Vogelgrippe – Carl Steiger, Kunstmaler und Flugforscher

Eine riesige Möwe mit einer Flügelspannweite von sage und schreibe 14 Metern rattert auf einem seltsamen Fahrgestell im Winter 1913/14 über das Flugfeld im zürcherischen Dübendorf und 1937 nochmals fotografisch durch die Zürcher Illustrierte.

Versuchsmodell auf dem Flugfeld in Dübendorf, Winter 1913/14. Links der Konstrukteur Carl Steiger. Zürcher Illustrierte, Nr. 51, 1937 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Akz. 2006-35).

Die Zeitschrift berichtet von einem Albatros. Ebenso der Aviatikhistoriker Erich Tilgenkamp, der fünf Jahre später die Fotografie aus der Illustrierten in seiner dreibändigen Geschichte der Schweizer Luftfahrt verwendet. Eine albatrostypische Röhrennase auf dem Schnabel ist aber nicht zu erkennen. Der Vogel war auf einer Waage montiert, mit der Auftrieb sowie Luftwiderstand gemessen werden sollten. Die Flügel hingen bei Windstille herunter und richteten sich im Luftzug automatisch auf. Bei näherem Betrachten der Abbildung ist zu sehen, dass die Räder des Fahrgestells und der Vogel samt keilförmigem Unterbau quer zueinander stehen. Anscheinend drehte sich der Vogel mit der Messapparatur auf einem dünnen Ständer wie eine Wetterfahne.

Konstrukteur des Gebildes war der Kunstmaler Carl Steiger (1857-1946). Geboren als Sohn einer Weberfamilie im Tösstal, aufgewachsen in St. Gallen bei einem Onkel, studierte er zunächst Maschinenbau an der Technischen Hochschule München. Anschliessend besuchte er die Münchner Kunstakademie. Fasziniert vom Vogelflug, versuchte er dessen Grundlagen auf die seinerzeit noch in den Anfängen steckende Luftfahrt anzuwenden. Mit Papiermodellen führte er systematische aerodynamische Versuche durch. Seine Beobachtungen und Berechnungen veröffentlichte er 1891 in der Schrift Vogelflug und Flugmaschine. Darin bezog er sich auch auf die zwei Jahre zuvor erschienene Publikation Der Vogelflug als Grundlage der Fliegekunst von Otto Lilienthal, ging aber mit konkreten Vorstellungen und Konstruktionsskizzen für propellerbetriebene Flugapparate deutlich über Lilienthals theoretische Vorgaben hinaus.

Carl Steiger: „Gleitversuche ob St. Gallen 1891/92“, Bleistiftzeichnung (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETH Zürich, Hs 1246: 8).

Gleichzeitig wie Lilienthal in Deutschland machte Steiger in der Schweiz erste Flugversuche mit einem Gleitschirm. Es folgte 1892 ein Patententwurf für ein mit Luftschraube betriebenes Flugzeug, dann 1906 ein vom kaiserlichen Patentamt in Berlin patentierter verstellbarer Schiffspropeller. 1908 baute Steiger in der Schiffswerft von Kilchberg am Zürichsee mit einem Freund aus der ortsansässigen Schokoladendynastie einen Doppeldecker mit hinten montiertem Doppelpropeller. Die rückwärtige Platzierung des Antriebs war paddelnden Enten abgeschaut, deren Beine weit hinten am Rumpf liegen. Allerdings liess Steiger sich von fragwürdigen Lieferanten zweimal zu schwache Motoren andrehen, so dass die Maschine nicht vom Boden abhob. Nach dieser Enttäuschung baute er keine eigenen Flugzeuge mehr. Fortan konzentrierte er sich ganz auf die empirische Erforschung des Vogelflugs. Bis ans Lebensende beobachtete er fliegende Möwen, studierte tote Tiere, konstruierte nach ihrem Vorbild Holz- und Gipsmodelle und führte mit ihnen aerodynamische Messungen durch.

Über die Ergebnisse des Modellversuchs mit dem Riesenvogel auf dem Dübendorfer Flugfeld ist nichts weiter bekannt. Jahrzehnte später plante Steiger Experimente im Windkanal des ETH Instituts für Aerodynamik unter der Leitung von Professor Jakob Ackeret. Doch da bedrohte plötzlich eine üble Grippe das Vorhaben des inzwischen 85jährigen. Auf einer Postkarte zeichnet und schreibt er am 1. April 1942 an Ackeret:

„Lieber Herr Prof.

Mitten in meiner Mövenarbeit hat

mich die verd… Grippe vor 8 Tagen

gepackt u. mir bis heute die Arbeits=

zeit weggestohlen – Samstags

hoffe ich wieder fortfahren zu können

In Gyps ist dann die Sache bald geformt

Besten Gruss

Ihr C. Steiger“

Die Zeichnung zeigt Steiger im Selbstporträt. Er rückt gerade eine Möwe mit ausgebreiteten Flügeln in einem vermutlich drehbaren, viereckigen Käfig zurecht; vielleicht eine Vorrichtung zur weiteren Bearbeitung des Modells oder ein Messapparat wie damals in Dübendorf.

Carl Steiger an Jakob Ackeret, Kilchberg, 1. April 1942, Postkarte, Bleistift (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv Zürich, Hs 553: 876).

Im Nacken sitzt ihm das Grippe-Gespenst: Ein schwarzer Kobold mit Insektenflügeln und papierschlangengleich geringeltem Schwanz. Mit der rechten Hand hält der Plagegeist sich am Genick seines Opfers fest und zwickt es mit den Skelettfingern seiner linken ins Ohrläppchen. Der Kopf mit Kamm ist eine Kreuzung zwischen dem Schädel einer Möwe – was sonst – und dem Schädel eines Pteranodons, eines Flugsauriers ähnlich dem in Steigers Handnotiz- und Skizzenheften. Das neckische Haar- oder Federbüschel auf der Stirn entspricht demjenigen auf der Stirn des gepeinigten Vogelflugforschers.

Die Darstellung erinnert an die Heimsuchung durch Dämonen und die Totentänze in der bildenden Kunst, die dem Zeichner natürlich bekannt waren. Kurz: Der Künstler fühlte sich todkrank und uralt. Seinem Humor und energischen Schaffensdrang konnte die Seuche aber offensichtlich nichts anhaben.

Pteranodon, aus: „29 I 1943, Vortrag über meine Möve von Dr. Feldmann“, Notizen mit Skizzen eingeklebt in „ETH Institut für Aerodynamik, Windkanaluntersuchungen am Steiger’schen Modell einer Möve, Zürich, Dezember 1942“ (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv Zürich, Akz 2006-35).

Tatsächlich wurde Steigers Gipsmöwe, eisenarmiert und kartonbeflügelt, dann Ende Jahr doch noch den Stürmen im ETH-Windkanal ausgesetzt. Professor Ackerets Mitarbeiter Fritz Feldmann führte die Flugsimulationen durch und liess den Untersuchungsbericht durch seinen Chef absegnen. Am Freitag 29. Januar 1943 berichtete Feldmann zudem im Rahmen eines Kolloquiums an der ETH über die Flugtests, während Steiger in der Diskussion seine eigene Interpretation der Ergebnisse vertrat.

Gleitflug in Rückenlage, in: „ETH Institut für Aerodynamik, Windkanaluntersuchungen am Steiger’schen Modell einer Möve, Zürich, Dezember 1942“ (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv Zürich, Akz 2006-35).

 

Hinweise:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.