Die Grazien im Hauptgebäude der ETH Zürich

Der Drei Grazien-Brunnen im Zentrum der Eingangshalle zur Rämistrasse ist den meisten Besuchern und Benutzern des Hauptgebäudes bekannt. Oft wird er als Treffpunkt ausgewählt. Er ist ein beliebtes Fotosujet und viele bleiben vor ihm stehen, doch die Geschichte hinter diesem Brunnen ist den Wenigsten bekannt.

Das Werk des Bildhauers Eduard Zimmermann aus dem Jahr 1921 erzählt von einem jung verstorbenen Menschen, im Profil innerhalb eines Medaillon zwischen seinem Geburts- und Todesdatum (11 OCTOBER 1885 – 17 MÄRZ 1919) dargestellt.

Drei Grazien-Brunnen

Drei Grazien-Brunnen, Eduard Zimmermann, 1921, Detail Inschrift, Ansicht von Osten (Ki_00019-01)

Walter Gnehm (IN MEMORIAM DR. IUR. HCH WALTER GNEHM, Inschrift um der Säule) ist dieses Denkmal gewidmet und der ETH Zürich von seinem Vater gestiftet worden, dem Schulratspräsident Robert Gnehm. Es war unter seiner Amtszeit, als 1914 der Erweiterungsbau des ersten Hochschulgebäudes in Angriff genommen wurde und damit der Bau der Eingangshalle, in deren Zentrum der Brunnen steht.

Drei Grazien-Brunnen

Drei Grazien-Brunnen, Eduard Zimmermann, 1921, Gesamtansicht von Nordosten (Ki_00019-02)

Den Namen geben dem Trinkwasserbrunnen die drei anmutenden bronzenen Gestalten, die als krönender Abschluss den Brunnen aus gelbem Solothurner Kalkstein zieren: die Grazien. Drei in der Zahl sind sie in der griechischen und römischen Mythologie die Göttinnen der Anmut (gr. Chariten, lat. gratiae).

Als Sinnbild jugendlicher Anmut und Lebensfreude symbolisieren sie den jungen mit 34 Jahren abgeschiedenen Geist. Anders als die klassische Ikonographie sie kennt (sie werden oft tanzend, sich umarmend und zueinander gewandt dargestellt), sind sie hier still und andächtig im Kreis nach aussen gewendet. Sie halten ihre Hände wie in einem Tanz, dieser Tanz ist aber ohne Bewegung, und ihr Antlitz scheint einer anderen Welt zu gehören. Sie sind nicht als reale Körper aufzufassen, sondern als etwas überirdisches, was zu der Botschaft dieses Denkmals passt.

Die Botschaft des Denkmals (in Memoriam) und die ikonographische Darstellung mit den drei Göttinnen verwandelt diesen Ort in einen Tempel, einen sakralen Ort oder gar einen Tempel der Wissenschaft. Die Wahl des ikonographischen Motives und der antikisierenden Formensprache findet seine Erklärung in der Kunstauffassung Eduard Zimmermanns, die ganz dem Klassizismus verbunden war. Das grosse Anliegen, seinen Figuren Ruhe und innere Ausgewogenheit zu verleihen, ist nicht nur in der Komposition der drei Körper zu erkennen. Auch die einzelnen Figuren sind in sich geschlossen und vollkommen. Die „grosse Ruhe der Geste“ wird in der Literatur als eines der grössten Geheimnisse der Plastik Zimmermanns gedeutet und seine Begeisterung für das Ebenmass und die Harmonie des Schönen in Ruhe und Bewegung wird in dieser Figurengruppe deutlich.

Drei Grazien-Brunnen

Drei Grazien-Brunnen, Eduard Zimmermann, 1921, Figurengruppe der Grazien, Ansicht von Südwesten (Ki_00019-06)

Trotz dessen wird hier das antike ikonographische Motiv der „3 Grazien“ bei allen formalen und kompositorischen Beziehungen zur Antike neu interpretiert: die Gruppe, eigentlich Symbol der Lebensfreude, ist die Krönung eines Denkmals für einen Toten. Die in der Regel tanzenden Figuren bewegen sich aber kaum und schauen nicht zueinander.

Der Brunnen und weitere Kunstwerke wurden in der ersten Kunstführung an der ETH Zürich am 30. Oktober 2016 im Rahmen der öffentlichen Abendführungen der ETH Zürich gezeigt. Informationen zu den weiteren Kunstführungen an der ETH Zürich sind dem Programm der öffentlichen Führungen der ETH Zürich 2017 zu entnehmen.

Im Laufe der 160-jährigen Geschichte der ETH Zürich sind um die 200 Kunstwerke gesammelt worden. Von den über 100 Objekten, die auf den Campussen der ETH Zürich öffentlich zugänglich sind, befinden sich 72 im Hauptgebäude.

Alle Kunstwerke wurden im Rahmen eines Projektes der ETH-Bibliothek neu inventarisiert und digitalisiert, so dass sie heute im Bildkatalog Kunstinventar in der Bilddatenbank der ETH Zürich, e-pics, online zugänglich sind.

 

Literatur:

Festschrift zum 75. Jährigen Bestehen der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich, Zürich: Kommissionsverlag Orell Füssli, 1930

Hess, Grete: Der Bildhauer Eduard Zimmermann 1872-1949, in: Beiträge zur Geschichte Nidwaldens, Heft 31, Stans: Verlag des Historischen Vereins Nidwalden, 1966

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