Die Kriminalfalle – Friedrich Glauser und Carl Gustav Jung

„Was ist das denn für ein Experiment?“ wollte O’Key wissen. „Es ist“, sagte Madge, ihr Tonfall wurde ganz wissenschaftlich, sie war vollkommen die erste Assistentin einer psychiatrischen Klinik, es ist das Jungsche Assoziationsexperiment…“

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Ausschnitt einer gedruckten Liste mit Reizwörtern des Assoziationsexperiments, Version 1908 (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, C.G. Jung, Hs 1955:712/1). Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung für die Werke von C.G. Jung ©.

„… Wir haben für die gewöhnlichen Fälle ein vorgedrucktes Exemplar, hier“, und Fräulein Dr. Lemoyne zeigte einen Bogen, der mit vier Wörterkolonnen bedruckt war. „Wir lesen dem Patienten die Worte einzeln vor und verlangen von ihm, er möge das erste ihm einfallende Wort auf das Reizwort sagen. Die Zeit, die zwischen der Nennung des Reizwortes und seiner Antwort liegt, kontrollieren wir mit der Stoppuhr und finden dann gewisse Wörter heraus, die eine längere Reaktionszeit bedingen als andere. Die Wörter mit der längeren Reaktionszeit können uns dann wichtige Aufschlüsse geben über das verborgene Innenleben des Patienten.“

Diese Beschreibung ist zu lesen in „Der Tee der drei alten Damen“, dem ersten Kriminalroman von Friedrich Glauser. Der Autor war zeitlebens immer wieder Insasse von Irrenhäusern gewesen und kannte sich aus mit den gängigen psychologischen Praktiken.

Der Romanpatient, Zeuge eines Mordes, liefert dem Verhörduo weiterführende Hinweise während der Reizwörterbefragung, wird nach einem Fluchtversuch mit einer Betäubungsspritze ruhig gestellt und stirbt. Der im Genf der 1920er Jahre angesiedelte Roman dreht sich um wirtschaftspolitische Spionage, indische Ölquellen, einen allseits verehrten Psychologieprofessor der Universität, Geheimzirkel mit okkulten Ritualen und alte Zauberbücher mit Hexenrezepten.

 

Die Falle, die Fälle, der Fall

Das beschriebene Experiment hatte Carl Gustav Jung als junger Arzt am Burghölzli, der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, auf der Grundlage von bereits bestehenden assoziationspsychologischen Studien entwickelt. In verschiedenen Publikationen wies er auf die kriminalistischen Möglichkeiten der Methode hin, mit der er selber Diebstähle aufgeklärt hatte. Dafür wurden die Standardreizwörter mit solchen ergänzt, die den Untersuchungsgegenstand betrafen. Den Befragten wurde also eine psychologische Falle gestellt. Tatbestandsdiagnostik hiess das Verfahren in der Gerichtspraxis.

1934 wurde Jung in einem Zürcher Strafgerichtsverfahren um Mithilfe bei der Aufklärung eines möglichen Mordfalles ersucht. Ein Mord war jedoch ein wesentlich heikleres Geschäft als ein paar einfache Gelegenheitsdiebstähle. Zwar war Jung, wie er erst Jahrzehnte später in seinen Erinnerungen preisgab, schon während seiner Zeit am Burghölzli beim Assoziationsexperiment mit einer Patientin auf einen mutmasslichen Mord gestossen. Aber er hatte damals zugunsten der Heilungschance darauf verzichtet, die Polizei einzuschalten.

