Von Studierenden für Studierende: Die Ungarn-Flüchtlinge und das Engagement ihrer Mitstudierenden an der ETH Zürich

Die dramatischen Ereignisse vom Herbst 1956 in Ungarn fanden auch in Zürich Widerhall.

In der Bevölkerung und insbesondere in der Studentenschaft lösten sie eine beispiellose Welle der Solidarität aus. Am 29. Oktober versammelten sich um die 8‘000 Studenten und Studentinnen der beiden Zürcher Hochschulen auf dem Münsterhof und demonstrierten für den ungarischen Freiheitskampf und gegen die Einmischung der Sowjetunion. In einer Resolution forderten sie alle Schweizer Studierenden auf, sich „unverzüglich zur Blutspende in den Blutspendezentren zu melden“. Gleichentags gründeten Studierende die „Studentische Direkthilfe Schweiz-Ungarn“, die Lebensmittel und Medikamente sammelte, diese nach Ungarn transportierte und dort vor Ort verteilte.

Kundgebung für Ungarn auf dem Münsterhof in Zürich

Kundgebung für Ungarn auf dem Münsterhof in Zürich, Ausschnitt,
ohne Datum, 1956 (Bildarchiv Com_M05-0460-0003)

Engagement der Studierenden

Angesichts der blutigen Niederschlagung des ungarischen Volksaufstandes im November 1956 wurde der Polyball abgesagt. Stattdessen organisierten die Studierenden vom 14. bis 17. November eine Aktionswoche, deren finanzieller Gewinn der Flüchtlingshilfe zugutekam:

  • Über 600 Studentinnen und Studenten arbeiteten eine Woche lang bei Zürcher Betrieben (z. B. im Güterbahnhof der SBB), die ihren Lohn als Spende überwiesen.
  • Studierende verkauften Plakate, die von Firmen gespendet worden waren.
  • Studierende organisierten ein Sondertram der VBZ, das auf der Strecke Hauptbahnhof – ETH – Bürkliplatz verkehrte. Die Einnahmen aus dem Billetverkauf sowie ihr Lohn als Billetverkäufer und -kontrolleure wurden gespendet.
  • Am 17. November, an dem eigentlich der Polyball hätte stattfinden sollen, veranstalteten sie ein Benefizkonzert des Zürcher Kammerorchesters und verlosten Tombolapreise.

Auch in den folgenden Wochen hielt das humanitären Engagement der Zürcher Studierenden an. So bemalten beispielsweise Uni-Studentinnen (offensichtlich wurde dies als Sache der Frauen eingestuft) über 2600 Kerzen und verkauften diese als Weihnachtsdekoration an Verkaufsständen in der Stadt. Verschiedene Pressefotos zu diesen Solidaritätsaktionen wurden damals in der „Schweizer Illustrierten“ veröffentlicht und befinden sich heute im Ringier Bildarchiv.

Die Ungarnkommission

Der Einmarsch der sowjetischen Truppen in Ungarn löste einen Flüchtlingsstrom nach Westeuropa aus. Die Schweiz nahm schliesslich 12’000 Flüchtlinge auf, darunter rund 600 Studierende. Viele Studierende und Schüler waren ohne ihre Zeugnisse aus Ungarn geflüchtet. In der Schweiz mussten sie nun eine „ehrenwörtliche Erklärung“ abgeben und darin ihre bisherige Ausbildung deklarieren. Auf dieser Grundlage entschieden dann die Hochschulen, wen sie als Studenten aufnahmen. An der ETH Zürich hatte vor 1956 nur eine Handvoll Studierender mit ungarischer Staatsbürgerschaft studiert, doch 1956/1957 stieg ihre Zahl rasant an, auf 168, später dann sogar auf 183 reguläre Diplomstudierende.

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Ehrenwörtliche Erklärung, Ausschnitt aus einem Formular einer Studienbewerberin
(Hochschularchiv der ETH Zürich, EZ-REK 1/1/35670)

Die Registrierung der Studierenden in Zürich übernahm die bereits erwähnte „Direkthilfe“, die auch deutsche Sprachkurse anbot und bei der Wohnungssuche half. Im Frühling 1957 löste sich die „Direkthilfe“ auf und übertrug ihre Aufgaben an die seit dem Zweiten Weltkrieg bestehende „Hilfsaktion für Flüchtlingsstudenten in der Schweiz“, die von ETH-Professor Max Wildi präsidiert wurde.

Die „Hilfsaktion“ musste nun ihren Personalbestand schnellstens aufstocken, um die Flüchtlingswelle zu bewältigen. Dazu gründete man die „Ungarnkommission Zürich“ und wählte den ETH-Generalsekretär Hans Bosshardt zum Präsidenten. Im Vorstand sassen zudem Studierende der beiden Hochschulen sowie der ehemalige ETH-Professor Michel Plancherel. Im Sekretariat arbeitete damals auch die Uni-Studentin Elisabeth Iklé – aus dem damaligen „Fräulein“ sollte später die erste Schweizer Bundesrätin Elisabeth Kopp werden.

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Ausschnitt aus einem Brief der Ungarnkommission Zürich an den Schweizerischen Schulrat,
4.6.1957 (Hochschularchiv der ETH Zürich, SR3 1957, Reg. 817.1, Nr. 5141)

1957 betreute die „Ungarnkommission Zürich“ um die 300 Studierende, von denen 65 ein volles und 105 Studierende ein Teilstipendium erhielten. Die Stipendien von monatlich 270.00 CHF wurden jedoch nur jeweils in neun Monaten im Jahr ausbezahlt, da die Studierenden in den grossen Semesterferien ihren Lebensunterhalt selbst verdienen sollten.

Allen Flüchtlings-Studierenden, nicht nur den Stipendiaten, erleichterte die ETH-Leitung das Studium durch den Erlass von Studiengebühren, Laborgebühren und Krankenkassenprämien. Viele Zürcher Familien übernahmen Patenschaften für ungarische Studierende oder spendeten Kleider und Lebensmittel, die die „Ungarnkommission“ dann verteilte. Als Zeichen ihrer Dankbarkeit für das Engagement der ETH-Leitung und Studentenschaft stiftete 2006 eine Gruppe von ehemaligen ungarischen Flüchtlingsstudenten eine Gedenktafel, die heute im F-Stock des ETH-Hauptgebäudes zu sehen ist.

Besitzen Sie Bild- oder Textdokumente zu den Ungarnflüchtlingen an der ETH?

In unseren Archivbeständen finden sich vor allem Verwaltungsunterlagen zur ETH-Leitung, zur Ungarnkommission und zu den Sitzungen des VSETH in den Jahren 1956-58. Wir würden uns sehr darüber freuen, wenn wir diese Archivbestände mit weiteren Bild- und Tondokumenten ergänzen könnten! Falls Sie Dokumente zu den ungarischen Flüchtlingen an der ETH oder zu den Hilfsaktionen von ETH-Angehörigen aus dieser Zeit besitzen, melden Sie sich bitte beim Hochschularchiv der ETH Zürich unter der Emailadresse archiv@library.ethz.ch

 

 

 

One thought on “Von Studierenden für Studierende: Die Ungarn-Flüchtlinge und das Engagement ihrer Mitstudierenden an der ETH Zürich

  • Samstag, der 5. November 2016 at 14:53
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    Am Donnerstag, 20. 11. kommt Frau Elisabeth Kopp um 18.30 ins Stadtmuseum Aarau. Sie hat sich intensiv für die Flüchtlinge eingesetzt.

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