Ein Stück Mond in Zürich – Die Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich 1970

„Houston, Tranquillity Base here. The Eagle has landed.“

Mit diesem Ausspruch von Neil Armstrong gipfelte das Wettrennen zum Mond, das zwischen den USA und der Sowjetunion im Kalten Krieg ausgetragen wurde, am 20. Juni 1969 in der ersten Mondlandung (Jaumann 2009, 36). Die folgenden Jahre bis zur letzten Landung auf dem Mond im Dezember 1972 waren in vielerlei Hinsicht prägend und beeinflussten eine gesamte Generation. Auch die Schweiz und ganz speziell die ETH Zürich waren vom „Mondfieber“ ergriffen und mit dem Sonnenwindexperiment zur Messung eines von der Sonne ausgehenden Teilchenstroms quasi mit an Bord der Mondfähre gewesen (Grünenfelder 1972, 8). An den Auswertungen der Ergebnisse und den Untersuchungen des Mondgesteins wirkte die ETH Zürich mit. Und 1970 kam der Mond Zürich tatsächlich zum Greifen nah: Ein Stück Mondstein wurde im Rahmen einer Ausstellung vom 21. bis zum 23. Mai der Öffentlichkeit präsentiert. Die Ausstellung wurde fotografisch von Hans Krebs dokumentiert, der im Auftrag der Comet Photo AG arbeitete. Die Fotografien der Ausstellungsreportage, deren Filmnegative im Bildarchiv der ETH Zürich aufbewahrt sind, geben Aufschluss über den Umgang mit den Ereignissen rund um die Mondlandung Anfang der 1970er Jahre und ermöglichen es, die Rolle von Bildern in Wissensprozessen genauer in den Blick zu nehmen: Was können die Fotografien über die Rolle des Mondsteins im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Erkenntnissen aus den Mondproben aussagen? Was erzählen sie über den Umgang mit Wissen und der Vermittlung von diesem?

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 1: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 2: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 3: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Betrachtet man die Bilder, die Nahaufnahmen des Mondgesteins aus der Ausstellung zeigen (Abb. 1, 2 und 3), fällt auf, dass der Mondstein selbst erstaunlich unspektakulär aussieht. Optisch unterscheidet er sich nicht von Steinen, die man auf der Erde finden kann. Zudem ist er sehr klein. Die Neue Züricher Zeitung schreibt dazu in einem kurzen Artikel über die Ausstellung:

[…] ein Stück vom Mond, etwa in der Größe einer Nuß, 32 Gramm schwer, ein kleiner, unscheinbar wirkender Teil jener Gesteinsproben, welche die Mannschaft von Apollo 11 von ihrem historischen Mondflug auf die Erde zurückbrachte (NZZ 1970, 29).

Ein Blick in die Broschüre, die im Rahmen der Ausstellung veröffentlicht wurde, zeigt, dass der Mondstein in der Ausstellung selbst gar nicht die entscheidende Rolle spielt. Genaugenommen wird in der Broschüre überhaupt nicht erwähnt, dass ein Stein vom Mond an der ETH zu sehen ist. In ihr wird zwar von den ersten wissenschaftlichen Erkenntnissen der ersten beiden Mondlandungen berichtet, aber kaum Bezug zur Ausstellung genommen. Der Stein kann anhand seiner Bezeichnung, die in der Neuen Züricher Zeitung genannt wird, einem Sample von Fundstücken aus einem Untersuchungsbericht der NASA zugeordnet werden. Er gehört demzufolge zur gleichen Gruppe von Gesteinen wie ein weiterer Mondstein, der in der Broschüre abgebildet ist, und entspricht damit hinsichtlich seiner Beschaffenheit in etwa irdischen Basalten (NASA 1975). Dies bedeutet, dass nicht nur der optische Eindruck des ausgestellten Mondsteins, sondern auch die chemische Zusammensetzung kaum auffällig ist. Der Mondstein selbst bot also in wissenschaftlicher Hinsicht kaum Neues. Warum also so viel Aufwand mit der Ausstellung des Stein und seiner Vorrichtung?

Nimmt man weitere Bilder der Ausstellung zur Hand (Abb. 4, 5 und 6), so zeigt sich, dass der Mondstein trotz seiner Unscheinbarkeit und des geringen wissenschaftlichen Neuigkeitswerts, eine ungeheure Faszination bei den Betrachtenden, die sich um den Stein herum drängen, auslöste.

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 4: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 5: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 6: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Auf den Fotos ist zu sehen, dass der Mondstein nicht in einer klassischen rechteckigen Ausstellungsvitrine angeordnet ist, sondern durch die Plexiglasschutzhülle einen eigenen „Kosmos“ erhält, dessen Mittelpunkt er bildet. So ist er nicht nur im übertragenen Sinne der Mittelpunkt der Ausstellung, sondern auch im ganz wörtlichen Sinn das Zentrum. Dieser Eindruck, hervorgerufen bereits durch die Form der Schutzhülle, wird durch die Lichtreflexionen der Deckenleuchten, die auf den Fotos prägnant zu sehen sind, noch verstärkt. Die Lichtreflexe winden sich regelrecht um den Stein, und erzeugen die optische Wirkung, dass er eine geheimnisvolle Kraft ausstrahlt, die die Lichtstrahlen anzieht und in seine Bahnen lenkt. Die Reflexe inszenieren ihn geradezu als ein heiliges Objekt, das im Gegensatz zu der profanen Erscheinung des Steins an sich steht (Schenkel 2013, xii).

