Ein Maschineningenieur und ein Medizinprofessor auf Pflanzenjagd

Die Vereinigten Herbarien der ETH und Universität Zürich hüten in ihren Sammlungen das botanische Lebenswerk von zwei grossen Pflanzenfreunden, dem SBB-Obermaschineningenieur Alfred Keller und dem Medizinprofessor Otto Naegeli. In ihrer raren Freizeit trugen die beiden Hobby-Botaniker über Jahrzehnte hinweg eine der umfangreichsten privaten Herbarsammlungen der Schweiz zusammen. Sie entstand zwischen 1891 und 1925 und besteht aus etwa 130‘000 gepressten und getrockneten einheimischen Pflanzen, die fein säuberlich auf Papierbogen geklebt und beschriftet sind.

Alfred Kellers Herz schlug für die Technik. Nach einem Maschinenbau-Studium am Polytechnikum wurde der Zürcher zuerst Lokomotivführer bei der Nordostbahn und danach Depotchef im Bahnhof Romanshorn, einer wichtigen Drehscheibe im internationalen Güterverkehr. Später arbeitete Keller als Obermaschineningenieur bei den SBB in Bern.

Abb1_NaeKell

Die „Firma“ Keller (links) und Naegeli, wie sich die Freunde selbst nannten, im Sommer 1916 auf der Schwarzenbergalp im Saastal

Im Frühling 1891 begann Alfred Keller mit dem Sammeln von Pflanzen, das ihn ein Leben lang faszinieren sollte. Der Graveur Jakob Hanhart aus Zürich, ein eifriger Hobby-Botaniker, soll ihn bei einer zufälligen Ferienbegegnung in Melchsee-Frutt mit seiner Begeisterung für die Pflanzenwelt angesteckt haben. Keller kam also relativ spät in seinem Leben, erst mit 41 Jahren, in Kontakt mit der Botanik. Dafür betrieb er sie nun umso eifriger. Er begann ein Herbarium anzulegen und führte ein Heft über seine Exkursionen. – Und wie vereinbarte Alfred Keller seine Liebe zu stählernen Lokomotiven mit derjenigen zu zarten Pflanzen? Nun, Bahntrassees sind bis heute wichtige Fundorte von seltenen Gewächsen. Und es brauchte die Präzision und Beharrlichkeit des Ingenieurs, um all die Pflanzennamen zu lernen und Tausende von Zeilen zu schreiben, um die Fundorte und -daten aufzulisten.

Begegnung in der Botanischen Gesellschaft

Ebenfalls 1891 wurde Alfred Keller Mitglied der Zürcherischen Botanischen Gesellschaft. Hier lernte er den jungen Ostschweizer Otto Naegeli kennen, der zum Medizinstudium nach Zürich gekommen war. Damit begann eine lebenslange Zusammenarbeit.

Otto Naegeli wollte ursprünglich Botaniker werden. Schon als 19-jähriger Gymnasiast veröffentlichte er zusammen mit einem Mitschüler seinen ersten botanischen Aufsatz, den „Beitrag zu einer Flora des Kantons Thurgau“ (1890). Dem Vater zuliebe studierte er dann doch Medizin. Naegeli wurde zu einer Autorität auf dem Gebiet der Hämatologie und der Tuberkulose-Forschung. Nach einer Professur in Tübingen übernahm er 1918 die Leitung der medizinischen Poliklinik am damaligen Kantonsspital Zürich, 1921 wurde er Direktor der medizinischen Klinik. Der Botanik widmete Otto Naegeli aber sein Leben lang die wenige freie Zeit, die er neben dem Beruf fand.