Nun bot sich ihm die Möglichkeit, die Assoziationsmethode erneut und diesmal offiziell an einer kriminalistischen Extremsituation zu erproben. Allerdings riskierte er mit einer keineswegs auszuschliessenden Fehldiagnose sein Ansehen. Eine weitere Schwierigkeit lag in der Verfahrensordnung. Diese schrieb eine strikte Trennung zwischen externer Einschätzung und richterlichem Urteil vor, die Jung peinlichst einzuhalten gedachte. Er hatte nicht vor, irgendeine Verantwortung für die Folgen seines Beitrags zum weiteren Prozessgeschehen zu übernehmen. Der Spagat zwischen Beurteilen und Verurteilen, Zelebrieren wissenschaftlicher Methodik und Selbstschutz mündete nach dem Test mit dem Angeklagten in einen entsprechend umständlich formulierten Befund:

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Aus: C.G. Jung, An das Präsidium des Schwurgerichtes des Kantons Zürich, Gutachten (ETH-Bibliothek, Hochschularchiv ETHZ, C.G. Jung, Hs 1055:104). Abbildung mit freundlicher Genehmigung der Stiftung für die Werke von C.G. Jung ©. Publikation des vollständigen Gutachtens in „Tatbestandsdiagnostik“, siehe Hinweise.

„Zusammenfassend und antwortend auf die eingangs gestellte Frage muss also festgestellt werden, dass die durch das Experiment umschriebene psychologische Situation des Exploranden in keinerlei Weise derjenigen entspricht, die man bei einem sich als unschuldig bewussten Menschen erfahrungsgemäss erwarten könnte. Die Anzeichen eines schuldhaften Bewusstseins hingegen zu beurteilen, muss ich dem richterlichen Ermessen anheimstellen.“

Das Gericht sprach den Angeklagten schuldig. Wegen grober Verfahrensmängel – entlastende Umstände und Zeugenaussagen waren von den Untersuchungsbehörden systematisch missachtet worden – wurde der Verurteilte jedoch später in einem Revisionsprozess freigesprochen.

 

Realität und Roman: Ein gemeinsamer Bekannter

Der Beschuldigte war von Wladimir Rosenbaum verteidigt worden, einem stadtbekannten Anwalt, der das moderne Kulturleben Zürichs förderte und in Jungs Psychologischem Club verkehrte. Rosenbaum und Jung hatten sich über den Gerichtsfall ausgetauscht.

1937 geriet Rosenbaum selber in Untersuchungshaft wegen verbotener Unterstützung des antifaschistischen Widerstandes in Spanien. Jung war hinterher beeindruckt, wie der Jurist die psychische Belastung des Gefängnisaufenthalts gemeistert hatte. Doch als Rosenbaum, ermuntert von Mitgliedern, sich wieder im Psychologischen Club sehen liess, empfand dies Jung als Taktlosigkeit und distanzierte sich von ihm. Untersuchungshäftlinge, ob mögliche Mörder oder verdächtige Anwälte, mochten zwar interessante Studienobjekte sein, auf gesellschaftlichem Parkett wollte der Psychiater aber nichts mit ihnen zu tun haben. Vielleicht fürchtete er um den Ruf seines Psychologischen Clubs, wenn sich da im Kreis unbescholtener Gäste jemand von zweifelhafter Ehrbarkeit bewegte.

Wladimir Rosenbaum war einst auch Schulkamerad von Friedrich Glauser gewesen. Später unterstützte er den Schriftsteller immer wieder juristisch und finanziell. Dieser setzte dem verlässlichen Gönner im „Tee“ ein literarisches Denkmal in der Gestalt des Anwaltes Isaak Rosène. Im Roman ist ebenfalls von Taktgefühl die Rede, will heissen vom freiwilligen Verschwinden des entlarvten Übeltäters durch Selbsttötung, womit er seiner Umgebung die Verlegenheit erspart, ihm unter veränderten Umständen angemessen begegnen zu müssen:

„Aepfuuh“, sagte Herr Staatsrat Martinet. „Die Sache ist noch besser verlaufen, als ich zu hoffen gewagt habe. Manche Leute haben, auch wenn sie im Hauptberuf Mörder sind, doch noch Taktgefühl. [Er] hat sich auf eine sehr feinfühlige Art aus dem Staube gemacht.“

Jung und der „Tee“

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Friedrich Glauser. Der Tee der drei alten Damen. Eingebundener Schutzumschlag der Bucherstausgabe von 1941. Exemplar ETH-Bibliothek, Signatur: 920522.

