Lebenswende in Arosa – Thomas Manns erste Tage im Exil

Thomas und Katia Mann entschieden sich während ihrer Ferien in Arosa im März 1933, ins Exil zu gehen. Thomas Mann durchlitt in dieser Zeit eine tiefe Lebenskrise, wie die Tagebücher belegen. Die Schicksalstage der Manns werden im Dokumentarfilm von Thomas Gull und Stephan Läuppi «Deutschland Adieu!» beleuchtet. Der Film wird am 31. März im Rahmen des Themenabends des Thomas-Mann-Archivs und der Thomas Mann Gesellschaft Zürich «Thomas Manns Weg ins Exil» gezeigt.

Als Katia und Thomas Mann am 24. Februar 1933 im Aroser Waldhotel eintrafen, ahnten sie noch nicht, dass sich in den kommenden Tagen ihr Leben grundlegend verändern würde.  Sie hatten die Absicht, hier ein paar Wochen Winterferien zu verbringen und dann nach München zurückzukehren. Thomas Mann hatte gerade mit seinem Vortrag «Leiden und Grösse Richard Wagners» eine triumphale Europa-Tournee absolviert. Er sprach allerorts – wie etwa im Auditorium Maximum der Münchner Universität – unter dem «herzlichen Beifall» der Hörerschaft und ohne den «leisesten Widerdspruch zu erfahren», wie er später festhielt. Richard Wagner war eines der grossen künstlerischen Idole Thomas Manns, das er in seinem Vortrag wohlwollend-kritisch würdigte.

Reinste Himmelsbläue

Nun wollten die Manns die Wintertage geniessen und bei «reinster Himmelsbläue» spazieren – Thomas – oder Skifahren – Katia und Tochter Elisabeth.  Die Manns  waren Stammgäste im Waldhotel. Sie verbrachten mindestens achtmal längere Ferien in Arosa. 1914 und 1926 war Katia Mann im Waldsanatorium, dem späteren Waldhotel, zur Kur. Das Waldhotel ist auch in den «Zauberberg» eingeflossen. Der Roman spielt in Davos, doch der Speisesaal, in dem sich Hans Castorp und Madame Chauchat treffen, ist jener des damaligen Waldsanatoriums, den Mann detailreich beschreibt.

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Der Herr zu Fuss, die Damen mit Skiern: Thomas, Katia und Elisabeth Mann 1931 in den Winterferien (hier in St. Moritz). Bild: ETH-Bibliothek Zürich, Thomas-Mann-Archiv/Fotograf: Heinz Niedecken.

Doch diesmal wurde nichts aus dem geruhsamen Ausspannen, denn die politische Lage in Deutschland  veränderte sich dramatisch: Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 schaffen die Nationalsozialisten innerhalb von wenigen Wochen die demokratischen Institutionen ab. Am 27. Februar, kurz nach Ankunft der Manns in Arosa, brennt der Reichstag in Berlin. Ein weiterer Vorwand, um gegen Andersdenkende zu hetzen und sie zu verhaften. Auch in München ergreifen die Nationalsozialisten die Macht.

Hitler hat auf den 5. März 1933 Wahlen angesetzt. Sie stehen im Zeichen des Naziterrors. Katia Mann erinnert sich, wie die Gäste des Waldhotels vor dem Radio versammelt waren, um die Nachrichten über den Ausgang zu hören: «Ich sass mit meiner Tochter Medi (Elisabeth) vor dem Apparat und sagte immer: Es ist doch überhaupt lächerlich! Das sind doch gar keine freien Wahlen! Die Opposition haben sie ja zum grössten Teil eingesperrt. Was soll denn das? Da sagte jemand: Aber gnädige Frau, nehmen Sie sich doch in acht!»

Mitte März kommt Erika, Thomas Manns zweite Lieblingstochter, nach Arosa, begleitet von Therese Giehse. Das freut den Vater. Doch Erika bringt schlechte Nachrichten – eine Rückkehr nach München scheint für Thomas und Katia Mann im Moment nicht möglich.

Das Leben auf eine neue Basis stellen

Die Ereignisse stürzen Thomas Mann in eine tiefe Krise, die sich in seinen Tagebucheinträgen spiegelt. Am 15. März 1933 notiert er:

«Der Charakter dieser Erregung, die neulich nachts, als ich zu K. (Katia) meine Zuflucht nahm, zu einer heftigen Krisis führte, beweist, dass es sich dabei um Schmerzen der Trennung von einem altgewohnten Zustand handelt, um die Erkenntnis, dass eine Lebensepoche abgeschlossen ist, und dass es gilt, mein Dasein auf eine neue Basis zu stellen: eine Notwendigkeit, die ich, entgegen der Versteiftheit meiner 58 Jahre, geistig gut heisse und bejahe.»

Statt die Ferien in Arosa mit Skifahren und Spaziergängen verbringen zu können, müssen sich die Manns plötzlich existenzielle Fragen stellen: Können wir überhaupt nach Deutschland zurückkehren? Wenn nicht, was bedeutet das für uns, unsere Kinder, unser Hab und Gut? Und wohin soll man sich wenden: nach Seefeld in Österreich? Zu unsicher. Nach Zürich? Vielleicht. Ins Tessin, wo der Freund Hermann Hesse in Montagnola lebt?