Die Art der Präsentation des Steins legt nahe, dass es um mehr geht, als um den Stein an sich. Hier wird mithilfe der Inszenierung eine Narration geschaffen, die etwas zeigen soll, was über den Stein als Objekt hinausgeht. Die technische Leistung des Menschen, auf dem Mond gelandet zu sein. Der Stein wird damit zum pars pro toto, zum Stellvertreter für den Mond, und bekommt die Rolle eines Zeugen. Er schafft die Beweiskraft für die Mondlandungen und für die wissenschaftlichen Erkenntnisse daraus. Er wird zur Referenz und liefert dadurch Evidenz (Latour 1996, 199f. und 237ff).

Doch diese Evidenz ist nicht hieb- und stichfest. Dadurch, dass der Mondstein sich sowohl optisch, als auch chemisch kaum von Steinen auf der Erde unterscheidet, braucht der Stein selbst die Ausstellung mitsamt einer Reihe weiterer Exponate, Bilder und Erläuterungen um ihn herum, um ihn zum Mondstein zu machen. Der Mondstein ist für die Öffentlichkeit also nur dann ein Mondstein, wenn er als solcher inszeniert wird, wenn er in den Kontext der Raumfahrt und der Erzählung der Mondexpedition gestellt wird, wie es beispielsweise ein weiteres Foto der Ausstellung zeigt (Abb. 7) (Wagner 2007, 98).

Mondgestein-Ausstellung in der ETH

Abbildung 7: Hans Krebs, Mondgestein-Ausstellung an der ETH Zürich. 1970.

Die Untersuchung des Mondes anhand von Mondsteinen an der ETH war 1970 übrigens noch nicht abgeschlossen. Zwei Jahre später gab Peter Signer, der an der Ausstellungsbroschüre und vermutlich an der Ausstellung selbst beteiligt gewesen war, beim Photographischen Institut der ETH Zürich einige Fotografien von weiteren Mondsteinen in Auftrag. Die Steine, die dort abgelichtet wurden, entsprechen dabei weder dem zum Star gewordenen Mondstein der Ausstellung, noch den Abbildungen von Mondsteinen, die in der Broschüre waren. Jenseits des öffentlichkeitswirksamen Rummels um einen einzigen Mondstein waren also noch mehr Mondsteine zumindest zeitweise in Besitz der der ETH und damit in Zürich. Allerdings wurden sie jedoch nicht einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht, sondern hinter den verschlossenen Türen der Institute untersucht.

Literaturangaben:

Armstrong, Neil zitiert nach Edwin „Buzz“ Aldrin Jr. zitiert nach Jaumann, Ralf und Köhler, Ulrich. Der Mond, Entstehung, Erforschung, Raumfahrt. Köln: Fackelträger Verlag, 2009.

Grünenfelder, Marc. Der Mond Ausstellung von Mondgestein, Erste Wissenschaftliche Ergebnisse. Zürich: ETH, 1972.

Latour, Bruno. Der „Pedologen-Faden“ von Boa Vista – eine photophilosophische Montage. In: Der Berliner Schlüssel : Erkundungen eines Liebhabers der Wissenschaften. Berlin: Akademie Verlag, 1996.

NASA. 10017. 1975. S.3. Unter: http://curator.jsc.nasa.gov/lunar/catalogs/apollo11/10017.pdf [24.01.2015]

o.A. Nummer 10 017.60 auf Tournee. Mondgesteinausstellung in der ETH. In: Neue Züricher Zeitung, Ausgabe Nr. 229 vom 21.5.1970.

Schenkel, Elmar. Unterwegs in den Weltraum. In: Sonne, Mond und Ferne : der Weltraum in Philosophie, Politik und Literatur. Herausgegeben von Elmar Schenkel und Kati Voigt. Frankfurt am Main: PL Academic Research, 2013.

Wagner, Monika. Besuch aus dem All. Der Stein vom Mond und die Magie der Berührung. In: Bild/Geschichte : Festschrift für Horst Bredekamp. Herausgegeben von Philine Helas et al.Berlin: Akademie, 2007.

Abbildungsverzeichnis:

Abbildung 1: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0218 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 2: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0216 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 3: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0220 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 4: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0311 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 5: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0333 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 6: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0322 / CC BY-SA 4.0

Abbildung 7: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv\k / Fotograf: Krebs, Hans, Fotograf / Com_L19-0276-0119 / CC BY-SA 4.0

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