Glauser fand zu Lebzeiten (4. Februar 1896 – 8. Dezember 1938) keinen Verleger für seinen Kriminalerstling. Nach seinem Tod publizierte die Zürcher Illustrierte das Werk als Fortsetzungsgeschichte von Juni bis Oktober 1939. Die erste Buchausgabe erschien 1941.

Hatte Jung die Kriminalgeschichte gelesen? In einem Katalog seiner Privatbibliothek von 1967 ist sie nicht aufgeführt. Doch war ihm die Existenz des Werks wahrscheinlich bekannt. Jung lehrte seit 1935 an der ETH Psychologie. Mütter, Gattinnen, Schwestern, Töchter von ETH-Professoren waren Mitglieder in dem von ihm gegründeten Psychologischen Club. Professoren liessen sich von ihm analysieren und therapieren. Ausserhalb der ETH war er umgeben von Psychologinnen, Psychologen und von seiner Familie. Irgendwer aus der zahlreichen Gefolgschaft und Verwandtschaft wird Glausers „Tee“ gelesen und Jung über den Inhalt informiert haben.

Mit einem Dutzend weiterer Kriminalromane, darunter solche von Agatha Christie und Arthur Connan Doyle, gelangte 1958 ein Exemplar der Bucherstausgabe in die ETH-Bibliothek, gemäss Eingangsbuch als „Geschenk der Schulleitung“. Es trägt den handschriftlichen Besitzvermerk von Hans Bosshardt, dem langjährigen Generalsekretär des Schweizerischen Schulrates, dem Führungsgremium der ETH. Mindestens Bosshardt hätte also dem Hauspsychologen der ETH den „Tee“ brühwarm einschenken können.

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Besitzvermerk von Hans Bosshardt, Generalsekretär des Schweizerischen Schulrates.

Angenommen, Jung kannte das Werk aus eigener Lektüre oder vom Hörensagen: Wie reagierte er auf die positive literarische Darstellung des im wirklichen Leben inzwischen beruflich ruinierten und gesellschaftlich geächteten Rosenbaum? Wie auf den kritischen Blick des Krimiautors auf das esoterisch psychologische Milieu und die gehobene Gesellschaft? Störte sich der standesbewusste Jung daran, dass seine Assoziationsmethode in die Niederungen der „Schundliteratur“ – so die zeitgenössische Einreihung der Kriminalromane in die schriftlichen Gattungen – abgesunken war?  Oder fühlte er sich im Gegenteil gar geschmeichelt und freute sich über die Breitenwirkung? Vielleicht hielt er es mit Friedrich Glauser, der im „Tee“ der Ärztin, die das Assoziationsexperiment durchführt, die Worte in den Mund legt:

„Spotten Sie nicht über Kriminalromane! […] sie sind heutzutage das einzige Mittel, vernünftige Ideen zu popularisieren.“

Hinweise

– Den Hinweis auf Jungs Assoziationsmethode in Glausers Roman verdanke ich Johannes Fehr (1957-2014), Titularprofessor für Sprachtheorie der Universität Zürich und stellvertretender Leiter des Collegium Helveticum der ETH Zürich.

– Friedrich Glauser, Der Tee der drei alten Damen, Zürich 1941. Zitate S. 136, 141, 267f.

– C. G. Jung, Zur psychologischen Tatbestandsdiagnostik. Das Tatbestandsexperiment im Schwurgerichtsprozess Näf, in: Archiv für Kriminologie, Band 100, Berlin 1937, S. 123-130. Neuedition in: C. G. Jung – Gesammelte Werke, Olten 1991 (3. Ed.), Band 2, S. 636-638.

– Erinnerungen, Träume , Gedanken von C.G. Jung. Hg. Aniela Jaffé, Olten/Freiburg im Breisgau 1987.

– Peter Kamber, Geschichte zweier Leben: Wladimir Rosenbaum und Aline Valangin, Zürich 1990.

– Der Nachlass von Friedrich Glauser liegt im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern.

– Das Hochschularchiv der ETH Zürich an der ETH-Bibliothek betreut das C.G. Jung-Arbeitsarchiv, den wissenschaftlichen Nachlass des Psychiaters und Psychologen.

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