Now I find it cute

Entomologische Forschungssammlungen sind immer auch Anlaufstellen bei Fragen aller Art. Oft ist eine Antwort schnell zur Hand, manchmal aber folgen ausgiebige Literaturrecherchen, Korrespondenzen mit anderen Spezialisten und Rückfragen auf Internetforen. Diesen Sommer nun wurde der Entomologischen Sammlung der ETH ein Foto mit folgendem Kommentar zugeschickt: „I would like to ask you if you have any ideas about this bizarre living creature which my daughter found in our garage.“

Ein anonymer Eindringling in eine Zürcher Garage (Entomologische Sammlung ETH)

Die Antwort fiel nicht schwer. Entomologisch war die Frage jedoch durchaus spannend, sagte sie doch viel aus über die Präsenz – oder eben das Fehlen – dieses Insekts in unserer Natur. In früheren Zeiten war diese Art häufig anzutreffen und „wo sie einmal haust, gefürchtet und mit Recht“, wie Alfred Edmund Brehm in seinem Illustrirten Thierleben 1869 schrieb. Brehm nannte eine ganze Reihe von Namen, unter denen das Insekt bekannt war: Reutwurm, Reitkröte, Erdwolf, Moldworf, Erdkrebs, Maulwurfsgrille oder Werre. Die Namen sind Programm: Werre stammt von althochdeutsch verwerren = verwüsten, reuten oder reiten leiten sich von riuten = roden ab und mit Mold wurde früher ausgestossene Erde bezeichnet.

Maulwurfsgrille

Die Maulwurfsgrille Gryllotalpa gryllotalpa Linnaeus 1758 aus A.E. Brehm, Illustrirtes Thierleben 1869 (ETH-Bibliothek, Rar 30518: 6)

Maulwurfsgrillen bilden eine eigene Familie, die Gryllotalpidae, und haben mit Ausnahme der Antarktis alle Kontinente besiedelt. In der Schweiz kommt nur die Europäische Maulwurfsgrille Gryllotalpa gryllotalpa vor. Im Erdreich legen die Tiere ausgedehnte Gangsysteme an und jagen unterirdisch Insekten und deren Larven. Gerne knabbern sie auch an Wurzeln verschiedener Pflanzen herum, insbesondere wenn diese ihrem Tunnelbau im Wege stehen. Freunde machten sie sich damit unter Gärtnern und Bauern nicht, die dem lästigen Herumgewühle mit Chlordan und anderen Kontaktinsektiziden ein Ende setzten. Das potente Gift ist mittlerweile aus der Landwirtschaft verschwunden, die Maulwurfsgrillen aber auch. In vielen Ländern stehen sie heute auf der Roten Liste und werden als stark gefährdet eingestuft.

Dreidimensionales Modell einer Maulwurfsgrille, für die Animation bitte in das Bild klicken (Daniel Boschung, Art and Face Cartographer, Zürich; www.robophot.com)

Findet man trotzdem mal eine Maulwurfsgrille, irritiert und fasziniert das Insekt. So auch den Zürcher Fotografen Daniel Boschung, der bekannt ist für seine Portraitaufnahmen, die er mittels einer auf einen industriellen Roboter montierten Kamera ausführen lässt. Für die Entomologische Sammlung der ETH Zürich setzte er eine im Garten gefundene Maulwurfsgrille in seine Apparatur und erstellte in einem als Photogrammetrie bezeichneten Verfahren ein dreidimensionales Abbild. Aus den 5’000 aufgenommenen Bildern wurden acht Millionen Referenzpunkte errechnet und zu einem Modell zusammengesetzt, das sich drehen, vergrössern und rundherum betrachten lässt. Ganz schön viel Prominenz für einen ehemals geächteten Schädling, kann man sagen.

Maulwurfsgrillen sind in der Tat faszinierende Lebewesen und verdienen unsere Aufmerksamkeit. So sind beispielsweise Forscher daran, die Wehrsekrete der Werren auf eine medizinische Nutzung hin zu untersuchen – mit ersten positiven Resultaten bei der Wundheilung. Maulwurfsgrillen können fliegen, schwimmen und verständigen sich mit stridulierenden Gesängen und Warnlauten. Vita brevis, entomologia longa …

Im Antwortschreiben erhielt auch die Fragestellerin anekdotisch ein paar Informationen zu ihrem Garagenbesucher. Am nächsten Tag kommentierte sie: „Funnily enough it looked quite disgusting yesterday without knowing what it was but now I find it cute. Another funny thing is that it often appears in old Japanese children’s songs but I had never seen it before.“

 

Literatur:

Brehm A.E. (1869): Illustrirtes Thierleben. 6. Band. Verlag des Bibliographischen Instituts, Hildburghausen.

Zimmer M.M., Frank J., Barker J.H. & Becker H. (2006) Effect of extracts from the Chinese and European mole cricket on wound epithelialization and neovascularization: in vivo studies in the hairless mouse ear wound model. Wound Repair and Regeneration 14: 142–151.

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