Einheimische Aphrodisiaka

Sie ist erstens ein Käfer und kommt zweitens auch in der Schweiz vor: die Spanische Fliege, oder Lytta vesicatoria (Linné, 1758) im Fachjargon. Über das grünlich glänzende, bis zwei Zentimeter lange Insekt schrieb Carl von Linné 1758 in seiner Erstbeschreibung in Systema Naturae (S. 419): „Habitat in Ligustro, Fraxino, Sambuco. Officinalis pro vesicatorio“ – es bewohnt Liguster, Eschen und Holunder und ist ein blasenziehendes Arzneimittel.

Spanische Fliege, Lytta vesicatoria (Albert Krebs, ETH Entomologische Sammlung, AK_12820.tif)

Wie andere Ölkäfer auch, zu denen die Spanische Fliege gehört, sondern die Käfer bei Gefahr eine übelriechende Flüssigkeit ab, das sogenannte Cantharidin. Für die Gewinnung dieses Wirkstoffes werden die Käfer am frühen Morgen, wenn sie noch steif und starr sind, von den Bäumen geschüttelt, in Tüchern aufgefangen, getötet und bei maximal 40°C getrocknet (Steinegger & Hänsel 1972, S. 390).

Cantharidin wird seit Jahrtausenden als Heilmittel, Aphrodisiakum und – analog zum Schierlingsbecher – für gezielte Tötungen eingesetzt (Lückmann & Klausnitzer 2010). Das starke Reizgift erzeugt Blasen, Entzündungen und Geschwüre der Gewebe, mit denen es in Berührung kommt. In stark verdünnter Dosis wird es heute noch zur Entfernung von Warzen oder in der Alternativmedizin bei Verbrennungen, urologischen Leiden und anderen Indikationen eingesetzt. Eingenommen als Potenzmittel führt es unter anderem zu Entzündungen des Genitaltraktes, was bei Männern teils eine vorübergehende, teils aber auch andauernde, sehr schmerzhafte Erektion bewirken kann (sogenannter Priapismus). Fehldosierungen führen dabei immer wieder zu Todesfällen. Kampfberichten Napoleons zufolge wurden seine Grenadiere kampfunfähig, als sie in den Sümpfen Ägyptens Frösche verspeisten, deren Nahrung hauptsächlich aus Spanischen Fliegen bestand.

Links: Lytta aesculapii (ETH Erwissenschaftliche Sammlung, PI. I. 307); Rechts: Lytta vesicatoria (ETH Entomologische Sammlung)

Ausschliesslich spanisch ist das Insekt also keinesfalls, auch wenn es von dort oft exportiert wurde. Der Käfer mag die südliche Hitze und ist im gesamten Mittelmeerraum häufig anzutreffen. In unseren Breitengraden kommt er zwar seltener vor, wird aber an warmen Standorten in der ganzen Schweiz gelegentlich gefunden, beispielsweise bei den Lägern. Im Grossraum Zürich ist die Gattung sogar schon seit Jahrmillionen belegt: Oswald Heer, der grosse Zürcher Botaniker, Paläontologe und Entomologe, beschrieb 1847 die nahverwandte fossile Art Lytta aesculapii Heer, 1847, die sich vor ca. 13 Millionen Jahren in der Region des heutigen Öhningen am Untersee tummelte.

Literatur:

Heer, O. (1847) Die Insektenfauna der Tertiärgebilde von Oeningen und von Radoboj in Croatien. Erster Theil: Käfer. Verlag von Wilhelm Engelmann, Leipzig.

Linné, C. von (1758) Systema Naturae. Band 1. 10. Auflage. Laurentius Salvius, Stockholm.

Lückmann, J. & Klausnitzer, B. (2010) Die Verwendung der Ölkäfer (Coleoptera, Meloidea) in der Medizin vom Altertum bis in die Gegenwart. In: H. Aspöck (Hrsg.), Krank durch Arthropoden. Denisia 30: 815-831.

Steinegger, E. & Hänsel, R. (1972) Lehrbuch der Pharmakognosie: Auf phytochemischer Grundlage. 3. neubearbeitete Auflage. Springer-Verlag GmbH, Berlin, Heidelberg.

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