichtung, „auch ich habe ihn gefesselt, auch ich habe ihn an den Pfahl gebracht.“[5] Dass jedem Bildnis etwas Gewaltsames innewohnt, zeigt sich auch in der ‚Moritat‘ Graf Öderland. Nun ist es der Staatsanwalt, der ein Selbstporträt ins Feuer wirft: „ich vertrage keine Bildnisse, Madame, Sie gestatten!“[6]

Vor einem Porträt des Malers Otto Dix (ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Jack Metzger)

Die Frage nach dem Bild, das wir uns voneinander machen, durchzieht Frischs Werk. Wie manch andere nahm sie ihren Ausgangspunkt in einem Notizheft. Das macht die Notizen aufschlussreich für die Entstehung der Werke. Gleichzeitig stehen sie je für sich und sind weit mehr als blosse Vorstufen. Frisch selbst verstand sie als Einfälle „bevor man das Licht löscht“.[7] Diesen privaten Charakter haben sie mit dem Eingang ins Archiv hinter sich gelassen. Nunmehr geben sie den Blick frei auf eine Autorenwerkstatt, in der das Schreiben noch nicht zum ‚Bildnis‘ erstarrt ist.

Max Frischs Notizhefte
Ausstellung im Max Frisch-Archiv
18. Mai bis 28. September 2018
Eröffnung: 17. Mai, 18.00 Uhr
Weitere Informationen

Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek
Rämistrasse 101, 8092 Zürich

 

Quellen

[1] Max Frisch: Entwürfe zu einem dritten Tagebuch, Berlin: Suhrkamp 2010, S. 16.
[2] Max Frisch: Notizheft H. 94, Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek.
[3] Max Frisch: Tagebuch 1946-1949, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1950, S. 31 f.
[4] Max Frisch: Stiller, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1954, S. 196.
[5] Max Frisch: Andorra, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1961, S. 64.
[6] Max Frisch: Graf Öderland. Eine Moritat, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1963, S. 85.
[7] Max Frisch: Notizheft H. 54, Max Frisch-Archiv an der ETH-Bibliothek.

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