Die Tage in Arosa sind die ersten Tage der Manns im Exil.  Es ist die Konsequenz der Entwicklung von Thomas Manns politischen Ansichten. Noch im Ersten Weltkrieg war er einer der herausragenden Exponenten der deutschen Kriegsbegeisterung. Wie viele andere Intellektuelle erhoffte er sich vom Krieg die Befreiung von der Dekadenz der Zeit.  Nach Kriegsende galt der Verfasser der «Betrachtungen eines Unpolitischen» zunächst als Vertreter der konservativen Revolution. Mit seinem Bruder Heinrich, der entschieden gegen den Krieg war, hatte er sich überworfen.

«Hakenkreuz-Unfug»

In den 1920er-Jahren entwickelte sich Thomas Mann zu einem der wichtigsten Fürsprecher der Demokratie und der Weimarer-Republik. Er war einer der frühen Kritiker des Nationalsozialismus, den er bereits 1921 als «Hakenkreuz-Unfug» bezeichnete. In der «Deutschen Ansprache», gehalten 1930 in Berlin, kurz nachdem die NSDAP in den Reichstagswahlen ihren ersten grossen Erfolg gefeiert hatte, warnte er ausdrücklich vor den Nationalsozialisten und plädierte für einen Schulterschluss von Bürgertum und Sozialdemokratie gegen eine in jeder Hinsicht «ruinöse Pöbelherrschaft». Der Vortrag wurde von SA-Tumulten begleitet. Spätestens seit diesem Moment war Thomas Mann ein erklärter Gegner der NSDAP. Dafür musste er büssen, als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen. Innert weniger Wochen wurde der Nobelpreisträger vom beklatschten deutschen Grossschriftsteller zum Staatsfeind.

Die Ereignisse in Deutschland bestätigten ihn in seinem Urteil. Der Nationalsozialismus war «schlimmster Bolschewismus, unter dem deutschen Gesichtspunkt gesehen, vom russischen aber unterschieden durch den Mangel jeder Idee», wie er in seinem Tagebuch am 17. März 1933 festhielt.

Am gleichen Tag notierte Thomas Mann, wie es weitergehen solle: «Im Laufe des gestrigen Tages wurden die Pläne ergänzt und vorläufig festgelegt. Feist mit der Besorgung meines ablaufenden Passes, dem Transport meines Pelzes u. Verhandlungen wegen Überstellung von Geld in die Schweiz beauftragt.» Und es galt, Abschied zu nehmen: «Wir tranken zum letzten Mal Thee im Old India zusammen mit Eri und Medi. Einpacken von Papier- und Toiletten-Waren. Zu Hause die Koffer wieder gepackt. Besprechung über Dauer-Wohnsitz in Locarno oder Zürich.»

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Das Café-Tea-Room Old India im House Künzle, wo Thomas Mann gerne die Nachmittage bei Tee und Zeitungslektüre verbrachte. Bild: Heimatmuseum und Kulturarchiv Arosa-Schanfigg.

Wenig später wird in München öffentlich zum Halali auf Thomas Mann geblasen, auf perfide Weise: Sein Wagner-Vortrag, der eben noch vom Münchner Publikum beklatscht worden war, wird im April 1933 in einem Pamphlet unter dem Titel «Protest der Richard-Wagner-Stadt München», unterzeichnet von 45 Persönlichkeiten des Münchner Kulturlebens, scharf kritisiert. Thomas Mann wird als politisch «unzuverlässiger» und «unsachverständiger» Snob tituliert, der mit «überheblicher Geschwollenheit» Wagner herabsetze.

Der Autor der «Buddenbrooks» war in Deutschland nicht mehr erwünscht. Wie man heute weiss, bestanden Pläne, ihn bei einer Rückkehr in «Schutzhaft» zu nehmen und wie andere politische Gefangene im Konzentrationslager Dachau zu inhaftieren.

Nach einer kurzen Odyssee, die sie auch nach Frankreich bringt, leben Thomas und Katia Mann bis 1938 in der Schweiz, in Küsnacht bei Zürich. 1936 nimmt Thomas Mann die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft an und wird kurz darauf von Deutschland ausgebürgert. 1938 emigriert die Familie in die USA. Nach dem Krieg besucht er ein paarmal Deutschland, um Vorträge zu halten und Ehrungen entgegenzunehmen. Doch das zerrüttete Verhältnis zu seiner Heimat ist nicht mehr zu kitten. Als Thomas Mann schliesslich 1952 nach Europa zurückkehrt, wählt er erneut die Schweiz als Wohnsitz. Hier, in Kilchberg am Zürichsee, stirbt er 1955 80jährig. Thomas Gull

Veranstaltungshinweis

Der Film «Deutschland Adieu!» wird in Zürich im Rahmen der Veranstaltung des Thomas-Mann-Archivs und der Thomas Mann Gesellschaft Zürich «Thomas Manns Weg ins Exil» gezeigt. Anschliessend Diskussion mit Prof. Ursula Amrein, Dr. Katrin Bedenig (Leiterin Thomas-Mann-Archiv ETH Zürich) und Thomas Gull.
Freitag, 31. März 2017, 18:00, ETH Hauptgebäude, Raum E22

Die Lebenswenden von Erwin Schrödinger und Thomas Mann in Arosa werden in einer Ausstellung im Heimatmuseum Arosa-Schanfigg (bis 20. Oktober 2017) und in den beiden Dokumentarfilmen von Thomas Gull und Stephan Läuppi «Deutschland Adieu!» und «Eros & Atome» thematisiert.

 

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