Carl Gustav Jungs Briefe an Freud revisited

Wertvolles Briefmaterial aus der Frühzeit der psychoanalytischen Bewegung online

Beide Briefpartner sind Koryphäen und ihre Bedeutung für die klinische Psychologie ist enorm. Die Rede ist vom Begründer der analytischen Psychologie, Carl Gustav Jung, und von Sigmund Freud, dem Vater der Psychoanalyse. Sie standen ab 1906 sieben Jahre in persönlichem und wissenschaftlichem Austausch. Bis es 1914 zum Bruch kam.

Carl Gustav Jung (1875-1961) an Sigmund Freud (1856-1939), Brief vom 18.7.1912 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1056:31075)

Im Original zugänglich

Dank der Digitalisierung der im Original im Hochschularchiv der ETH Zürich liegenden Briefe von Carl Gustav Jung an den anfänglich väterlichen Freund und späteren Kontrahenten Sigmund Freud kann Rede und Gegenrede der beiden Psychiater, spannungsgeladener Elan und nüchterne Entzauberung, ereignisbezogener Austausch und fachliche Bewertung neu im Netz nachgelesen werden. Dafür sorgt die online- Veröffentlichung von über 190 handschriftlichen Briefen aus der Feder Carl Gustav Jungs aus dem wissenschaftlichen Nachlass auf e-manuscripta.ch. Das Hochschularchiv kann damit in Absprache mit der Stiftung der Werke von C.G. Jung die bereits im Frühjahr 2017 erfolgte Aufschaltung der Archivdaten der wissenschaftlichen Korrespondenz Jungs weiter ergänzen und direkt Zugang zum Inhalt der viel beachteten Briefe schaffen. Dieser Ausbau knüpft gleichzeitig an die Initiative an, welche die Library of Congress in Washington dieses Jahr mit der Digitalisierung der Freud-Briefe ergriffen hat.

Eine andere Generation

Die Zeugnisse des fruchtbaren und zugleich schwierigen Gesprächs der beiden Psychiater wurden bereits 1974 ediert und als amerikanische Ausgabe bei Princeton University Press sowie deutsch im S. Fischer-Verlag herausgegeben. Auf ausdrücklichen Wunsch der beiden Söhne wurden die Briefe als historische Dokumente behandelt.

Es ist nicht zu übersehen, dass die Briefe, die nun Original für Original auf der Plattform der handschriftlichen Quellen eingesehen werden können, bereits eine längere Editions- und Bestandesgeschichte haben. Trotz wechselvoller Weltgeschichte, persönlichem Bruch der Kontrahenten und späterer Bewertung durch Jung als unmittelbar wenig relevant, offenbart die Überlieferung aber eine der Wissenschaft willkommene Beständigkeit.

Für die Nachwelt im Archiv

Die Briefe Carl Gustav Jungs sind als Teil der hinterlassenen Papiere von Sigmund Freud bei Freuds Materialien zurückgelegt und für später aufgehoben worden. Archiviert sind die Briefe jedoch heute im Nachlass von Carl Gustav Jung. Sie werden somit der Nachwelt im Nachlass des Verfassers überliefert und nicht wie üblich beim Briefempfänger Sigmund Freud, der eine ausgedehnte Gelehrtenkorrespondenz pflegte und dessen Gesamtnachlass ebenfalls archiviert ist. Ursprünglich wurde die Korrespondenz an Freud nach Briefverfasser chronologisch geordnet in Aktenschränken in seinem Arbeitszimmer in Wien aufbewahrt. Dem Konvolut der Jung-Briefe hatte Freud „auch einige Kongressprogramme und Zirkulare an die Ortsgruppen“ beigefügt sowie mehrere Briefe von Jung an Sandor Ferenczi, die dieser Freud übergeben hatte. Ein viel späterer Brief C.G. Jungs, der 1923 die Frage eines nach Wien wechselnden Patienten behandelte, wurde ebenfalls in diese Mappe gelegt. Die Umstände der Flucht Freuds 1938 aus Wien nach London prägten die weitere Überlieferungssituation und damit die Geschichte der hier veröffentlichten Briefe. Die Papiere, die 1938 im Hause Freuds in London eingeräumt wurden, fanden Platz, aber nicht immer konnte ihre historische Einordnung beibehalten werden. So galten die Briefe von C.G. Jung an Sigmund Freud länger als verloren, wurden jedoch 1954 von der Tochter Anna Freud aufgefunden. 1969 kam es im Zug verschiedener Editionsvorhaben zum Vorschlag, die Briefe und Gegenbriefe zwischen den Familien Freud und Jung zu tauschen.

Der Herausgeber des Briefwechsels Freud-Jung, William McGuire, schildert in seiner Einleitung zur Edition von 1974 Umstände und genauen Hergang. Im Februar 1970 flog Franz Jung mit den Originalen der Freud-Briefe nach England und besuchte den Sohn von Sigmund Freud. Ernst Freud und Franz Jung tauschten während der Unterredung die Briefe ihrer Väter aus und unterhielten sich über editorische Rahmenbedingungen bei einer Publikation. Damit kamen die Jung-Briefe in die Schweiz und befanden sich anschliessend in der Obhut des C.G. Jung-Instituts. Das umfassende Arbeitsarchiv von C.G. Jung gelangte 1977 von der Erbengemeinschaft C.G. Jungs an die ETH-Bibliothek. 1998 musste das C.G. Jung-Institut die Jung-Briefe veräussern. Sie wurden von der ETH Zürich angekauft und dem Bestand des bereits bestehenden C.G. Jung Arbeitsarchivs angegliedert.

Über die Beziehungsgeschichte hinaus

Ein ganzes Zeitalter wurde durch die psychoanalytische Bewegung stark beeinflusst. Die online-Publikation des Hochschularchivs bietet eine gute Gelegenheit, die Briefe erstmalig oder von neuem zu studieren und wissenschaftlich auszuwerten.

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