Sichere Häfen für gefährdete Archive?

Historische Korrespondenzen, Karten und Pläne lagern ungeschützt der Witterung ausgesetzt in einem offenen Dachgeschoss. Entdeckt werden sie zufällig, als das Archiv für Zeitgeschichte in Ägypten den Nachlass der Geologin und Botanikerin Warda Bleser-Bircher übernimmt.

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Das Archiv des Schweizer Clubs in Kairo im Jahr 2001 (Foto: Archiv für Zeitgeschichte)

Bedrohung durch Krieg, Naturereignisse und Desinteresse

Weltweit sind insbesondere Archive in Gefahr, die Informationen zu Verletzungen des Menschenrechts und des humanitären Völkerrechts enthalten. Gründe dafür sind in erster Linie politische und militärische Konflikte, aber auch Naturkatastrophen oder schlicht Vernachlässigung wegen mangelnder Ressourcen.

Detonationswolke eines Atom-Tests auf den Marshallinseln, 1952 (AfZ, NL Werner Rings / 196)

Gleichzeitig sind Archive für Vergangenheitsarbeit essentiell. Sie gilt es wegen ihrer Rechtskraft und historischen Bedeutung dauerhaft zu erhalten und zugänglich zu machen. Betroffene Staaten und Nichtregierungsorganisationen suchen deshalb sichere Bergungsorte („Safe Havens»), wie sie der Artikel 12 des revidierten schweizerischen Kulturgüterschutzgesetzes (KGSG) für bedrohte Archive aus Krisenregionen vorsieht.

Trudy Huskamp Peterson bei der Sicherung des Archivs des Nuclear Claims Tribunal auf den Marshallinseln, 2. Juni 2016 (Foto: Andreas Nef)

Gefährdet sind aber auch viele Archivbestände in der Schweiz. Aufmerksamkeitsdefizite infolge von „Nutzungsflauten“ oder fehlender Mittel für die Bewirtschaftung führen oft zum schleichenden Tod. Öffentliche und private Institutionen kämpfen dagegen mit hartnäckiger Sensibilisierungsarbeit an. Das Archiv für Zeitgeschichte bindet die entsprechenden Stakeholder ein, wenn ausgewählte private Bestände im Bereich der Jüdischen Zeitgeschichte, Wirtschaft und Politik mit inhaltlichem Bezug zur Schweiz bedroht sind.

Expertenpanel am Internationalen Archivtag vom 9. Juni 2016

Das Archiv für Zeitgeschichte feiert 2016 sein 50-jähriges Bestehen. Mit einer Publikumsveranstaltung am Internationalen Archivtag ruft es die Bedeutung der Archive als wichtige Informationsquellen und kulturelles Erbe in Erinnerung.

Trudy Huskamp Peterson ist ehemalige Präsidentin der American Society of Archivists und Vorsitzende der Human Rights Working Group des Internationalen Archivrates (ICA). Sie verfügt über jahrzehntelange Felderfahrung und berichtet über Erfolge, aber auch Stolpersteine bei der Sicherung und Verlegung von Archiven aus Krisengebieten.

Elisabeth Baumgartner ist Rechtsanwältin mit Spezialgebiet internationales Strafrecht und Übergangsjustiz bei swisspeace, der Schweizerischen Friedensstiftung. Sie schildert die bisherigen und geplanten Aktivitäten zur Errichtung von Bergungsorten in der Schweiz.

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