Nachhaltiger Tourismus für die Schweizer Alpenregion?

Massentourismus in den Schweizer Alpen war schon 1958 für Hans Magnus Enzensberger eine grauenvolle Vorstellung. In seinem berühmten und oft kritisierten Aufsatz „Vergebliche Brandung der Ferne, Eine Theorie des Tourismus“ schreibt er:

Am deutlichsten wurde mir die zerstörerische Kraft des Tourismus im oberen Engadin, dieser herrlich gelungenen Verschmelzung des Mediterranen und Polaren, diesem in Lärchen-Zartheit geglückten Ausgleich von Schwermut und Heiterkeit, von heroischem Schwung und stolzer Reinheit. Die Luft wird von der Kloake St. Moritz verpestet, und das Auge wird beleidigt durch die nach Maloja sich ohne Unterbrechung hinziehende Kette von Komfort-Fabriken … (S. 704).

St. Moritz im Winter

Comet Photo AG: St. Moritz im Winter, 1963 (Com_C16-100-001-007)

Die Alpen gelten als Wiege des Fremdenverkehrs und sind seit 200 Jahren gesellschaftlich und wirtschaftlich auch durch den Tourismus geprägt. Der Alpentourismus durchlief alle Epochen, von der frühen Alpenbegeisterung und dem Bergsteigertourismus des 18. Und 19. Jahrhunderts, über den insbesondere mit dem Wintersport Einzug haltenden Massentourismus des 20. Jahrhunderts bis zu den seit einigen Jahrzehnten populären ökologischen Formen des Tourismus. Heute sind in den Alpen eine steigende Nachfrage nach naturnahen Angeboten und ein Trend zum naturnahen Tourismus festzustellen (Gessner et al., S. 14).

Naturnaher Tourismus ist eine auf die besonderen Gegebenheiten und Entwicklungen des Alpentourismus angepasste Abwandlung des Ökotourismus und eine Ausprägung des nachhaltigen Tourismus. Die Kriterien beinhalten eine schonende Nutzung von Natur- und Kulturlandschaften sowie Ressourcen, eine Sensibilisierung der Gäste für die Umwelt und ein Beitragen der Gäste zur regionalen Wertschöpfung. Gessner et al. sehen bei alledem sehr wohl die ökologische Problematik des naturnahen Tourismus:

Allerdings bringt das Wachstum des naturnahen Tourismus auch Risiken für die alpine Fauna und Flora und für die intakten Landschaften mit sich. Gerade mit den populären Natursportarten und anderen Outdooraktivitäten dringt der Mensch immer tiefer und intensiver in bisher kaum oder gar nicht erschlossene Gebirgsräume ein. […] Mancherorts hat die ungelenkte Ausübung solcher Aktivitäten zur Folge, dass neue Belastungen für die störungsanfällige alpine Umwelt entstehen, so etwa im Bergwald oder in den Feuchtgebieten (S. 16).

Gletscherboden des Rhonegletschers

Hans Gerber: Touristen beim Rhonegletscher, 1963 (Com_C12-124-002-002)

Die neuen Formen von Tourismus verfügen trotz ihrer mehr oder minder starken Naturorientierung nicht zwingend über eine starke Nachhaltigkeit, vor allem dann nicht, wenn die Anreise aus der Ferne erfolgt (Gessner et al. S. 21). Man wird zudem das Gefühl nicht los, dass es sich um alten Wein in neuen Schläuchen handelt, und sich die Lösungsvorschläge zum Problem im Kreis bewegen. Es werden neue Angebote geschaffen, so dass wir den alten (z.B. dem Massentourismus) entfliehen können. Dadurch wird die Entwicklung aber gleichzeitig weiter angekurbelt. Ist das bisher Unberührte einmal berührt, wird etwas neues Unberührtes gesucht und so geht das Spiel weiter. Mit den Worten von Michael Stuhrenberg: „Wir bringen systematisch um, was wir lieben, und verpacken unseren Wahnsinn in diskursive Vernunft“. Der einzige Ausweg aus dem Dilemma ist die Verweigerung, also das Zuhausebleiben, wie es der Schweizer Architekt und Publizist Benedikt Loderer vorschlägt.

Literatur

Enzensberger, Hans Magnus: „Vergebliche Brandung der Ferne, Eine Theorie des Tourismus“, in: Merkur, August 1958, 12. Jahrgang, Heft 126, S. 701-720.

Gessner, Susanne; Ketterer Bonnelame, Lea; Siegrist, Dominik: Naturnaher Tourismus: Qualitätsstandards für sanftes Reisen in den Alpen, Bern: Haupt, 2015

Stuhrenberg, Michael: „Die Zukunft des Tourismus: Wir zerstören, was wir begehren“, in: Neue Zürcher Zeitung, 17. Dezember 2016, S. 14.

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