Pestwellen im 16. Jahrhundert und grotesk erscheinende Gegenmassnahmen

Als ehemalige, nach Deutschem Bundesseuchengesetz arbeitende Mikrobiologin, die in untersuchten Brunnenwässern hin und wieder auch Cholera- oder Typhusbakterien nachwies, bin ich noch immer an Neuigkeiten zu Seuchenausbrüchen interessiert. Und als Beauftragte für Öffentlichkeitsarbeit am Departement Chemie und Angewandte Biowissenschaften faszinieren mich Themen zur Medizin- oder Pharmaziegeschichte. 

In diesem Jahr steht in vielen Ausstellungen in Zürich der Universalgelehrte Conrad Gessner im Vordergrund. Dieser wurde vor 500 Jahren hier geboren und verstarb nach einem publikationsreichen Leben im Alter von nur 59 Jahren an der Pest. … Und dies in seiner Funktion als Archiater und Vorgesetzter der Stadtärzte sowie des überaus fähigen Chirurgen Jakob Ruoff, mit dem er zuvor den Antistes Heinrich Bullinger (1504-1574) davon kurierte.

Der umtriebige Wissenschaftler Gessner mit grossem Korrespondentennetzwerk hatte sich jahrelang auch mit Felix Platter (1536-1614) und Theodor Zwinger (1533-1588) in Basel ausgetauscht, die beide ebenfalls nach Massnahmen zur Bekämpfung der Pest suchten.

Die drei Mediziner mochten den Arzt und Alchemisten Paracelsus (1493-1541) nicht, weil er ihnen zu grobschlächtig erschien, doch studierten sie seine Pesttraktate eifrig. Derartige Schriften mit ähnlichem Inhalt gab es im 16. Jahrhunderts allerdings auch von vielen anderen Stadtärzten.

Zwei Bücher Gessners aus dem Nachlass des ehemaligen ETH-Pharmakognosten und Toxikologen Prof. Carl Hartwich beschäftigen sich mit Destillation, Mazeration, Kalzination und verwendeten Instrumentarien wie Heizquellen, Wärme- und Wasserbäder, Ofenformen oder Kühlvorrichtungen. In diesem  „Ander Theil des Schatzs Euonymi Von allerhand künstlichen und bewerten Oelen/Wasseren/und heimlichen Artzneyen“ finden sich Rezepturen für Öle, Aquae destillatae, Vina medicinalia oder auch kompliziert zusammengesetzte Pestilenzwässer.

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Gessner Conrad, Caspar Wolffen: «Ander Theil des Schatzs Euonymi Von allerhand künstlichen und bewerten Oelen/Wasseren/und heimlichen Artzneyen/ ..» 1583 (Buch aus dem Nachlass von Prof. Carl Hartwich, IPW ETH Zürich)

Für seine Promotionsarbeit von 1955 hat Friedrich Dobler etliche dieser Versuchsanweisungen nachgeprüft, vielfach mit guten Produktausbeuten. Mit dem alten chemisch-pharmazeutischen Wissen konnten aber die früheren Ärzte und Apotheker kaum etwas gegen die Pest ausrichten.

Auch wenn es auf den damaligen Flugblättern stand, wie man sich in den „Zeiten der Sterbensläufft zu verhalten habe“, war gegen den Tod „kein Kraut gewachsen“ (contra vim mortis nulla herba in hortis). Viele der Betroffenen haben später schriftlich festgehalten, wie es ihnen im Verlauf der Krankheit erging. Mitleiderregend!

Nachdem die Bevölkerung irgendwann gemerkt hatte, dass die Kirche gegen jene Seuche nicht allzu viel Wirksames zu bieten hatte und auch die „ungünstigen“ Gestirnkonstellationen die wiederkehrenden Pestwellen nicht befriedigend erklärten, rückten andere Massnahmen in den Vordergrund. Flucht war ohnehin keine Option, und so wurde oft Groteskes probiert. Die „pestilenzische“ Luft wurde bis zum „Umfallen“ ausgeräuchert oder Theriak mit teilweise 80 verschiedenen Inhaltsstoffen eingenommen. Wenn es schlimm kam, wurde die sogenannte Dreckapotheke bemüht. Oder ein schmutziges Haarseil in die Nackenhaut gezogen. Hauptsache, die Bubonen brachen auf.

