Wie ein Zahnarzt mit eiserner Hand Medizingeschichte schrieb

Als Anfang des 19. Jahrhunderts im kriegsversehrten Europa die Nachfrage nach Prothesen massiv anstieg, entwickelte Pierre Ballif (1775-1831), Leibzahnarzt des Königs von Preussen in Berlin, eine neuartige Technik und schuf damit die Grundlage für die weitere Entwicklung von künstlichen Ersatzgliedern.

Die damals nach den Koalitionskriegen existierenden Handprothesen hatten einen grossen Nachteil. Sie waren nur mit Hilfe der noch vorhandenen gesunden Hand bedienbar. Bekannt sind die Prothesen von Ritter Götz von Berlichingen, die im Schlossmuseum der Götzenburg ausgestellt sind. Das ältere Modell besteht aus zwei beweglichen Fingerblöcken und einem Daumen. Die jüngere, wesentlich komplexere und berühmtere Handprothese erlaubte die Bewegung aller drei Glieder  der Finger. Mechanisch handelt es sich um eine Konstruktion bestehend aus Federn und Darmsaiten. Die Arretierung der beweglichen Teile übernehmen Sperrklinken. Die ursprüngliche Position der Hand konnte auf Knopfdruck wiederhergestellt werden.

Nach Vorbild dieser Prothesen konstruierte Ballif 1812 als Erster eine künstliche Hand, welche allein durch die Muskeln des versehrten Arms benutzt werden konnte:

„La main est susceptible de se mouvoir à volonté, sans le secours de l’autre main; elle peut prendre un verre sur la table, le porter à la bouche et le reposer sur la table sans éffort, avec la même facilité que peut le faire une main naturelle […]“.  Préface, [S. 11]

Die Innovation Ballifs ist ein komplexes System aus Federn und Zugschnüren, die über Oberarm und Schulter mit einem Brustgurt verbunden sind. Mit der Streckbewegung des Arms liess sich die Hand kontrollieren (vgl. Pl. III, Fig. 3).

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Auch wenn Ballifs Konstruktion ein sehr bedeutender Fortschritt darstellte und die Grundlage für die weitere Entwicklung von Prothesen war, blieb sie nicht ohne Kritik. Hermann Eduard Fritze bemängelte die unnatürlich anmutende geschlossene Faust im passiven Zustand, der dadurch bedrohliche Anblick und vor allem die geringere Greifkraft gegenüber einem System, in welchem die Muskelkraft für das Schliessen der Finger benutzt werden könnte.

Es war 1836, als die Berliner Instrumentenmacherin Margarethe Karoline Eichler Ballifs Technik in diese Richtung weiterentwickelte. Die Streckbewegung des Arms führte zu einer geschlossenen Faust und damit zu einer leistungsfähigeren Prothese. Ballif aber schuf die erste Prothese, die sich ohne Weiteres nur mit den Muskeln des amputierten Arms bewegen liess und schrieb mit dieser eisernen Hand Geschichte. Wer nun auch noch Ballifs Beinprothese studieren mag, ist herzlich eingeladen, das Werk online in e-rara.ch anzuschauen.

 

Literatur:

Ballif, Pierre: Description d’une main et d’une jambe artificielles. Berlin: [s.n.], 1818, http://dx.doi.org/10.3931/e-rara-56382

Karpa, Martin Friedrich: Die Geschichte der Armprothese unter besonderer Berücksichtigung der Leistung von Ferdinand Sauerbruch (1875-1951). Dissertation, Ruhr-Universität Bochum, 2004, S. 21-23

Fritze, Hermnn Eduard: Arthroplastik, oder, die sämmtlichen, bisher bekannt gewordenen künstlichen Hände und Füsse, Ersatz dieser verloren gegangenen Gliedmassen (…). Lemgo, Verlag der Meyer’schen Hof-Buchhandlung, 1842, S. 24-27

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