Öppi der Student – Zum 30. Todestag von Arnold Kübler (1890-1983)

„Herr Eppi, was ischt den dees? No net aus die Federe? Auf, auf, sischt bald siebene voll. Was isch mer denn dees fir e Eirichtung!“

ZVAB

Arnold Kübler, Öppi der Student, 1947. Auf dem Schutzumschlag, gezeichnet vom Autor, erhöht über dem Dachgewirr Zürichs im Hintergrund die Universität, die „Hohe Schule von Cheudra“ (Bild: zvab.com)

„Herr Eppi, was ischt den dees? No net aus die Federe? Auf, auf, sischt bald siebene voll. Was isch mer denn dees fir e Eirichtung!“

So wird Öppi der Student im gleichnamigen Buch von der süddeutschen Nichte seiner Zimmerwirtin geweckt. Arnold Kübler, Redaktor, Schriftsteller, Schauspieler, Zeichner, dessen Todestag sich am 27. Dezember zum dreissigsten Mal jährt, beschreibt im 1947 publizierten zweiten Band seiner zweitausendeinhundertseitigen autobiografischen Romanfolge sein Geologiestudium in den Jahren 1911-1915 in Zürich.

Öppi, vom mundartlichen öpper = jemand, fühlt sich fremd an der Hohen Schule in Cheudra (kaue daran = Zürich), begibt sich daher gerne unter die Fittiche des alten Tal (Professor Albert Heim) und ist von dessen Lehrmethode fasziniert:

„Grossartig war’s, richtig grossartig, so wie Öppi es gar nicht geahnt hatte. […] Die Werdegeschichte der Erde war des alten Tal Sache […]. Es war ihm nicht allein darum zu tun, seinen Hörern zu berichten, was er gefunden hatte, er wollte sie auch fragen lehren, wie er zu fragen pflegte […]. Ein völlig Neues war’s, als der alte Tal eines Tages mit einer Pferdedecke zur Vorlesung kam, die Pferdedecke auf dem Tisch ausbreitete, als er hernach, vom Schwund des Erdkerns und von Seitendruck der Rindenschichten redend, seine alten Hände auf die Pferdedecke legte und seitlich schiebend vor den Augen der Hörer und vor den Ohren der Seher die Pferdedecke in Falten legte, Gewölbe und langhingezogene Täler darin erzeugte, Abbilder der Wogenberge, Wiederholung der Urvorgänge, die zur Gebirgsbildung geführt hatten.“

Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911

Arnold Kübler als Student im Fensterrahmen. Ausschnitt aus „Schlussexkursion ins Windgällengebiet 1911“ (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0494b-0115-067-AL)

Auch die anderen Dozierenden und Mitstudierenden werden detailliert charakterisiert, nicht jeder kommt so vorteilhaft weg wie der grossväterliche Tal. Als dieser unverhofft emeritiert, begibt sich Öppi, der in der akademischen Umgebung nicht heimisch wird und sich obendrein auch von seinem bäuerlichen Zuhause entfremdet hat, auf Kunstreise nach Florenz und Rom. Zurückgekehrt wird er bereitwillig wieder in den Kreis der früheren Kollegen aufgenommen, doch sind diese nun bereits weiter fortgeschritten als er. Alle sind zielstrebig, er ist der einzige, der nicht weiss, wie es mit ihm weitergehen soll. Die Gesteinskunde und Erdgeschichte sagen ihm nicht mehr viel, vielmehr sind seine künstlerischen Neigungen geweckt. Der Nachfolger des alten Tal kommandiert auf Exkursionen die Teilnehmenden mit einer Trillerpfeife herum wie junge Hunde, Öppi wendet sich wie viele seiner Kollegen daher vermehrt dem Professor für Kristallographie zu. Im Labor von dessen Mitarbeiterin lernt er Dünnschliffe herstellen und mit chemischen Methoden Gesteinsproben analysieren. Als er gelobt wird, erschrickt er vor einer möglichen Zukunft in den Kellerkatakomben und beschliesst den Abbruch des Studiums. Noch hält ihn das Angebot, die private Bibliothek des alten Tal zu ordnen, zurück. Nachdem er ein wertvolles Instrument des verehrten Meisters beschädigt hat, hält ihn nichts mehr.

Hs_0494b-0115-067-AL

Die letzte Exkursion für Studierende unter der Leitung von Professor Albert Heim führte im Juli 1911 ins Windgällengebiet (ETH-Bibliothek, Bildarchiv, Hs_0494b-0115-067-AL)

Das epische Opus, dessen zahlreiches Personal Conrad Burri, Professor für Petrographie an der ETH, 1961 entschlüsselte, erzählt nicht nur den einstigen Studienbetrieb. Als Alltagsgeschichtsbuch gibt es auch Einblick in Lebensumstände und Freizeitverhalten von damaligen männlichen Studierenden bis hin zu sich verändernden Kleidergewohnheiten:

„Die Selbstbetrachtungen des Abends führten auch zu den Hemden und Kragen. Kavestrau trug um den Hals die weissen, steifen Stücke mit den sogenannten Sprungbrettchen, umgelegten Ecken, eine eher unmodische, aber gepflegte Form, die ihm einen Schimmer gut bewährter, überzeitlicher Eleganz verlieh. Bei den Unterhosen aber dachte Öppi wiederum obenauf zu schwingen und dem Kavestrau einiges heimzuzahlen, der ein solches Muttersöhnchen war, dass er derlei Unterzeug, wenn auch dünnes, sogar im Sommer trug, während Öppi solches überhaupt nie auf dem abgehärteten Leibe getragen hatte. ‚Keine Unterhosen? Nie? Das ist eine Sauerei, einfach eine Sauerei!‘ Kavestrau liebte die unmissverständlichen Antworten. Er war ein stachliger Umgang. Dennoch hielt Öppi sich an die Wahrheit des Ausspruchs, ging zum Unterhosentragen über […].“

Hinweise:

Arnold Küblers Öppi Romane sind über das Wissensportal bestell- und ausleihbar.

Im Hochschularchiv der ETH werden die wissenschaftlichen Nachlässe mancher Geologen aufbewahrt, die in Öppi der Student erwähnt sind. Arnold Küblers eigener Nachlass befindet sich in der Zentralbibliothek Zürich.

 

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