Dass es 200 Jahre zuvor in Italien bereits Gesundheitspässe und „Probierhäuser“ zum Isolieren der Kranken gab oder dass sich eine „Quarantäne“ durchaus bewähren konnte, schien in diesen Jahren um 1550 vielerorts vergessen.

Wenigstens schlossen sich 1585 die Eidgenossen an das mailändische Informations-, Kontroll- und Sperrsystem der mailändischen Gesundheitsbehörde an und duldeten sogar deren Kommissare auf schweizerischem Territorium. Anderenorts wurden weiterhin die Handelsmessen abgehalten und so für verkürzte Infektionswege gesorgt.

Allerdings entstanden neben komplett Abstrusem auch sinnvolle „Pestregimente“, und es fanden sich fähige Epidemiologen, überlegt handelnde Sanitätsräte und nach damaligen Verhältnissen geschickt und „hygienisch“ agierende Feldscherer.

Und wenn zu den reicheren Bürgern der Stadt dann der Arzt kam (zu den ärmeren machte sich meist nur der Totengräber auf), so war dieser wahrscheinlich mit dem Schutzanzug eines „Dr. Schnabels“ bekleidet.

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Doktor Schnabel von Rom: Arzt mit Schnabelmaske mit Kräutern und Stock zum Fernhalten von Erkrankten (Paul Fürst, 1656)

Spätestens mit diesem Bild haben wir vielleicht die bedrückenden Fotos der Ebola-Ärzte von 2014 im Kopf. Beim Ausbruch dieser Seuche fehlten zuverlässige Heilmittel und trotz moderner Hygienemassnahmen erfasste uns Unsicherheit und Besorgnis.

So erfolgreich die Handlungen der mutigen Mediziner schliesslich waren, zählen leider auch heute noch Gleichgültigkeit, Unwissenheit oder Korruption zu den grossen Risiken. Auch beim Ausbruch der nächsten Epidemie, gegen die es dann wohl wieder erst einmal keine wirkungsvollen Impfstoffe gibt. Wie damals, als die Erkenntnisse eines Alexandre Yersins noch 300 Jahre auf sich warten liessen.

Die zum Themenschwerpunkt „Basel und Zürich um 1550: Vier Ärzte in den Zeiten der Pest – Gessner, Paracelsus, Zwinger und Platter im Kampf gegen den schwarzen Tod: Massnahmen gegen das qualvolle Sterben“ zugehörige Posterserie befindet sich im H-Stock im HCI Hörsaalgebäude auf dem Campus Hönggerberg.

AutorInnen

One thought on “Pestwellen im 16. Jahrhundert und grotesk erscheinende Gegenmassnahmen

  • Mittwoch, der 22. Mai 2019 at 11:11
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    Paracelsus und die Pest, nach dem Film von Pabst 1942:

    „Hier saß ich oft gedankenvoll allein
    Und quälte mich mit Beten und mit Fasten.
    An Hoffnung reich, im Glauben fest,
    Mit Tränen, Seufzen, Händeringen
    Dacht‘ ich das Ende jener Pest
    Vom Herrn des Himmels zu erzwingen.
    Der Menge Beifall tönt mir nun wie Hohn.
    O könntest du in meinem Innern lesen…
    Hier war die Arzenei, die Patienten starben,
    Und niemand fragte: wer genas?
    So haben wir mit höllischen Latwergen
    In diesen Tälern, diesen Bergen
    Weit schlimmer als die Pest getobt.
    Ich habe selbst den Gift an Tausende gegeben,
    Sie welkten hin, ich muß erleben,
    Daß man die frechen Mörder lobt.
    Wie wenig Vater und Sohn
    Solch eines Ruhmes wert gewesen…“

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