Pokécrack oder Orchicrack?

Fangemeinde  aufgepasst – ein Revier mit D. traunsteineri in Sicht! Handy bereit, Fang-Modus eingeschaltet, Gestalt vom Typ Pflanze lokalisiert. Stärkung mit Sternenstaub erwogen…

In der Welt des ausgebrochenen Pokémon-Gamefiebers mit echten Geodaten sind Werden und Vergehen so ziemlich davon befreit, der Beschaffenheit von Feld und Flur ausgeliefert zu sein. Genau dies sind aber reale Pflanzen im Allgemeinen und Orchideen im Besonderen.

Orchideenkenner sind fasziniert vom Reichtum der Natur, vom Farben- und Formenreichtum der evolutionsgeschichtlich relativ jungen Pflanzenfamilie. Ihnen öffnet sich bei der Erforschung von Orchideen eine besondere Welt. Festhalten und vor allem systematisieren und erforschen lässt sich diese besser, wenn sie von den im Feld erhaschten Exemplaren eine Dokumentation anlegen können. Dazu werden die Eindrücke mit diversen Hilfsmitteln eingefangen. Eine gute (Handy-)Kamera ist dabei unentbehrlich. Je nach Anzahl Orchideen wird zusätzlich ein Pflanzenbeleg vorbereitet und es kommen biometrische Messungen zum Zug. Besondere Beachtung erfährt auch der Standort und seine Bodenbeschaffenheit, denn Orchideen sind sensible Gewächse und verschwinden zwar nicht nach wenigen Minuten wie kleine virtuelle Fantasiewesen, aber dafür leider unwiederbringlich, wenn störend in ihren Lebensraum eingegriffen wird.

Blumenköniginnen in digitaler Gestalt

Die unten gezeigte Pflanzenanalyse von Dactylorhiza traunsteineri stammt von einer Sumpfwiese bei Wildhaus im Toggenburg. Die schlanke Orchidee ist im Mittelland, in den Voralpen und in tieferen Lagen der Alpen anzutreffen. Sie blüht von Mai bis Ende Juli und wird 10-40 cm hoch. Die hier gezeigte Pflanzenanalyse ist vom Orchideenspezialisten Hans Rudolf Reinhard Ende Juni 1983 erstellt und in seine Sammlung aufgenommen worden. Seit Mai 2016 ist aus dieser reichhaltigen blütenbiologischen Sammlung jede einzelne Probe und jedes Dia digital zugänglich, Pflanzenanalysen auf der Plattform www.e-manuscripta.ch und Dias im Katalog ETH E-Pics Tiere, Pflanzen und Biotope. Die eingefangenen Erkenntnisse haben sich in immerhin 23‘000 Diaaufnahmen und 1800 Pflanzen- und Blütenanalysen im Umfang von 3000 Blättern materialisiert!

pflanzenanalyes

Pflanzenanalyse für Dactylorhiza traunsteineri, HR 283008, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1514:1751
DOI: http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-41672

Orchicrack der europäischen Orchideenszene

Die Orchideenkunde ist ein reichhaltiges Forschungsfeld, bei dem immer wieder gerade nebenberufliche Kenner der Materie ihre Detailkenntnisse, ihre geschickte Kleinarbeit und ihre Begeisterung in hervorragende botanische Studien umsetzen. Als solcher Orchideenspezialist hat seit den 1960er Jahren Hans Rudolf Reinhard gewirkt. Er hat sich neben seiner Unterrichtstätigkeit als Sekundarlehrer in Zürich der Erforschung der europäischen Orchideenflora gewidmet. In den frühen Siebzigerjahren begann die Zusammenarbeit Reinhards mit Peter Gölz, der als Mathematiklehrer am Gymnasium Winterthur tätig war. Die beiden Forscher entwickelten zusammen ein statistisches Verfahren für die Klärung taxonomischer Probleme bei Orchideen. 1986 ernannte die Zürcher Botanische Gesellschaft Hans R. Reinhard und Peter Gölz aufgrund ihrer Verdienste zu Ehrenmitgliedern. Als Resultat der jahrzehntelangen Orchideenforschung erschien 1991 ihr Werk Die Orchideen der Schweiz und angrenzender Gebiete, für das Hans R. Reinhard, Peter Gölz, Ruedi Peter und Hansruedi Wildermuth als Herausgeber zeichnen. Hans R. Reinhard konnte sein gesamtes Material zu Orchideen dem geobotanischen Institut der ETH übergeben, von wo die Bild- und Blütenbelegsammlung ins Bildarchiv und ins Hochschularchiv der ETH Zürich gelangte und dank dem Einsatz einer botanisch versierten Fachkraft schnell einzeln verzeichnet und digitalisiert wurde.

Unter freiem Himmel Verstecke aufspüren

Der Wissensspeicher, der damit geschaffen wurde, lässt sich vielfältig nutzen. Eine Möglichkeit zeichnet sich unterwegs ab, durchaus mit dem Handy, wenn bei einer Wanderung in Kalkalpengebiet der Duft nach Vanille die Nase erreicht und kleine trichterförmige Objekte in Purpur ins Auge fallen. Am Wegrand könnte dann die niederwüchsige, recht häufige Nigritella stehen, die in der Schweiz in zwei Arten vorkommt. Die Blütezeit dieser Orchidee liegt zwischen Ende Juni und Ende August. Hans R. Reinhard hat die Pflanze seit Beginn seiner Recherchen dokumentiert. Dank elektronischer Verfügbarkeit ist ein zugehöriger Pflanzenbeleg schnell zur Hand.

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Nigritella rhellicani TEPPNER & KLEIN, verbreitet von den Westalpen über Zentralalpen bis in die Ostalpen und den Balkan, HR 299007, ETH-Bibliothek, Hochschularchiv, Hs 1514:1792
DOI: http://dx.doi.org/10.7891/e-manuscripta-41675

Und natürlich kann man per Handy oder Tablet Fotos der gesuchten Orchideenarten durchstöbern. Wer mag, kann bei eingeschalteter Kamera anschliessend das eigene, unmittelbare Erlebnis in der realen Natur auf seinen Smartphone-Bildschirm zaubern. Pokémon & Co. warten ja wahrscheinlich eher bei der nächsten Bergbahnstation, wobei … was war das, vor dem blauen Hintergrund eben …

orchideen

Nigritella rhellicani, Dactylorhiza traunsteineri, … – wer sucht, der findet – Blumenköniginnen und manchmal mehr…

 

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