Die Materialsammlung der ETH Zürich. Historische Spuren

Die Materialsammlung der ETH Zürich wurde 2010 ins Leben gerufen und ist damit vergleichsweise jung. Ihre Wurzeln reichen allerdings bis zur Gründung der Hochschule ins Jahr 1855 zurück, denn: «Der Gründungsbau des Zürcher Polytechnikums [war] ein Sammlungsbau.»[1]

Eine dieser zahlreichen Sammlungen – darunter die Archäologische, die Zoologische, die Mineralogische, die Entomologische, die Mineralogisch-Petrographische, die Geologische, die Botanische und die der Kupferstiche – war die Baumaterialiensammlung der Bauschule.[2]

Semper Plan Hauptgebaeude ETH

Gottfried Semper: Hauptgebäude des Eidgenössischen Polytechnikums, Erdgeschoss, 1858, rot markiert die sogenannte Handsammlung der Bauschule (gta-Archiv / ETH-Zürich, Gottfried Semper, 20-0300-48)

Physische Relikte oder erläuternde schriftliche Dokumente zu dieser «Ur-Sammlung» haben sich leider nicht erhalten. In einem Führer durch die Abteilungen der ETH von 1930 wird die «Sammlung der hauptsächlichsten Baustoffe Holz, Stein, Eisen, zweitens die Sammlung der Baustoffprüfungen, und drittens die Ausstellung neuer Baustoffe und Bauweisen [sowie Bauprojekten]» als etablierter Bestandteil der Bauschule genannt.[3]

Als Dr. Karl Hofacker am 23. März 1942 auf die Professur für Baustatik, Hoch- und Tiefbau an der Abteilung für Architektur berufen wird, womit offenbar die «Leitung der Sammlung von Baumaterialien» verknüpft war, teilt dieser postwendend in einem Schreiben vom 27. März mit: «Es wird mir eine Freude sein, die Bausamm[l]ung sowie die beiden andern Sammlungen zu leiten und dafür besorgt zu sein, dass sie sich stets den Anforderungen des Unterrichts und der Entwicklung des Hochbaus anpassen.»[4] In den folgenden Jahren bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1967 sollte Prof. Hofacker unter anderem das im Curriculum der Abteilung für Architektur fest verankerte Fach Baumaterialienkunde unterrichten und so die Verknüpfung von Bausammlung und Lehre gewährleisten.

Ein von Hans Hofmann gezeichneter Plan des Erdgeschosses des Hauptgebäudes aus dem Jahr 1943 – es handelt sich um eine «Beilage zu einem Gutachten über die Möglichkeiten der Raumgewinnung im Hauptgebäude der E. T. H.» – gibt einen Hinweis auf die damalige Ordnung und inhaltliche Gewichtung der Baumaterialiensammlung:

Hofmann Plan

Hans Hofmann: E. T. H., Raumgewinnung, Hauptgebäude, Erdgeschoss, Plan No. 9, 28.12.1943 (gta-Archiv / ETH-Zürich, Hans Hofmann, 32-066-7)

Hofmann sah vor, die bei Gründung der Hochschule noch auf einen Raum in der Bauschule konzentrierte, mittlerweile stark erweiterte und aktualisierte Sammlung auf die Wände (und Böden!) der zentralen Korridore des Erdgeschosses auszubreiten. So sollten zum Beispiel im westlichen Korridor die hölzernen Baumaterialien (Bodenbeläge, Decken und Wandverkleidungen) ausgestellt werden.

Hofmann Ansicht

Hans Hofmann: E. T. H., Raumgewinnung, Bausammlung, Holz, im westl. Korridor (gta-Archiv / ETH-Zürich, Hans Hofmann, 32-066-16)

Die Versuchsstrecke für Bodenbeläge im nördlichen Korridor war vermutlich geplant, um die Beständigkeit der Materialien erforschen zu können sowie Besuchern und Studenten die Möglichkeit zu geben, die Sammlung sprichwörtlich zu begehen. In weiteren Fluren sah Hofmann die Präsentation von Natur- und Kunststeinen, Keramik, Plastik, Mauerverkleidungen, Glasbeton, Kork- Gummi- und Linolbelägen, Backsteinen, Geländern und Schlosserarbeiten vor, ergänzt durch Bilder und Baupläne, Architekturmodelle sowie Fotos von herausragenden Bauwerken.

Der Vorschlag wurde nie realisiert. Doch vielleicht war Prof. Dr. Karl Hofacker durch diesen Entwurf inspiriert, wenn er in einem Schreiben vom 10. September 1960 dem Präsidenten der ETH folgenden Vorschlag unterbreitete: Eine umfangreiche Steinplatten-Sammlung, die der Verband der Schweizerischen Bildhauer- und Steinmetzmeister temporär in der Ganghalle ausgestellt hatte und der Bausammlung vermachen wollte, sollte staffelförmig an den Wänden des Treppenhauses der Diensttreppe neben der Bibliothek angebracht werden.[5] Zeitzeugen berichten, dass dieser Vorschlag tatsächlich realisiert wurde.

Die Steinplatten wurden beim Auszug der Architekturschule aus dem Hauptgebäude der ETH Zürich im Jahr 1968 nicht mitgenommen, ihren Erhalt verdanken wir der Erdwissenschaftlichen Sammlung, die sich damals ihrer annahm: Es handelt sich um 136 Natursteinplatten verschiedenster Steinsorten in zahlreichen Oberflächenbearbeitungen aus der Schweiz und Deutschland in den Massen 35 x 50 cm.

Materialsammlung ETH mit Natursteinplatten

Blick in die Materialsammlung der ETH Zürich, im Vordergrund eine Platte aus hellem Castione-Marmor mit gespitzter Oberfläche (Materialsammlung ETH Zürich, Foto: Anas Honeiny)

Zur Zeit werden sie in der Materialsammlung auf dem Hönggerberg ausgestellt, wo sie die im Aufbau befindliche Materialgruppe Naturstein bereichern und zugleich auf die hier nur bruchstückhaft skizzierte, lange Geschichte der Baumaterialiensammlung der ETH Zürich verweisen.

 

[1] Uta Hassler/Christine Wilkening-Aumann: «“den Unterricht durch Anschauung fördern“: Das Polytechnikum als Sammlungshaus», in: Kategorien des Wissens. Die Sammlung als epistemisches Objekt, hrsg. v. Uta Hassler und Thorsten Meyer, Zürich 2014, S. 75.

[2] Ebenda, S. 75/76.

[3] Professorenkollegium der ETH Zürich (Hrsg.): Die Eidgenössische Technische Hochschule. Ein Führer durch ihre Abteilungen und Institute. Zürich 1930, S. 74.

[4] ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1942, Reg. 231.141. Dr. Karl Hofacker an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrates, Prof. Dr. A. Rohn.

[5] ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, SR3: 1960, Reg. 139.8566. Prof. Dr. Karl Hofacker an den Präsidenten des Schweizerischen Schulrates, Prof. Dr. H. Pallmann.

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