Sammelschwerpunkt im Walliser Saastal

Das Herbarium Naegeli/Keller hat zwei Schwerpunkte: den Kanton Zürich, wo Naegeli und zeitweise auch Keller wohnten, und das Walliser Saastal. Nach einem ersten Aufenthalt im Jahr 1899 verbrachte Alfred Keller mit seiner Familie zwischen 1907 und 1923 regelmässig die Sommerferien in Saas-Almagell. Der aussergewöhnliche Pflanzenreichtum der Region hatte es ihm angetan. Naegeli und Keller wollten die unterschiedlichen Wuchsformen der Pflanzen dokumentieren und sammelten jeweils mehrere Exemplare von einer Art. Zu jedem Pflänzchen fügte Keller das Datum der Aufsammlung, den genauen Fundort mit Höhenangabe und den Namen des Sammlers oder der Sammlerin bei. Nachdem Alfred Keller 1925 gestorben war, blieb das Herbarium bei Otto Naegeli. Dieser schenkte es der Universität Zürich, bevor er 1938 einer Tuberkulose erlag.

Abb2_Artemisia

Ausschnitt aus einem Bogen des Herbariums Naegeli/Keller mit Artemisia genipi. Die Ährige Edelraute ist eine typische Alpenpflanze und wird auch für den Kräuterlikör Génépi verwendet.

Dank einem vorwiegend von Drittmitteln gespeisten Forschungsprojekt kann das botanische Vermächtnis von Naegeli und Keller nun ausgewertet werden. Dafür werden alle Angaben zu den über 20‘000 im Wallis gesammelten Pflanzen, die Keller in alter deutscher Schrift aufgelistet hatte, in eine Datenbank übertragen. Für die heutige Forschung ist diese Sammlung ausserordentlich interessant. Die Daten ermöglichen Vergleiche mit dem Zustand von heute und geben Antworten auf die Frage, ob und wie sich die Flora im Saastal in den letzten 100 Jahren verändert hat. Mitarbeitende der Vereinigten Herbarien beteiligen sich deshalb unter Leitung von PD Dr. Reto Nyffeler auch an dem Projekt „Walliserflora“, das eine Erfassung aller heute im Kanton vorkommenden Pflanzen anstrebt. An beiden Projekten können interessierte Freiwillige mitwirken (Informationen s. unten).

Ein schweizweites botanisches Netzwerk

Die Sammellisten von Alfred Keller und weitere Unterlagen wie Briefe und Fotos geben einen Eindruck davon, wie die Ferienaufenthalte im Saastal damals abgelaufen sind. Die Daten ermöglichen die Rekonstruktion des Netzwerks der Sammler. Neben Freund Naegeli waren Botaniker aus der ganzen Schweiz mit Pflanzenfunden und Expertisen behilflich. Auch Karl Egli, Chemiker an der Kantonsschule Zürich, und seine Frau Hedy waren am Sammeln beteiligt. Und die beiden erwachsenen Töchter Else und Hanni haben den verwitweten Alfred Keller jeweils in die Ferien begleitet. Der SBB-Ingenieur scheint es besonders genossen zu haben, die Ferien an einem Ort zu verbringen, wo es keine Eisenbahn gab. Denn das Saastal war damals nur mit Maultieren oder zu Fuss erreichbar. Ein Dozent vom Institut für Tourismus der HES-SO Valais-Wallis ist am Projekt beteiligt und untersucht vor allem diese tourismushistorischen Aspekte.

Abb3_Freunde

Karl Egli und Alfred Keller (2. v. links, mit Botanisierbüchse) mit Verwandten auf einer Exkursion im Mattmarkgebiet

Die Resultate des Forschungsprojekts werden 2018 vorliegen. Mit einem Buch und einer Ausstellung im Saastal sollen sie danach der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Weiterführende Links:

Mitarbeit an der geografischen Auswertung der Saastal-Flora: www.herbarien.uzh.ch/hnk-saastal.

Mitarbeit am Projekt „Walliserflora“: www.floravs.ch

Das Herbarium Naegeli/Keller dient auch als historische Quelle für das Projekt „Flora des Kantons Zürich“ (FloZ): www.floz.zbg.ch

 

AutorInnen

One thought on “Ein Maschineningenieur und ein Medizinprofessor auf Pflanzenjagd

  • Sonntag, der 12. Februar 2017 at 18:06
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    Sehr bewundernswerte Typen, dieser Keller und sein Freund Naegeli!

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