Vom ersten thematischen Atlas der Schweiz zum „Atlas der Schweiz“

Dieser Tage hat die Schweiz und die Welt, passend zum Internationalen Jahr der Karte, zwei hochstehende kartographische Produkte erhalten dürfen: Zum einen die Landeskarte 1:10‘000, herausgegeben vom Bundesamt für Landestopografie swisstopo, zum anderen der „Atlas der Schweiz – online“, ein Produkt aus dem Hause ETH Zürich. Letzterer kombiniert auf raffinierte Weise die modernen Möglichkeiten dreidimensionaler Darstellungsformen und interaktiver Visualisierungen von Kartenmaterialien mit den Möglichkeiten thematischer Atlanten, welche seit Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend an Bedeutung gewannen.

Thematische Atlanten verbinden Wissen und Zahlen (bspw. Statistiken) mit räumlichen Angaben und Karten. Als erster komplexer thematischer Weltatlas gilt Berghaus‘ Physikalischer Atlas (1838-48), welcher die Themen Meteorologie, Hydrologie, Geologie, Magnetismus, Botanische und zoologische Geographie, Anthropologie und Ethnologie mit Karten kombinierte. Aber auch die Schweiz kann bedeutende Werke bieten, noch bevor der heute bekannte „Atlas der Schweiz“ 1965 seinen Siegeszug begann.
Der erste thematische Atlas der Schweiz ist der „Historisch-Geographische Atlas der Schweiz in 15 Blättern“ (1846 – 68) von J. K. Vögelin (1792 – 1847). Inspiriert von kleineren Fachatlanten, welche noch vor Berghaus insbesondere in Frankreich Verbreitung fanden, wollte Vögelin 1846 einen Atlas herausgeben, welcher auf 14 Kartenblättern die Schweiz zu unterschiedlichen Zeitständen (von der Römerzeit bis 1830) abbildete und die Karte mit historischen Ergänzungen zu Personen, Ereignissen, Konfessionen, etc. anreicherte.

vögelin_1Abb. 1: „Die Eidgenossenschaft der VIII alten Orte“ (Karte VI) mit Randerläuterungen

Das Projekt war auf 7 Lieferungen à je 2 Kartenblätter innert zweier Jahre ausgelegt und sollte den Versuch einer systematischen Anordnung von Kultur- und Naturgeographie der Schweiz darstellen. Leider starb Vögelin nach der zweiten Lieferung (Kartenblätter 3 und 4), und auch Gerold Meyer von Knonau (1804 – 1858), welcher die weitere Betreuung übernahm, verstarb noch bevor die letzten Blätter ausgeliefert wurden. So dauerte es schlussendlich 22 Jahre, bis der vollständige Atlas ausgeliefert war. Die Nachfrage schien gross, denn bereits zwei Jahre nach Abschluss, 1870, wurde eine Neuauflage herausgegeben (einsehbar auf e-rara.ch).

vögelin_2Abb. 2: „Schweizerische Sprachkarte“ (Karte XV); als Nebenkarte (unten rechts) die Bevölkerungsdichte der Kantone um 1860

Mit der Übernahme des Vorhabens hat Gerold Meyer aber nicht nur die weitere Publikation betreut, er hat den Atlas auch um ein 15. Kartenblatt ergänzt. Dieses setzt den Schwerpunkt weniger auf die historischen Aspekte, sondern vielmehr auf kulturelle und raumplanerische Themen: Es sind die Sprachregionen auf der Karte eingezeichnet sowie erstmals statistische Angaben zur Ortsgrösse ergänzt. Eine Nebenkarte bildet gar die Bevölkerungsdichte der Kantone ab.

ads_map_160630_104548Abb. 3: 3-Dimensionale Darstellung der Bevölkerungsdichte im „Atlas der Schweiz – online“
(Quelle: Atlas der Schweiz / swisstopo / Bundesamt für Statistik)

Diese Darstellungen wurden auch im 1965 durch Prof. Eduard Imhof initiierten „Atlas der Schweiz“ aufgenommen und sind auch in der neuesten Ausgabe und seit letzter Woche öffentlich verfügbaren „Atlas der Schweiz – online“ enthalten. Ergänzt um diverse weitere thematische Karten bietet der Atlas die Möglichkeit, interaktiv die Schweiz zu erkunden. Für die erwähnten historischen Ursprünge des „Atlas der Schweiz“ bieten sich die digitalisierten Exemplare auf e-rara.ch an.

Links:

Literatur:
Roth-Kim, Jörg (1966): Schweizerische Landesatlanten aus dem 19. und dem frühen 20. Jahrhundert, in: Geographica Helvetica 21 (1966), S. 105 – 110.

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