Bunte Fliesenböden aus Steinzeug oder Zement?

Welcher Liebhaber von Gründerzeitbauten kennt sie nicht? Ein- oder mehrfarbige Bodenfliesen, mit Ornamenten oder geometrischen Mustern versehen, glatt oder mit aufgepresster Mosaikstruktur: Sie zieren meist stark beanspruchte Bereiche wie Hauseingänge, Flure, Treppenhäuser, Veranden, Balkons, Foyers oder Ladenlokale. Von schlicht bis aufwendig findet man sie in Mietshäusern und Villen, in Museen, Hotels, Schulen, Verwaltungsbauten, Gewerberäumen, Kirchen oder Bahnhöfen.

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Steinzeugfliesen: Villa Patumbah, Zürich, um 1884. Copyright: Schweizer Heimatschutz

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Steinzeugfliesen: Hausflur in der Hallerstrasse 1, Bern, um 1895. Copyright: Katja Burzer

Bei diesen hierzulande oder auch in Deutschland anzutreffenden historischen Fliesen handelt es sich in den meisten Fällen um Steinzeugfliesen, die wiederum grösstenteils aus der Fabrikation des bis heute bestehenden saarländischen Unternehmens Villeroy & Boch in Mettlach stammen. Das Unternehmen stellte seit 1846 im luxemburgischen Septfontaines einfarbige Steinzeugfliesen im Trockenpressverfahren her, das durch den Engländer Richard Prosser 1840 patentiert worden war. Als 1852 im saarländischen Nennig, ganz in der Nähe des Mettlacher Stammsitzes der Firma, ein römischer Mosaikfussboden ausgegraben wurde, inspirierte dies Eugen Boch – selbst hochgebildet und Hobby-Archäologe – zur Konzeption eines Bodenbelags, der sich an der Schönheit des antiken Vorbilds orientieren, zugleich aber billig und in grossen Mengen produzierbar sein sollte.

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Römischer Mosaikfussboden, Villa in Nennig, Saarland, 3. Jh. n. Ch.

Noch im selben Jahr wurde in der Mettlacher Geschirrfabrik die Produktion mehrfarbiger Mosaikimitationsplatten aus Feinsteinzeug aufgenommen.

Steinzeugfliesen (Mettlacher Platten), Veranda der Villa Patumbah. Zürich, um 1884. Copyright: Andreas Reimann

Sie waren ein solcher Erfolg, dass man 1869 eine eigene Fabrik zur Herstellung von Fliesen eröffnete, wobei der Name der Fabrikationsstätte auf das Produkt überging: Mettlacher Platten waren bald in aller Munde und auch vergleichbare Erzeugnisse anderer Hersteller wurden oft so bezeichnet. Als allgemeiner Begriff für Steinzeugfliesen fanden die «Mettlachski Plittski» sogar Eingang in die russische Sprache. Bochs «Erfindung» prägte die Architektur der Gründerzeit bis in die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts – Steinzeugfliesen zieren noch heute Bauten von Moskau bis New York. Doch nur die tatsächlich vom saarländischen Unternehmen hergestellten Platten tragen zu Zwecken der Distinktion als Markenbezeichnung auf der Rückseite die Prägung «Villeroy & Boch, Mettlach».

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Rückseite einer Mettlacher Platte

Villeroy & Boch entwickelte sich schnell zum Marktführer für diese Bodenbeläge. Noch in Meyers Handlexikon des allgemeinen Wissens von 1899 heisst es: «Die besten Thonfliesen liefert Mettlach.»

Von der anfänglichen Imitation der Mosaikoberfläche löste man sich mit den Jahren zunehmend und passte die Muster dem sich wandelnden Zeitgeschmack an.

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Steinzeugfliesen: Hausflur, Auf der Mauer 17, Zürich, um 1900. Copyright: Katja Burzer

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Steinzeugfliesen (Mettlacher Platten), Ladenlokal der ehemaligen Metzgerei Pius Ruff, Spiegelgasse 16, Zürich, 1905. Copyright: Katja Burzer

Fast zeitgleich zur Erfindung der Mettlacher Platten machte man sich im Zentrum der Portlandzementfabrikation in der französischen Ardèche die englische Erfindung des Trockenpressens von Steinzeug für die Herstellung von Zementfliesen zunutze. 1851 wurde dort ein entsprechendes Patent eingereicht. Während das produktionstechnisch bedingte Formatlimit der Steinzeugfliesen ungefähr bei 17 x 17 cm lag, konnte man Zementfliesen auch im Standardformat 20 x 20 cm produzieren – eine Tatsache, die zuweilen noch heute zur schnellen Unterscheidung beider Erzeugnisse dienen kann.

