Internationales Jahr des nachhaltigen Tourismus für Entwicklung 2017

Bereits im Jahr 2002 rief die UNO das internationale Jahr des Ökotourismus aus und erntete damit massive Kritik. 2017 ist nun zum „International Year of Sustainable Tourism for Development“ erkoren worden. Der nachhaltige Tourismus soll helfen, die globalen Nachhaltigkeitsziele der Agenda 2030 zu erreichen. Die wichtigste Frage bei diesem Vorhaben lautet wohl: Sind die Konzepte Tourismus und Nachhaltigkeit überhaupt vereinbar?

Afrika, Kongoreise

Jack Metzger: Kongoreise, November 1957 (Com_L06-0267-0019-0001)

Unscharfe Begriffe

Die Begriffe im Themenfeld Tourismus sind unscharf. Nachhaltiger Tourismus ist laut Wikipedia der Nachfolgebegriff für den seit Beginn der 1980er Jahre verwendeten Begriffs des „sanften Tourismus“. Dieser verstand sich als Gegenmodell zum Massentourismus und propagierte ein umwelt- und sozialverträgliches Reiseverhalten. Eine noch ausgeprägtere Form des nachhaltigen Tourismus ist der seit den 1960er Jahren in den USA entstandene Begriff des Ökotourismus. Er wird definiert als „responsible travel to natural areas that conserves the environment and improves the well-being of local people“ (Fletcher, S.8). Auch sanfter- oder Ökotourismus hat jedoch bei hohen Touristenzahlen negative Auswirkungen. Oftmals werden in abgelegenen Gebieten ausgedehnte Erschliessungen und Infrastrukturen angelegt, was neben Schäden in der Natur zu Belastungen für die indigene Bevölkerung und damit zu kulturellen Problemen führt:

It is precisely these more remote and pristine areas which ecotourists seek, that are extremely fragile and sensitive to human impact, however lightly they thread, and most vulnerable to cultural disruption and environmental degradation. Ecotourism’s impacts will be exacerbated by growing tourist flows encouraged by the tour companies‘ marketing activities and the insatiable demand of increasingly large numbers of tourists for getting off the beaten track. Getting «off the beaten track» often means that the track soon becomes a road, even a highway, thus disturbing and even destroying the very few undisturbed areas of the world. Through exploitation, dislocation and desecration, ecotourism is arguably the prime force today threatening indigenous homelands and cultures (Liu, S. 471).

Die Perspektive der Gastbevölkerung

Wenn Zenhua Liu hier die ansässige Bevölkerung in den Blick nimmt, lässt sich ein direkter Zusammenhang zwischen den tiefgreifenden Problemen der betroffenen Menschen und den heutigen Migrationsbewegungen erkennen. Es stellt sich die Frage, aus welcher Perspektive die Debatte um die Entwicklung des nachhaltigen Tourismus überhaupt geführt wird. Der Diskurs vollzieht sich mehrheitlich einseitig aus der Perspektive der westlichen kapitalistischen Akteure. So gesehen ist Tourismus, unter welcher Bezeichnung er auch immer propagiert und gefördert wird, eine Spielart von Kolonialismus. Sehr viel wünschenswerter als ein erneuter Anlauf zur Förderung von Tourismus gleich welcher Ausprägung, wäre somit eine vertiefte kritische Auseinandersetzung mit den Beziehungen zwischen Tourismus, Kolonialismus, Neokolonialismus und Migration. Diese Arbeit ist, wie Eric G.E. Zuelow bemerkt, erst noch zu leisten:

It is somewhat surprising, that, despite separate and growing literatures on tourism and empire, historians have yet to systematically explore connections between the two (S. 95).

Die Verflechtungen, die Zuelow anspricht, sind sehr deutlich sichtbar in Jack Metzgers Fotografie aus dem Kongo von 1957. Das Bild hat auch nach sechzig Jahren eine starke Wirkung, denn an der Art und Weise, wie wir reisen und  die lokale Bevölkerung wahrnehmen, dürfte sich bis heute kaum etwas geändert haben.

Literatur

Fletcher, Robert: Romancing the wild: cultural dimensions of ecotourism, London: Duke UP, 2014.

Liu, Zhenhua: „Sustainable tourism development: a critique“ in: Journal of Sustainable Tourism, Vol. 11, No. 6, 2003, S. 459-475.

Zuelow, Eric G.E.: A History of Modern Tourism, London: Macmillan, 2016.

 

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