Von Frankreich und Spanien aus verbreitete sich die Technik der Zementfliesenherstellung nach Portugal und Italien und von dort aus in die jeweiligen Kolonien in Übersee, wo sie sich bis heute erhalten hat. Im Europa nördlich der Alpen blieb die Steinzeugfliese etwa bis 1920 vorherrschend, in den Nachkriegsjahren wurde die Produktion dieses vergleichsweise teuren Bodenbelags jedoch nicht wieder aufgenommen.

Mitte der 1990er Jahre kamen hierzulande ein- und mehrfarbige Zementfliesen in Mode: Trendige Lokale und Geschäfte, aber auch Privatleute, lassen Böden und Wände mit Zementfliesen bekleiden und zeitgenössische Architekten beziehen das Material in ihre Entwürfe mit ein: Zementfliesen sind heute so bekannt, dass selbst die historischen Steinzeugfliesen oft für solche gehalten werden. Ihre Produktion wurde ebenfalls in den 1990er Jahren wieder aufgenommen – zunächst auf Nachfrage der Denkmalpflege –, allerdings nicht mehr von dem einstigen Marktführer Villeroy & Boch. Im Vergleich zu Zementfliesen sind Steinzeugfliesen hochwertiger, beständig gegenüber Frost und Tausalzen und einfacher zu verlegen. Allerdings sind sie teurer in der Herstellung und ihre Muster etwas weniger farbenfroh, da die Pigmente bei hohen Temperaturen gebrannt werden.

Bedeutende historische Anwendungsbeispiele für Steinzeugfliesen in der Schweiz sind die Stiftskirche Einsiedeln und die Klosterkirche Engelberg.

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 Kirchenschiff der Stiftskirche des Klosters Einsiedeln, Schwyz, Fussboden von 1885

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Detail: Steinzeugfliesen (Mettlacher Platten) in der Stiftskirche des Klosters Einsiedeln. Copyright: Wilhelm Joliet

Kirchenschiff der Klosterkirche Engelberg, Obwalden, Fussboden von 1885. Copyright: Stiftsarchiv Kloster Engelberg

Detail: Steinzeugfliesen (Sinziger Plättchen) in der Klosterkirche Engelberg. Copyright: Stiftsarchiv Kloster Engelberg

Moderne Zementfliesen findet man in Zürich zum Beispiel in der Mensa der ZHdK im Toni-Areal oder im Maison Blunt an der Gasometerstrasse.

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Mensa der Zürcher Hochschule der Künste, Toni Areal, Zürich, 2014, Architekten: EM2N. Copyright: Katja Burzer

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Detail: Zementfliesen in der Mensa der Zürcher Hochschule der Künste, Toni Areal, Zürich. Copyright: Katja Burzer

Wer Fliesen beider Typen in die Hand nehmen will, kann in die Materialsammlung der ETH auf den Hönggerberg kommen, wo historische und moderne Muster verschiedener Hersteller vorhanden sind, oder das Thema inhaltlich in der Online-Datenbank des Material Archivs vertiefen.

 

Literatur:

Desens, R.: Villeroy & Boch. Ein Vierteljahrtausend europäische Industriegeschichte 1748–1998, Saarbrücken 1998, S. 70–81, 115–121.

Euler, M.: Studien zur Baukeramik von Villeroy & Boch 1869–1914, Fliesen aus der Mosaikfabrik in Mettlach (1. Teil), Diss. Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität, Bonn 1994.

Forrer, R.: Geschichte der europäischen Fliesen-Keramik: vom Mittelalter bis zum Jahre 1900, Strassburg 1901.

Hecht, H.: Lehrbuch der Keramik. Eine Darstellung der keramischen Erzeugnisse in ihrem technischen Aufbau, Berlin/Wien 1930, S. 331–340.

Hernández Navarro, M. A.: Zementfliesen, in: Barcelona Tile Designs, Amsterdam 2006, S. 18–19.

Joliet, W.: Die Geschichte der Fliese, Köln 1996.

Lora, A. M. & Ortega, C.: El mosaico hidráulico: arte en evolución – Cement Tile: Evolution of an Art Form, Santo Domingo 2008.

Müller, W.-M.: Mit Füßen getreten – Mettlacher Platten, in: Baudenkmäler in Rheinland-Pfalz, Bd. 59, 2004, S. 103–104.

Renzi, J.: The Art of Tile, London 2009.

Arbeitskreis Keramik im HeimatMuseum Schloss Sinzig (Hrsg.): Heiß gebrannt und unverwüstlich. 140 Jahre Fliesen aus Sinzig, Meckenheim 2011.

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